Nato-Strategie für Osteuropa Ratlos gegen Russland

Die Nato stationiert Truppen in Osteuropa, um die Region vor Aggressionen aus Russland zu schützen. Doch was würde im Ernstfall passieren?

Nato-Gipfel in Warschau
AFP

Nato-Gipfel in Warschau

Aus Warschau berichtet


"Frieden durch Stärke", sagt Jüri Luik, "das ist ein Slogan, den jeder Este sofort unterschreiben kann." Der Slogan ist der Titel einer Podiumsdiskussion am Rande des Nato-Gipfels in Warschau - und sie wirft ein Schlaglicht auf die Ratlosigkeit, mit der die Nato noch immer auf eine mögliche Bedrohung durch Russland reagiert. "Man muss glaubwürdig sein", ruft Luik, ehemaliger Außen- und Verteidigungsminister Estlands. Abschreckung basiere darauf, Signale zu geben - in diesem Fall an die russische Führung. "Diese Leute wissen, wann man blufft."

Die Befürchtung in Osteuropa ist, dass die Nato genau das tut: Bluffen. Und dass Russland die Nato eines Tages zwingen wird zu zeigen, wie sehr sie zur Verteidigung des Baltikums bereit ist.

Das Verteidigungsbündnis will in Polen, Estland, Lettland und Litauen jeweils ein multinationales Bataillon mit rund tausend Mann stationieren, das litauische Kontingent soll unter deutscher Führung stehen. "Robust" soll das Mandat der Truppen sein. Sie sollen wie ein "Bremshügel" oder ein "Stolperdraht" funktionieren, heißt es beim Nato-Gipfel. Eine russische Aggression, so die Botschaft der Stolperdraht-Metapher, würde eine harte Reaktion der Nato auslösen - zumal die Bataillone multinational sind und damit nicht nur osteuropäische, sondern auch deutsche, kanadische oder US-amerikanische Soldaten beteiligt wären. Ein Angriff auf die Alliierten sei als Angriff auf das gesamte Bündnis zu werten, so Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Doch zwei zentrale Fragen bleiben unbeantwortet: Wann hält die Nato den Stolperdraht für ausgelöst? Und, noch wichtiger: Was würde dann geschehen? Auch auf dem Gipfel der Militärallianz, der noch bis Samstag dauert, wird es darauf keine schlüssige Antwort geben.

"Wir haben kein neues Konzept"

Die militärische Logik aus dem Kalten Krieg jedenfalls funktioniere nicht mehr, sagt Luik. "Aber wir haben auch kein neues Konzept dafür, was unsere Verteidigung heute ist." Die Nato halte lediglich eine "kreative Mehrdeutigkeit" aufrecht.

Das Baltikum-Problem der Nato ist auch ein geografisches: Russland hat eine 400 Kilometer lange gemeinsame Grenze mit Estland und Lettland. Die Nato aber müsste im Konfliktfall ihre Verstärkungen über die 65 Kilometer kurze Grenze zwischen Polen und Litauen bugsieren. Sollte Russland diese "Suwalki-Lücke" abriegeln, wären die baltischen Länder weitgehend auf sich gestellt.

Moskau hat in den vergangenen Jahren auch seine sogenannten Anti-Access-/Area-Denial-Fähigkeiten (A2/AD) stark ausgebaut. Dahinter verbergen sich militärische Systeme - etwa eine starke Luftabwehr und Antischiffsraketen -, die der Nato den Vorstoß ins Baltikum schwierig oder gar unmöglich machen würden. Laut Frank Gorenc, Kommandeur der US-Luftstreitkräfte in Europa, hat Russland etwa in der Enklave Kaliningrad Flugabwehrraketen stationiert, die ein volles Drittel des polnischen Luftraums abdecken. "Die Nato hat darauf bisher keine Antwort", kritisiert Luik.

Michael Carpenter, Unterstaatssekretär im US-Verteidigungsministerium, sitzt neben Luik auf dem Podium und nickt zustimmend. Zwar seien die russischen Abwehrsysteme keineswegs unüberwindbar. "Das Pentagon arbeitet derzeit daran, auch die modernsten dieser Systeme zu knacken", sagte Carpenter. Doch es sei klar, dass die Nato mehr investieren müsse, um Russlands A2/AD-Fähigkeiten zu kontern. "Abschreckung funktioniert nur, wenn man einen Gegner in einer Krise besiegen kann", so Carpenter.

USA bauen Europa-Kommando zu Gefechtszentrum um

Davon ist die Nato derzeit weit entfernt. Die konventionellen Streitkräfte Russlands sind denen der Nato in Europa weit überlegen. Eine noch stärkere Truppenpräsenz in Osteuropa, so wie sie von den dortigen Regierungen verlangt wird, brächte die Nato aber in ein Dilemma: Die Nato-Russland-Akte verbietet eine dauerhafte Stationierung "substanzieller Kampftruppen" auf dem ehemaligen Gebiet des Warschauer Pakts. Einen Verstoß gegen den Vertrag will unter anderem die Bundesregierung unbedingt vermeiden, um den Konflikt mit Moskau nicht noch weiter eskalieren zu lassen.

