Prestige-Posten Deutschland will Vizegeneralsekretär der Nato stellen

Die Bundesregierung will ihre Rolle bei der Nato stärken. Nach SPIEGEL-Informationen würde Berlin gern den Posten des stellvertretenden Generalsekretärs besetzen.
Botschafter Martin Erdmann

Botschafter Martin Erdmann

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Die Bundesregierung bewirbt sich nach SPIEGEL-Informationen erstmals seit Gründung der Nordatlantischen Allianz um den Posten des stellvertretenden Nato-Generalsekretärs. Im Herbst dieses Jahres scheidet der Amerikaner Alexander Vershbow als Stellvertreter von Nato-Chef Jens Stoltenberg aus. Seit Anfang 2016 wird deswegen hinter den Kulissen streng vertraulich nach einem Nachfolger gesucht, der dann im Oktober antreten soll.

Bekäme Deutschland den wichtigen Posten, würde dies den Einfluss Berlins im Militärbündnis zweifellos stärken. Zwar ist Deutschland mit Heinrich Brauss als Beigeordnetem Generalsekretär in der obersten zivilen Etage des Militärbündnisses vertreten. Außerdem bekommt die Bundeswehr per Proporz immer einige Spitzenposten in dem von den Amerikanern dominierten Militärapparat der Nato. Der Stellvertreterposten wäre allerdings noch deutlich prestigeträchtiger. (Diese Meldung stammt aus dem SPIEGEL. Den neuen SPIEGEL finden Sie hier.)

Ins Rennen um die zweithöchste zivile Nato-Position schickt Berlin ausgerechnet den derzeitigen deutschen Botschafter in Ankara, Martin Erdmann. Der deutsche Spitzendiplomat und frühere Sprecher des Auswärtigen Amts (AA) war erst im vergangenen August von seinem Posten als Nato-Botschafter Deutschlands vom Allianz-Hauptquartier nach Ankara gewechselt.

Erdmann gilt als intimer Kenner der Nato, wohl kein anderer deutscher Diplomat kann die Allianz so gut analysieren. Von 2005 an war der 61-Jährige bereits als Beigeordneter Generalsekretär für Politische Angelegenheiten aktiv.

Fünf Jahre später wurde er Nato-Botschafter Deutschlands. In der Krim-Krise und beim Konflikt in der Ostukraine vermittelte Erdmann zwischen den Scharfmachern in den USA und Osteueropa und den eher zurückhaltenderen Mitgliedsländern in West- und Südeuropa.

In seinem aktuellen Job in Ankara geriet Erdmann ins Visier der türkischen Regierung. Das Außenministerium bestellte Erdmann mehrmals ein, um sich über Kritik aus Deutschland zu beschweren. Zuletzt musste er sich wegen der Armenien-Resolution des Bundestages rechtfertigen.

Staatspräsident Erdogan hatte Erdmann sogar persönlich kritisiert, weil er am Karfreitag auf der Besucherbank beim Prozess gegen den regierungskritischen "Cumhuriyet"-Chefredakteur Can Dündar erschienen war. "Dies ist nicht Ihr Land, dies ist die Türkei", empörte sich Erdogan in einer öffentlichen Rede.

Weitere Bewerber für den Vize-Posten

In Berlin wird versichert, die Unterstützung der Bundesregierung für die Bewerbung Erdmanns habe nichts mit den deutsch-türkischen Auseinandersetzungen der vergangenen Monate zu tun. Wahr ist aber auch, dass ein Abschied Erdmanns aus Ankara nach etwas mehr als nur einem Jahr den deutsch-türkischen Beziehungen kaum schaden würde.

Erst kürzlich hatte der EU-Botschafter in der Türkei, der deutsche Diplomat Hansjörg Haber, seinen Posten überraschend aufgegeben. Haber war von der Erdogan-Regierung wegen einer angeblich Türkei-feindlichen Äußerung scharf kritisiert worden.

Ob Erdmann den wichtigen Posten bei der Nato tatsächlich bekommt, ist noch nicht abzusehen. Für die Position im Hauptquartier in Brüssel haben sich auch ein Kandidat aus Estland und eine Amerikanerin beworben, alle haben bereits bei Nato-Generalsekretär Stoltenberg vorgesprochen. Die Entscheidung treffen nicht die 28 Mitgliedstaaten im Nato-Rat, vielmehr sucht sich der Generalsekretär selber seinen Vize aus.

In der Nato-Zentrale werden Erdmann gute Chancen eingeräumt. Manche verweisen jedoch darauf, dass am Ende den Ausschlag geben könnte, dass die Bewerberin aus den USA eine Frau ist.

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