Nato-Einsatz Bin-Laden-Tod befeuert Debatte über Afghanistan-Abzug

Der Erzfeind ist tot, warum noch in Afghanistan bleiben? Nach der Kommandoaktion gegen Osama Bin Laden mehren sich in den USA die Rufe nach einem raschen Abzug vom Hindukusch. Auch in Europa und in Deutschland verlangen Kriegsgegner jetzt das Ende des Kampfeinsatzes.

US-Soldaten in Afghanistan: Kommt schon bald der Abzug?
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US-Soldaten in Afghanistan: Kommt schon bald der Abzug?

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Berlin - Für Kenny Sprecht hat sich in der Nacht zu Montag ein Kreis geschlossen. Als Feuerwehrmann war er am 11. September 2001 in New York im Einsatz, er erlebte das Wüten Osama Bin Ladens hautnah. Kurz darauf zogen die USA und ihre Verbündeten in die Schlacht gegen die Taliban in Afghanistan, ihr Ziel: Terrorfürst Osama Bin Laden. "Tot oder lebendig", sagte der damalige US-Präsident George W. Bush.

Zehn Jahre später ist Bin Laden tot, erschossen von US-Spezialkräften. Und der Feuerwehrmann Kenny Sprecht steht in dieser historischen Stunde vor einer CNN-Kamera, denkt an den 11. September, denkt an die Konsequenzen am Hindukusch: "In Afghanistan stecken wir im Sumpf. Ich bete zu Gott, dass wir in dieser Nacht einen großen Schritt gemacht haben, um unsere Zelte dort abzubrechen."

Erzfeind Bin Laden ist tot - warum also noch bleiben in Afghanistan? Diese Frage stellen sich mit Kenny Sprecht viele Amerikaner. Den Verbündeten ergeht es ähnlich; den Briten, den Deutschen.

Bezeichnend ist, mit welcher Entschiedenheit die Nato-Führung die plötzlich im Raum stehende Frage zu beantworten sucht. Umgehend stellte Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen klar, dass der Afghanistan-Einsatz noch lange nicht beendet sei. Der britische Premierminister David Cameron sagte der BBC, Bin Ladens Tod sei "eindeutig eine hilfreiche Entwicklung", werde aber nicht notwendigerweise die Zeitpläne verändern. Die Alliierten sollten die Entwicklung nutzen, um Taliban-Kämpfer davon zu überzeugen, der Gewalt abzuschwören und einen Dialog zu beginnen, sagte Cameron weiter.

Doch die Abzugsdebatte in Europa und Amerika ist längst nicht mehr zu stoppen.

Die amerikanische "Huffington Post" fragt in übergroßen Lettern "Time to leave?" - "Zeit zu gehen?" Der Text ist aufgemacht mit dem Foto eines Soldatenfriedhofs. Politische Kronzeugen für die Berechtigung dieser Frage gibt es einige in den USA. Jerrold Nadler, demokratischer Abgeordneter im Repräsentantenhaus, sagte dem einflussreichen Online-Medium mit Blick auf Bin Ladens Tod: "Wir haben das geschafft, was wir uns vor langer Zeit in Afghanistan vorgenommen hatten." Nun solle Amerika Schluss damit machen, "unsere Truppen, unser Geld und unsere Leben zu verschwenden". Heißt: Abzug, so schnell wie möglich.

"Der Ausgangspunkt für die Intervention in Afghanistan war Bin Laden"

Die Regierung von US-Präsident Barack Obama aber hält bisher an ihrer Perspektive fest: Bis 2014 sollen die Truppen abgezogen sein, Startpunkt ist dieses Jahr im Juli. Der Sieg über Bin Laden werde "nicht das Ende unserer Anstrengungen gegen den Terrorismus" sein, sagt Karl Eikenberry, US-Botschafter in Kabul: "Amerikas entschiedene Unterstützung für das afghanische Volk wird weitergehen wie zuvor."