Die Nato-Staaten erhöhen deshalb ihre Verteidigungsausgaben eher vorsichtig und begnügen sich ansonsten mit organisatorischen Maßnahmen. So wird laut Carpenter das Europäische Kommando in ein Gefechtskommandozentrum umgewandelt. Dies sei "ein fundamentaler Wandel in der Art, wie wir unsere Präsenz in Europa sehen".

Russland reagiert erwartet scharf auf die geplante Nato-Truppenstationierung auf dem Baltikum. Es sei absurd, über eine Bedrohung aus Russland zu sprechen, "wenn im Nahen Osten täglich Hunderte Menschen sterben", so Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow am Freitag. "Wir hoffen, dass sich der gesunde Menschenverstand und der politische Wille durchsetzen, um eine Konfrontation zu vermeiden."

Ob Russlands Präsident Wladimir Putin sich aber von den Nato-Truppen abhalten lässt, auch auf dem Baltikum die Machtprobe mit dem Westen zu suchen, ist offen. Die Nato-Präsenz könnte diese Gefahr sogar noch erhöhen, wie Russlandexperten warnen.

Der Gedanke dahinter: Putin hat wiederholt bewiesen, dass er den Westen provozieren will. Eine verdeckte, langsam eskalierende Aggression gegen das Baltikum - mit den Mitteln der hybriden Kriegführung, die Putin schon auf der Krim und in der Ostukraine erfolgreich angewendet hat - wäre wie kaum etwas anderes geeignet, die Spaltung des Westens zu vertiefen.


Zusammengefasst: Beim Nato-Gipfel in Warschau wird deutlich, dass die Bündnisstaaten noch nach Antworten suchen, wie sie reagieren sollen, wenn es einen wirklichen Konfliktfall mit Russland gibt. Zwar werden Truppen an der Grenze Polens und der baltischen Staaten stationiert - doch nach Meinung einiger Experten kann das nicht als einzige Abschreckung dienen. Zugleich wollen die Nato-Staaten das Verhältnis zu Moskau nicht weiter verschlechtern.

insgesamt 155 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
_alexander_ 08.07.2016
1. Kann mir bitte...
jemand sagen, was Russland verbrochen haben soll? Ich habe irgendwie den Eindruck, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern, dessen Ausgang sehr traurig sein kann. Gut, Stoltenberg, Merkel & Co. haben ihre VIP-Plätze in Bunkern sicher, ob ein solches Leben noch lebenswert ist, ist zu bezweifeln.
prologo 08.07.2016
2. Verteidigen muss man den Frieden In Europa
Und mit den Nato Angstschürern geht das nicht. Und mit solch unfähigen Politiker in der EU, voran Deutschland auch nicht. Die Nato USA benützt die EU Staaten als Bollwerk gegen Russland. Die sind ja 10.000 km weg. Und die willigen Vasallen in Berlin machen das widerstandslos als depperte Handlanger mit. In Deutschland fehlen Friedenspolitiker wie Willy Brandt. Darunter leidet ganz Europa. Frieden in Europa ist das höchste Gut. Das sollten doch alle Europäer noch wissen, nach 60 Millionen Toten. Statt dessen Säbelrasseln und Propaganda Krieg, geschürt auch von willenlosen und gekauften Medien, und unfähigen Politikern. Ich, ich will Frieden in Europa, ich will Handel mit meinen Nachbarn in Europa, ich will meine Europa Nachbarn besuchen, mit ihnen reden und feiern. Auch mit Russland, gehört auch zu Europa. Und ich frage, wer will das nicht? Wer will das nicht.......
mike_virgil 08.07.2016
3. Wozu denn...?
Was soll der Quatsch? Die Russen könnten in Osteuropa einmarschieren? Und wenn die das tatsächlich vor hätten, dann halten die Truppen sie auf? Im Ernst? So ein Blödsinn... Selbst WENN die Russen Osteuropa besetzen würden, dann würden massive Sanktionen sie nach ein paar Jahren wieder raus treiben. Aber immerhin wäre dann das einst besetzte Land intakt. Versucht man eine Besetzung mit Truppen entgegen zu wirken, ist das zu verteidigende Land komplett platt. Tolle Strategie.
panzerknacker51 08.07.2016
4. Agressionen?
Der Agressor ist die NATO.
unknownusergold 08.07.2016
5. Oder
Man versucht endlich mal aufhören gegen Russland zu bashen und versucht Frieden zu schließen ! Russland hat schon mehrmals angedeutet, dass sie dafür bereit sind. Das jedoch nicht aus Angst.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.