Nato-Einsatz in Afghanistan "Die Stimmung kippt"

Die Sicherheitslage am Hindukusch spitzt sich zu, auch deutsche Soldaten sind zunehmend Ziel von Anschlägen. Im Interview spricht Rangin Dadfar Spanta, Sicherheitsberater von Präsident Karzai, über die Wurzeln des Terrors, die Rolle Pakistans und die Zukunft der Bundeswehr in Afghanistan.

Bundeswehrsoldat in Afghanistan (Archivbild): Am Hindukusch noch erwünscht?
REUTERS

Bundeswehrsoldat in Afghanistan (Archivbild): Am Hindukusch noch erwünscht?


SPIEGEL ONLINE: Der afghanische Präsident setzt der Nato ein Ultimatum. Wenn weitere Häuser von Zivilisten bombardiert werden, betrachteten die Afghanen die westlichen Soldaten ab sofort als Besatzer. Sind deutsche Soldaten in Afghanistan noch erwünscht?

Spanta: Es ist sein letztes Wort zu dieser Sache, es sollte ernst genommen werden. Wir haben den Eindruck, in Washington hat man das durchaus verstanden. Die Stimmung in der Bevölkerung wird jetzt gegen die Nato kippen, wenn nichts passiert.

SPIEGEL ONLINE: In kürzester Zeit gab es drei tödliche Anschläge auf Bundeswehrsoldaten und den Polizeichef Nordafghanistans, General Daud Daud. Warum hat sich die Lage verschlechtert?

Spanta: Verantwortlich ist ein Netzwerk von Taliban, al-Qaida und pakistanischen Unterstützern. Nachdem sie im vergangenen Winter viele Gebiete aufgeben mussten, verfolgen sie jetzt eine neue Taktik. Sie versuchen, Führungspersönlichkeiten zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Amerikanische Spezialkräfte hatten im Norden viele Taliban-Führer ausgeschaltet. Wer sind die neuen Angreifer?

Spanta: Auch wenn es die europäischen Länder nicht verstehen wollen, die terroristischen Zentren in Pakistan, die Quetta Schura, das Haqqani-Netzwerk, Hekmatyars Gruppe, Aiman al-Sawahiri, die Nummer zwei der Qaida-Führung, steuern diesen Aufstand in Afghanistan. Es gibt 40.000 Madrassen, Religionsschulen, in Pakistan, und wenn nur ein Promille von ihnen die Terroristen unterstützt, ist der Rekrutierungsstrom frischer Kämpfer schier endlos. Nur wenn diese Quelle ausgetrocknet wird, gibt es Frieden in dieser Region.

SPIEGEL ONLINE: Sind Verhandlungen mit den Taliban die Lösung?

Spanta: Sie können hilfreich sein, wenn Pakistan bereit ist, den Friedensprozess zu unterstützen. Das ist nicht der Fall. Das Kalkül Pakistans ist ein anderes: Der Westen ist offensichtlich müde und zieht sich bald zurück. Dann kann Pakistan Afghanistan in ein, zwei Jahren endlich als strategischen Raum nutzen. Darum geht es.

SPIEGEL ONLINE: Wusste die pakistanische Führung vom Aufenthaltsort Osama Bin Ladens?

Spanta: Ich gehe sicher davon aus, dass die Spitze informiert war. Ohne institutionelle, staatliche Unterstützung hätte Osama Bin Laden sich nie so lange in Pakistan verstecken können. Vor einigen Jahren präsentierte unser Geheimdienstchef dem damaligen Präsidenten General Pervez Musharraf exakte Koordinaten, wo sich Osama Bin Laden aufhält. Musharraf verhöhnte ihn. Jetzt stellte sich heraus, dass sich die damaligen Daten bis auf wenige Meilen mit dem Ort deckten, an dem Bin Laden tatsächlich gefunden wurde.

SPIEGEL ONLINE: Soll die deutsche Bundeswehr gehen oder bleiben?

Spanta: Man kann verstehen, dass die Deutschen diskutieren, ob sie weiter ihr Geld und das Leben ihrer Soldaten in diesen Konflikt investieren wollen. Wir betrachten das als eine gemeinsame Sache, wir haben das gleiche Ziel. Auch mein Name steht auf den Todeslisten der Terroristen, aber ich werde hier bleiben und für den Frieden hier in meiner Heimat kämpfen, selbst wenn sich die anderen zurückziehen.

Das Interview führte Susanne Koelbl

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avollmer 06.06.2011
1. Entschiedenes Vorgehen
Hier muss die politische Führung die militärischen Kräfte zu entschiedenem und kompromisslosem Vorgehen anhalten. Ohne Ansehen der Person muss gegen Gewaltakte vorgegangen werden. Terroristische und kriminelle Akte dürfen nicht geduldet werden. Der Kampf gegen die RAF wurde auch nicht gewonnen in dem der damalige Kanzler Schmidt einen Kaffee getrunken hat und die Polizeikräfte zur Einhalt aufgefordert hat und die Personalstärke abgespeckt hat. Dies ist eine Situation in der der Rechtsstaat und die Staatengemeinschaft Entschlossenheit und Härte zeigen müssen.
sysiphus, 06.06.2011
2. Zukunft
Herr Spanta will also in Afghanistan bleiben, wenn die NATO geht. Na dann viel Glück dabei. Bislang waren die Kollaborateure der abziehenden Besatzungsmacht noch in jedem Krieg die ersten Ziele der nachrückenden Rebellen/Partisanen/Befreier/Terroristen. Man erinnere sich nur an das Schicksal der von den Sowjettruppen installierten Statthalter und seiner Truppen. Najibullah wurde brutal verstümmelt und öffentlich gehenkt. Will sich das Herr Spanta wirklich antun? Er sollte, wenn es dann so weit sein wird, lieber seinem Chef Karzai und dessen ergaunerten Milliarden ins sichere amerikanische Exil folgen.
watermark71 06.06.2011
3. Internationales Helfersyndrom
Raus da - aber sofort! Eine Touristenregion wird das nie. Jeder Blutstropfen vergossen von einem europ. oder US amerikanischen Soldaten ist einer zuviel. Einfach das Land sich selbst überlassen und gut ist.
enrico3000 06.06.2011
4. 10 Jahre
10 Jahre dauert der Einsatz jetzt und nichts hat sich geändert. Im Gegenteil, man hat das Gefühl die Lage verschlechtert sich sogar noch weiter.
Fritz Motzki 06.06.2011
5. Nix gut is
Zitat von watermark71Raus da - aber sofort! Eine Touristenregion wird das nie. Jeder Blutstropfen vergossen von einem europ. oder US amerikanischen Soldaten ist einer zuviel. Einfach das Land sich selbst überlassen und gut ist.
Davon werden wir die Afghanen in Europa nicht los. Nur ´raus da genügt nicht. Auch "Tür zu für Afghanen", muß international durchgesetzt werden, damit "die" zur Besinnung kommen.
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