Deutsche Kolonialgüter sollen zurück nach Namibia Die Ministerin, die Bibel und die Peitsche

In deutschen Museen liegen Tausende in der Kolonialzeit geraubte Gegenstände. Nun gibt Baden-Württemberg zwei Objekte an Namibia zurück - und sorgt damit für Unruhe in dem afrikanischen Land.

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Hendrik Witbooi war ein gläubiger Häuptling. Sein Stamm gehörte zur afrikanischen Bevölkerungsgruppe der Nama - und mit Gottvertrauen führte er ihn in einen Krieg gegen die deutschen Invasoren. Diese sorgten Anfang des 20. Jahrhunderts im heutigen Namibia für Angst und Schrecken. "Deutsch-Südwestafrika" nannten die Kolonialherren das Land, dessen ursprüngliche Einwohner sie unterjochten.

Witbooi wurde am 29. Oktober 1905 von der Kugel einer kaiserlichen "Schutztruppe" getroffen. Er verblutete noch am selben Tag. Aus seinem Hauptsitz brachten die deutschen Besatzer eine Bibel und eine Rinderpeitsche nach Stuttgart. Dort gehörten die beiden Objekte seit 1911 zum Bestand des Linden-Museums - als zwei von insgesamt etwa 25.300 kolonialen Objekten, davon allein 2200 aus Namibia.

Nach der Unabhängigkeit des afrikanischen Landes 1990 avancierte Witbooi zum Nationalhelden. 2013 äußerte der namibische Staat den Wunsch, Bibel und Peitsche zurückzuerhalten. Auf Initiative der baden-württembergischen Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Theresia Bauer (Grüne), beschloss die grün-schwarze Landesregierung Mitte November 2018 schließlich die Restitution.

Zuvor hatte Bauer versichert, bei der Rückgabe handele es sich um ein "Best-Practice-Beispiel", also ein wegweisendes Erfolgsmodell. Nach dem Kabinettsbeschluss betonte sie, für Namibia sei "die Bibel von höchster symbolischer und historischer Bedeutung". Der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte, die Restitution sei "ein bedeutendes Signal und wichtiger Schritt im Prozess der Versöhnung".

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Namibia: Die späten Folgen der kolonialen Verbrechen

Inzwischen stellt sich indes die Frage, wer sich versöhnen soll - und mit wem. Denn wenn Ministerin Bauer an diesem Montagabend mit Bibel und Peitsche im Gepäck nach Namibia fliegt, sorgt sie in dem afrikanischen Land auch für Zerwürfnisse. Der Grund: Ein Teil der Nama-Nachfahren fühlt sich von der derzeitigen Regierung in Windhoek, die vom Volk der Ovombo dominiert ist, nicht vertreten.

Die Vereinigung der Nama-Stammesältesten (NTLA) wollte die Rückgabe der beiden Objekte deshalb unbedingt verhindern. Sie beauftragte eigens einen Anwalt damit, rechtliche Schritte einzuleiten. Und sie stellte eilig einen Antrag auf Aussetzung der Restitution beim Landesverfassungsgericht, der jedoch Ende vergangener Woche abgelehnt wurde.

Nachfolgestreit um die Vorherrschaft

Anschließend bemerkte Ministerin Bauer, sie halte wie geplant an der Rückgabe fest. Der Rechtsstreit betreffe Konflikte, "die innerhalb Namibias geklärt werden müssen". Bauer verwies darauf, dass im Oktober 2018 offizielle Gespräche mit Nachfahren der Familie Witbooi und Vertretern der Nama geführt worden seien. Diese hätten sich mit dem Verfahren ausdrücklich einverstanden erklärt.

Aus diplomatischen Kreisen in Windhoek ist dagegen zu hören, dass die Witbooi-Familie seit 2011/12 tief gespalten sei. Damals habe es innerhalb des Clans einen Nachfolgestreit um die Vorherrschaft gegeben. Die Folge: Nur ein Teil sei heute loyal gegenüber der namibischen Regierung, der andere fühle sich von der NTLA vertreten.

Die Stammesältesten beklagen, sie seien von der namibischen Regierung nicht in die Gespräche mit der deutschen Seite einbezogen worden. Mit der nun erfolgenden offiziellen Rückgabe werde ihnen zudem die Möglichkeit genommen, selbst mit der Bundesrepublik über die Restitution und weitere mögliche Entschädigungszahlungen zu verhandeln.

