Proteste am türkischen Nationalfeiertag Die gespaltene Republik

Die Republik Türkei feiert ihren 90. Geburtstag. Während Kränze niedergelegt werden und ein Bahntunnel unter dem Bosporus eröffnet wird, demonstrieren Tausende Menschen gegen die Regierung. Sie verlangen mehr Freiheit, echte Demokratie und eine Rückbesinnung auf Staatsgründer Atatürk.

Demonstration am Atatürk-Mausoleum: Protest gegen die Regierung Erdogan
REUTERS

Demonstration am Atatürk-Mausoleum: Protest gegen die Regierung Erdogan

Von , Istanbul


Tausende Menschen protestierten am Dienstag in Istanbul gegen die autoritäre Politik der Regierung von Recep Tayyip Erdogan. Mehrere Tausend Demonstranten trafen sich zur Mittagszeit allein im Stadtteil Kadiköy, auf der asiatischen Seite der Stadt, um mit Fähren auf die europäische Seite zu fahren. Ziel der Protestzüge war der Taksim-Platz, wo im Sommer der Widerstand zunächst gegen die Bebauung des dortigen Gezi-Parks begonnen hatte. Daraus wurdeein Protest gegen die Regierung und die regierende AK-Partei, der auf das gesamte Land übergriff. Die Polizei griff zum Teil mit brutaler Härte gegen die Demonstranten durch, setzte Tränengas und Gummigeschosse ein.

Der Protest am Dienstag, dem Nationalfeiertag "Tag der Republik", stand unter dem Motto "Die Türkei beugt sich der AK-Partei nicht". Mehrere Oppositionsgruppen hatten dazu aufgerufen. Die Istiklal Caddesi, Haupteinkaufsstraße Istanbuls, begann sich zur Mittagszeit zu füllen. Am frühen Nachmittag strömten von dort, aber auch aus anderen Richtungen Menschen zum Taksim-Platz. Sie schwenkten die türkische Nationalflagge, oft mit dem Konterfei von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk bedruckt.

Die Polizei stand mit Wasserwerfern und Gasmunition bereit, bis zum frühen Abend blieben die Proteste aber weitgehen friedlich. Nur stellenweise wurde von Tränengaseinsatz berichtet. "Wir folgen dir, Atatürk", riefen viele Demonstranten, und "Wir sind Soldaten von Mustafa Kemal." Damit feierten sie nicht nur die Ausrufung der Republik Türkei am 29. Oktober 1923 durch Atatürk, sondern distanzierten sich zugleich von Premierminister Erdogan, dessen Politik von vielen als Abkehr von Atatürks laizistischem Kurs aufgefasst wird. Atatürk gilt immer noch als Nationalheld, sein Porträt hängt in allen Büros und Geschäftsräumen. Er hatte nach dem Ende des Osmanischen Reichs eine strikte Trennung von Staat und Religion eingeführt.

"Er will Atatürk vom Sockel stoßen"

Dass Erdogan nun wieder das Tragen von Kopftüchern in staatlichen Einrichtungen erlauben will, empfinden viele als skandalös. "Außerdem ist er autoritär, akzeptiert keine Kritik und will am liebsten Atatürk vom Sockel stoßen, um selbst zum Übervater der türkischen Nation zu werden", sagte Merve Akgün, eine Lehrerin, die aus dem asiatischen Teil der Stadt gekommen war. "Wer weiß, vielleicht feiern wir demnächst den ersten Geburtstag des Sultanats von Erdogan."

Der Premierminister ist in den vergangenen Monaten immer wieder mit spitzen Bemerkungen über Atatürk aufgefallen. So will er den Alkoholkonsum in der Türkei eindämmen, indem er zum Beispiel die Alkoholsteuer drastisch erhöht und die Verkaufszeiten beschränkt. In dieser Debatte spielte er auf die Trinkgewohnheit Atatürks an, der gerne Raki trank, den türkischen Anisschnaps. In einer Rede vor seiner Parlamentsfraktion fragte er, ob denn ein Gesetz, das auf die Gebote der Religion setze, weniger Respekt verdiene als die bisherige Alkoholgesetzgebung, die auf einen "Trinker" zurückgehe.

Lobende Worte für Atatürk fand am Dienstag vor allem Staatspräsident Abdullah Gül, der als innerparteilicher Rivale von Erdogan gilt. Bei der offiziellen Feier zum 90-jährigen Bestehen der Republik sagte Gül am Mausoleum des Staatsgründers in der Hauptstadt Ankara, man könne stolz sein auf das, was die Türkei seit Atatürk geschafft habe. Das Land erlebe einen "Aufstieg in allen Gebieten" und entwickle sich zu einem "globalen Zentrum".