Doch die Kritiker fragen schon jetzt: Was bringt es eigentlich, mehr als 100.000 US-Soldaten in Afghanistan stehen zu haben, wenn Osama Bin Laden mit einer kleinen Kommandoaktion im Nachbarland Pakistan niedergestreckt werden konnte? Ist dies nicht auch ein Modell für Afghanistan? Sollte al-Qaida in Afghanistan eine neue Basis etablieren, "können wir reingehen und sie zerstören, so wie wir es in Pakistan machen", meint der Abgeordnete Nadler. Im Klartext: Dafür braucht man nicht 100.000 Soldaten.

Dass Bin Laden außerhalb Afghanistans erschossen worden sei, führe zu einer entscheidenden Frage, meint Vali Nasr, bis vor kurzem Berater des US-Außenministeriums: "Wenn dies ein Kampf ist mit dem Ziel, al-Qaida zu zerstören, aber al-Qaida befindet sich nicht in Afghanistan, sondern in Pakistan - sollte Afghanistan dann wirklich im Fokus stehen?"

Man erinnert sich dieser Tage in Washington und anderswo wieder an die Rahmenbedingungen, unter denen der Einsatz in Afghanistan im Herbst 2001 startete: Präsident Bush hatte dem "verdammenswerten Taliban-Regime" vor dem Losschlagen damals ein Ultimatum gestellt. Um einen Angriff noch zu vermeiden, müssten alle Qaida-Anführer an die USA ausgeliefert und alle Terroristencamps geschlossen werden.

Ist dies alles nun, nach Bin Ladens Tod, nicht erreicht? "Der Ausgangspunkt für die Intervention in Afghanistan war Bin Laden", erinnert François Heisbourg von der Pariser Stiftung für strategische Forschung (FRS). "Mit seinem Tod wird es immer schwerer, diese Truppenpräsenz zu rechtfertigen, unabhängig von der Lage vor Ort." Besonders in Europa werde von den Bevölkerungen beständig der Abzug der Soldaten aus Afghanistan gefordert. "Das wird sich jetzt verstärken", erwartet Heisbourg. Der Tod Bin Ladens "ändert auf jeden Fall die Gesamtlage", sagt der Experte. "Wenn nach der Möglichkeit für einen Rückzug gesucht wird, dann jetzt oder nie."

"Afghanistans politische Probleme längst nicht gelöst"

Auch in Deutschland findet dieser Gedanke mehr und mehr Anhänger. Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele zum Beispiel will nun ein rasches Ende der Mission: "Der Tod von Osama Bin Laden sollte der Schlusspunkt für den Nato-Einsatz in Afghanistan sein", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Das Ziel der Militärintervention, die Verantwortlichen der Terroranschläge vom 11. September 2001 zur Strecke zu bringen, sei nach der Tötung des Qaida-Chefs erreicht. "Die zentrale völkerrechtliche Rechtfertigung für den Einsatz in Afghanistan ist damit entfallen." Ströbele forderte die Bundesregierung auf, noch in diesem Jahr einen "ersten Teil der deutschen Soldaten aus Afghanistan abzuziehen".

Widerspruch kam aus der schwarz-gelben Koalition. Unionsaußenexperte Philipp Mißfelder (CDU) räumte zwar ein, dass es früher Defizite bei der Begründung des Afghanistan-Einsatzes gegeben habe. "Mal hieß es: Wir wollen Osama Bin Laden fassen. Mal hieß es: Afghanistan soll zu einer Demokratie werden", sagte Mißfelder SPIEGEL ONLINE. Nun sei Bin Laden tot, Afghanistan von einer Demokratie aber weit entfernt. "Die politischen Probleme sind also längst nicht gelöst", sagte der außenpolitische Sprecher der Unionsfraktion.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hatte bereits am Montag betont, der Bundeswehreinsatz in Afghanistan sei auch nach Bin Ladens Tod unverändert notwendig. Die Bundeswehr sei nicht in Afghanistan, um einen Mann zu bekämpfen, sagte Westerwelle am Montag in Berlin: "Wir sind in Afghanistan, weil wir verhindern wollen, dass Afghanistan wieder ein Rückzugsgebiet für den Terrorismus auf der ganzen Welt wird." Mit der Tötung des Qaida-Anführers sei der Kampf gegen Terror und Extremismus nicht beendet.

SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier hält den bis 2014 angepeilten Rückzug der internationalen Truppen für machbar: "Nachdem die Terrororganisation ihren führenden Kopf verloren hat, wird die geplante Beendigung des Einsatzes realistischer." Der frühere Außenminister setzt zudem darauf, dass der Tod Bin Ladens die Integration jener Afghanen erleichtert, die sich vom Terrorismus lösen und in die Gesellschaft zurückkehren wollen. Allerdings sei es eher unwahrscheinlich, dass sich die strategischen Absichten von al-Qaida wesentlich änderten.

CDU-Politiker Mißfelder warnte vor einer verschärften Sicherheitslage für die deutschen Soldaten in Afghanistan. "Wir dürfen nicht davon ausgehen, dass die Tötung Osama Bin Ladens zu einer Demoralisierung unserer Gegner in Afghanistan führt", sagte der CDU-Präside. Im Gegenteil: "Für viele Extremisten dort wird es ein Ansporn für weitere Gewalttaten sein, sowohl für die Taliban als auch für Qaida-Terroristen." Ähnlich äußerte sich der Grünen-Sicherheitsexperte Omid Nouripour. "Es bedarf einer erhöhten Wachsamkeit der Bundeswehrsoldaten, weil das Risiko von Anschlägen nach dem Tod Bin Ladens steigen wird", sagte Nouripour.

Mit Material von AFP, AP, dpa

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Seite 1
Greg84 02.05.2011
1.
Schlag gegen den Terror? Eher nicht. Ich glaube kaum, dass bin Laden noch an der Spitze der al-Qaida stand, vielleicht hatte er sich auch komplett aus dem "Geschäft" zurück gezogen. Das einzige was der Schlag gegen bin Laden gebracht hat ist die Schaffung eines weiteren Märtyrers. Für Obama hätte der Zeitpunkt allerdings kaum besser sein können. Politisch läuft es für verdienten Träger des Friedensnobellpreises nicht grade perfekt, da hilft so ne positive Nachricht schon unheimlich weiter.
endbenutzer 02.05.2011
2. Mission beendet
Hat George W. Bush eigentlich schon der Familie Bin Laden sein Beileid ausgesprochen? Unter alten (Geschäfts-) Freunden ist das doch so üblich. Oder lebt Bin Laden doch noch und man wollte eigentlich nur die nunmehr fast genau 10-jährige Mission "Krieg gegen Terror" zum bürgerfreundlichen Abschluss bringen? Merkwürdig: Gerade jetzt, da Obama und die gesamten USA in punkto Staatsverschuldung praktisch mit dem Rücken zur Wand stehen, wird für den amerikanischen Otto Normalverbraucher wieder einmal ein toller Grund geliefert, die Fahne zu schwingen und mit der Hand auf dem Herzen die Nationalhymne zu singen. Super Drehbuch...
G_Schwurbel 02.05.2011
3. weder noch
Zitat von sysopEr war der meistgesuchte Mann der Welt: Osama Bin Laden, der Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, ist tot. US-Spezialkräfte haben ihn bei einer Kommandoaktion in Pakistan getötet. Wir die weltweite Terrorgefahr nun geringer?
Die Welt wird durch seinen Tod weder sicherer noch unsicherer. Al Quaida ist ein Netzwerk, es würde mich wundern, gäbe es für Bin Laden keinen Nachfolger (seinen Tod hat er schließlich einkalkuliert). Vielleicht hat er auch vorher als Rache für seine Tötung den Auftrag erteilt, direkt danach Attentate zu verüben? Alles denkbar...
Hubatz 02.05.2011
4. Beweise
Dieser Mann ist ein Mysterium. Ich halte nicht viel von Verschwörungstheorien aber Beweisfotos oder besser Videos würden mich erfreuen.
lucario.75 02.05.2011
5. bin laden
Die Fernsehbilder der Freude hunderter Amerikaner, (nachvollziehbar) werder viele radikale Islamisten für ihre Propaganda nutzen um die Angst der Menschen auf der ganzen Welt weiter zu schüren und Terroranschläge zu planen. Ich selber Wohne nur ein paar Strassen weiter wo vor ein paar tagen Terroristen festgenommen worden sind, die konkrete Anschlägen zu Zeitnahen Ereignissen mit erheblichen Menschenaufkommen verübt werden sollte.
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