Die anlässlich der geplanten Übergabe von Bibel und Peitsche auflebenden Spannungen zwischen Teilen der Nama und der Regierung in Windhoek zeigen, welches Konfliktpotenzial die Restitution von geraubten Kulturgütern aus der Kolonialzeit birgt, die zu Tausenden in deutschen Museen liegen. Wer sind die rechtmäßigen Eigentümer? Und kann man dem namibischen Staat Objekte übereignen, obwohl es ihn zur Kolonialzeit noch gar nicht gab?

Die Antwort auf solch schwierige Fragen verlangt außenpolitische Erfahrung, internationale Diplomatie zählte bislang indes nicht zu den Kernkompetenzen des baden-württembergischen Wissenschaftsministeriums. Der FDP-Oppositionspolitiker Nico Weinmann kritisierte denn auch, Ministerin Bauer lasse eine besondere Sensibilität gegenüber den Interessengruppen vermissen und werde der historischen Verantwortung nicht gerecht.

Aus Berlin kommt Unterstützung für die Ministerin

Bauer forcierte die Restitution seit Monaten, obwohl Bund und Länder derzeit noch immer über eine gemeinsame politische Position zum Umgang mit Kulturgut aus kolonialen Kontexten verhandeln. Manche im politischen Stuttgart werfen der Ministerin hinter vorgehaltener Hand vor, sie wolle durch die öffentlichkeitswirksame Rückgabe der Kulturgüter von eigenen Problemen ablenken. So steht sie seit Längerem in der Kritik wegen einer Affäre rund um rechtswidrige Zulagen für Professoren der Hochschule Ludwigsburg.

Aus Berlin erhält Bauer derweil Rückendeckung. Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering (SPD), schrieb ihr, die Rückgabe der Bibel und der Peitsche sei ein guter und wichtiger Schritt und fördere den Prozess der Versöhnung. Auch der Namibia-Beauftragte der Bundesregierung, Ruprecht Polenz (CDU), äußerte sich Ende vergangener Woche positiv zur Reise der Ministerin.

Bereits im August 2018 hatte die Bundesregierung einer namibischen Delegation in einer offiziellen Zeremonie einst geraubte Gebeine einheimischer Gemeinschaften übergeben. Seit Jahren verhandeln beide Länder über eine angemessene deutsche Entschädigung für die kolonialen Verbrechen, denen in "Deutsch-Südwestafrika" (so der deutsche Kolonialname) zwischen 1904 und 1908 bis zu 100.000 Menschen zum Opfer fielen.



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dasfred 25.02.2019
1. Unsensibel
Aus dem Artikel geht für mich hervor, dass die Eigentumsfrage noch lange nicht abschließend geklärt ist. In dieser Situation ist die Rückgabe eher ein Anlass für einen Erbstreit, der ohne Not entfacht wurde. Sowohl die Ministerin, als auch Frau Müntefering scheinen mir nicht in der Lage, die Tragweite ihres Handelns zu begreifen.
Europa! 25.02.2019
2. Oh je!
Ausgerechnet Peitsche und Bibel! Das freut den Afrikaner. Das Steinkreuz im Bild ist übrigens ein portugiesischer Padrao. Den haben die Portugiesen an Bord ihrer Schiffe mitgebracht, um ihre Ansprüche anzuzeigen.
flaffi 25.02.2019
3. Lächerlich
Wer sich auf so einen Stuß einlässt, der soll auch damit klarkommen.
s-achte 25.02.2019
4. Meines Erachtens
ist eigentlich nicht die eigentliche Rückgabe das Hauptproblem, sondern ein Grundübel fast aller regionalen Konflikte in Afrika: die Definition von Nationen und Grenzen, die so nie existiert hatten und das, ohne Rücksicht auf die historischen Gebietsaufteilungen der dortigen Menschen und Strukturen. Das popt halt auch da wieder hoch.
Sokrates1939 25.02.2019
5.
Siegestrophäen sind kein Raub, Kolonialherren keine Räuber. Rechtliche Grundlagen für Rückgabeansprüche sehe ich nicht.
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