Am Abend eröffnete Erdogan gemeinsam mit Gül und im Beisein des japanischen Premierministers Shinzo Abe, des rumänischen Regierungschefs Victor Ponta und des somalischen Präsidenten Hasan Sheikh Mahmud den Bahntunnel, der den Bosporus unterquert und damit den asiatischen und europäischen Teil von Istanbul miteinander verbindet .

Auch die AK-Partei hatte zu diesem Anlass einige tausend Anhänger mobilisiert, die Erdogan in Istanbul feierten. Bilder von diesen Kundgebungen sowie von den Protesten rund um den Taksim-Platz zeigten, wie gespalten die Republik an ihrem 90. Geburtstag ist.

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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
der_beste 29.10.2013
1. Spaltung
Die Spaltung ist den tausenden Demonstranten gut gelungen. Langsam wird die einseitige Berichterstattung zu offensichtlich Hasnain Kazim
objektive_betrachtung 29.10.2013
2.
Tja, was bleibt einem übrig, wenn man bei Wahlen keine Chance gegen Erdogan hat? Wenn die Opposition im Land einfach nicht in der Lage ist, eine alternative Politik zu bieten und sich in ihrer rückwärts gerichteten Ideologie verschanzt? Man terrorisiert dann halt die Straßen und versucht, durch Gewalttätigkeiten eine demokratisch gewählte Regierung zu stürzen. Mich würde interessieren, wie die deutsche Politik und im Ergebnis die deutsche Polizei auf solche Zustände reagieren würden? G8 Gipfel in Heiligendamm, Castor Transporte, Stuttgart 21, 1. Mai Ausschreitungen usw. Ich glaube, Deutschland hätte genau wie die Türkei reagiert. Man hat in Istanbul keine Meinung unterdrückt, sondern konsequent versucht, die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten
Karbonator 29.10.2013
3.
Zitat von der_besteDie Spaltung ist den tausenden Demonstranten gut gelungen. Langsam wird die einseitige Berichterstattung zu offensichtlich Hasnain Kazim
Die Tausenden, eigentliche Zehntausenden sind ja nicht aus Spaß an der Freude auf die Straßen gegangen. Und auch nicht, weil sie sich wieder auf Atatürk zurückbesinnen wollen, wie es teilweise im Artikel heißt. Daß natürlich an einem solchen Feiertag vor allem Atatürk gehuldigt wird, ist nachvollziehbar. Allerdings treibt die Unzufriedenen nicht der Wunsch nach Rückbesinnung auf Atatürk an, sondern die Unzufriedenheit mit Erdogan und seiner Truppe - in vielen Bereichen. Erfreulicherweise wird das aber auch im Artikel erwähnt. Aber all diese Unruhen wären überhaupt gar nicht erst entstanden, wenn die Regierung seit Ende Mai nicht so brutal gegen Demonstranten vorgehen würde. Alleine durch dieses Vorgehen wurden die Unzufriedenen und Demonstrierenden derart zusammengeschweißt und angestachelt, daß diese Unruhen nicht mehr abebben werden, bis Erdogan nicht mehr an der Macht ist.
Grösas 29.10.2013
4.
"echte Demokratie und eine Rückbesinnung auf Staatsgründer Atatürk." Nur blöd das Atatürk alles andere als ein "echter Demokrat" war, Herr Kazim.
Yabanci Unsur 29.10.2013
5. Ein eitler Gewaltherrscher
"Er hatte nach dem Ende des Osmanischen Reichs eine strikte Trennung von Staat und Religion eingeführt." Wer ein Amt für Religiöse Angelegenheiten (Diyanet) einrichtet, um alle Einwohner der Türkei zu sunnifizieren und der religiöse Minderheiten entweder vertreibt oder durch Enteignung zum Verlassen des Landes bewegen will, setzt Religion als Waffe ein. Atatürk war einer der vielen Gewaltherrscher in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert, die durch Social Engineering einen neuen Menschen schaffen wollten. Dazu gehörte auch die nicht minder gewaltsame Änderung des Überbau. Mit der Abschaffung des arabischen Alphabets wurden die Menschen von ihrer Geschichte abgeschnitten. Als Ersatz für echte Kultur wurden die Türken zum universalen Kulturvolk erklärt, von dem alle Kultur (einschließlich Amerikas!) und alle Sprachen abstammen. Die Folgen sind noch heute spürbar. (Zum Alkohol fiel das Wort von den "iki ayaş" den zwei Säufern: Inönü und Atatürk)
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