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Geiselnahme in Nairobi: Schüsse und Explosionen im Morgengrauen

Foto: TONY KARUMBA/ AFP

Attacke in Nairobi Westliche Kämpfer im Dienst der Terrormiliz

Waren internationale Kämpfer an dem Blutbad von Nairobi beteiligt? Eine kenianische Ministerin vermutet "Amerikaner und eine Britin" unter den Angreifern. Großbritannien und die USA fürchten bereits Nachahmer - potentielle Unterstützer gäbe es genug.

Nairobi - Als die Angreifer am Samstagmittag das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi stürmten, brach binnen Sekunden Chaos aus. Menschen rannten um ihr Leben, Verletzte und Tote lagen am Boden, immer wieder dröhnten die Salven der Maschinengewehre. Augenzeugen, die diesem Alptraum entrinnen konnten, liefern in ihren Berichten nur Bruchstücke der Situation. Doch nun, da sich das Geiseldrama in den vierten Tag zieht, lassen die Schilderungen der Überlebenden zumindest einen Schluss zu: Mehrere Angreifer wandten sich in englischer Sprache an die verängstigten Mall-Besucher und schienen diese gut zu beherrschen.

Natürlich wird auch in Afrika die englische Sprache gelehrt und gesprochen. Ein Interview der kenianischen Außenministerin Amina Mohamed nährt jedoch Vermutungen, wonach sich auch Ausländer mit oder ohne somalische Wurzeln, an der Attacke beteiligt haben könnten.

Mohamed hatte bereits in einer frühen Phase des Geiseldramas mitgeteilt, dass sich "zwei oder drei Amerikaner" und eine "Britin" unter den Angreifern befänden.

In einem Interview mit dem US-Sender PBS präzisierte sie diese Angaben weiter. Die Amerikaner seien "junge Männer, 18 oder 19 Jahre alt", so die Ministerin. Zwar hätten diese somalische oder arabische Wurzeln, aber "in Minnesota und einem anderen Ort" der USA gelebt.

Der Name des Bundesstaats im Norden der USA fällt im Zusammenhang mit dem Krisenland Somalia immer wieder. Laut den aktuellen Zensus-Zahlen lebt jeder dritte Somali in den USA in Minnesota. Die somalische Enklave dort umfasst nach Erhebungen des Zensus-Büros mehr als 25.000 Menschen. Mehr als 80.000 sind es demnach in den kompletten USA.

Noch mehr Menschen mit somalischen Wurzeln leben laut der britischen "Times" in Großbritannien. Dort sollen es mehr als 100.000 sein. Immer wieder gibt es Berichte über Männer, die plötzlich aus ihren gewohnten Umgebungen verschwinden und später in Somalia wieder auftauchen. Diese Männer gelten meist als sehr jung und beeinflussbar. Am Horn von Afrika durchlaufen sie die Trainingslager der Miliz, werden an der Waffe und in asymmetrischer Kriegsführung ausgebildet. Konkrete Angaben über diese "Terror-Touristen" sind rar. Die "Times" gibt ihre Zahl für Großbritannien mit 50 an .

Rätsel um Beteiligung von Samantha L.

Einen Sonderfall stellt sicher die britische Angreiferin dar. Über die Beteiligung der Frau an der Bluttat von Nairobi sagte Ministerin Mohamed, diese habe "so etwas schon oft getan".

Damit nährt die Ministerin Spekulationen, wonach sich die britische Terrorverdächtige Samantha L. unter den Geiselnehmern befinden könnte. Diese wird in Ostafrika vermutet, von afrikanischen und britischen Behörden gesucht, und soll in mindestens einen weiteren Terroranschlag an der kenianischen Küste verwickelt sein.

Augenzeugen hatten nach dem Angriff berichtet, in der Gruppe der Terroristen habe sich auch eine "Mzungu" befunden. Das Wort gilt in vielen afrikanischen Sprachen als Sammelbegriff für Menschen mit heller Haut.

Samantha L., von der britischen Boulevard-Presse zur "Weißen Witwe" hochgeschrieben, soll sich im März 2012 nach Somalia abgesetzt haben. Im weitgehend rechtsfreien Raum des Bürgerkriegslandes entzieht sie sich seitdem des Zugriffs durch die internationalen Fahnder. Vor ihrer Flucht durch Afrika war sie mit Jermaine Lindsay verheiratet, einem der Drahtzieher hinter dem tödlichen Bombenanschlag in London im Jahr 2005.

Mysteriöse Liste per Twitter

Es gibt weitere Indizien für internationale Beteiligung an der Attacke. Über einen Twitter-Account, der Schabab-Miliz zugerechnet wird, waren bereits am Sonntag die Namen und Herkunftsländer von 17 Angreifern veröffentlicht worden. Auf der Liste finden sich neben Finnen, Schweden und Russen auch sechs Männer mit US-amerikanischen Wurzeln.

Zwar wurden die Namen von einer anderen Schabab-Twitter-Quelle inzwischen dementiert. Dennoch wäre eine Zusammensetzung der Gruppe, wie in dem Posting angedeutet, durchaus realistisch. Längst zählt die Schabab-Miliz nicht mehr nur Somalis in ihren Reihen. Sympathisanten aus vielen Ländern lassen sich seit Jahren in Somalia ausbilden und stellen ihre Dienste den radikalen Islamisten zur Verfügung.

Briten und Amerikaner fürchten Nachahmer

Nach der Bluttat in Kenia wächst nun auch in anderen Ländern die Sorge vor möglichen Attacken der Miliz. Wie die "Times" berichtet, durchkämmt der britische Inlandsgeheimdienst derzeit seine Datenbanken nach Personen, die zum Dunstkreis der Schabab gehören könnten. Besonders im Fokus stehen dabei Rückkehrer aus Somalia, die dort an der Waffe ausgebildet worden sein könnten. Die Behörden sind offenbar in größter Sorge, dass sich ähnliche Attacken auch auf britischem Boden wiederholen könnten.

Auch die USA haben längst ihre Sicherheitsberater in Kenia vor Ort. Die CIA-Zentrale in Nairobi gilt als eine der einflussreichsten des Kontinents. Von dort aus werden die Aktivitäten der Schabab-Miliz beobachtet, so gut es geht. Auch die US-Ermittler hoffen, ein Frühwarnsystem für Schabab-Angriffe aufzubauen. Die nach bisherigem Stand lange geplante und straff organisierte Attacke auf das Westgate-Einkaufszentrum konnte jedoch auch dieses nicht verhindern. Nun wurden am Times Square in New York die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt.

jok
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