Nato-Gipfel Obama charmiert Europa in die Enge

Er ist freundlich, lächelt, hört zu. In der Sache aber bleibt Barack Obama hart - der US-Präsident will mehr Unterstützung in Afghanistan. Sein Motto: Wollen EU-Länder wie Deutschland nicht den Einfluss auf die Mission dort verlieren, müssen sie sich bewegen.

Straßburg - Glaubt man seinen Mitarbeitern, ist Barack Obama bei diesem Nato-Gipfel nicht in Hochform. Ein wenig erkältet sei der Präsident, seine Stimme deshalb ein bisschen rau, seine Sätze ein bisschen weniger elegant und nicht wie sonst aus der Pistole geschossen. Einen kleinen Scherz aber hatte der Staatschef trotzdem auf Lager, gleich nachdem er und die Kanzlerin ihre Pressekonferenz hinter sich gebracht hatten. Sein Deutsch, so Obama, sei etwa so gut wie das von Merkel.

Es war einer der vielen warmen Momente zwischen den beiden. Man sieht ihnen an, dass sie sich gut verstehen, auch wenn Merkel noch immer etwas nervös wirkte. Fast ein wenig schüchtern begrüßte sie den mächtigen Gast auf der gemeinsamen Pressekonferenz erstmal "in den Vereinigten Staaten von Amerika" statt im eigenen Land. Beide lächelten den kleinen Fehler rasch weg. Obama breit wie immer, Merkel mit ihrem verschmitzten Mädchen-Schmunzeln.

Ein Nato-Gipfel ohne echte Beschlüsse und Inhalte war geplant, ein reines Feier-Treffen zum 60. Geburtstag der Allianz. Sinnsuche und der Problemfall Afghanistan, das sollten zwar Themen, doch bloß keine echten Streitpunkte sein. Es kam anders, soweit man das schon jetzt bewerten kann. Nein, Obama forderte nicht konkret mehr Truppen für Afghanistan, er polterte nicht. Aber er machte den EU-Partnern lächelnd und doch unmissverständlich klar, dass sie mehr tun müssen.

Es ist der neuer Stil der US-Regierung, den Obama konsequent vorführte. Teilnehmer der Sitzungen mit ihm, auch Merkels Team, waren fasziniert von einem US-Präsidenten, der aufrichtig zuhörte, Fragen stellte und sich wirklich Gedanken zu machen schien über die Meinung der anderen. Es war ein US-Präsident, der zuvor 4000 Menschen aus der Umgebung in eine Turnhalle einlud, um dort mit ihnen zu diskutieren. Um sich ihre Fragen anzuhören und sich natürlich auch von ihnen feiern zu lassen.

Mischung aus Reue und Wünschen

Besonders in der Turnhalle aber brachte Obama auch seine zentralen Statements unter. Das Event geriet mehr zu einer Rede an das ganze Europa als an die anwesenden Deutschen und Franzosen. Und Obama wurde deutlich. Beim Kampf gegen al-Qaida solle sich Europa nicht darauf verlassen, dass die USA diesen "alleine schultern kann". Natürlich, so Obama, werde er mehr zuhören als sein Vorgänger. Doch im gleichen Satz kam dann auch schon, dass man die Lasten "gemeinsam" tragen müsse.

Es war eine zartbittere Mischung aus leichter Reue und Wünschen, die Obama in Straßburg ablieferte. Zuerst sprach er über die von ihm angeordnete Schließung von Guantanamo und das verordnete Verbot von Folter durch die US-Armee. Applaus brandete auf. Obamas Folgerung aber war entscheidend: "So wie wir uns verändert haben", rief er in die Halle, "hat die EU keine Entschuldigung mehr, sich nicht bei unseren Anstrengungen einzubringen".

So sehen die neuen USA das also.

Ganz ähnlich hielt es der Präsident bei seiner Pressekonferenz mit Merkel. Ausführlich lobte er das deutsche Engagement in Afghanistan, nannte Deutschland einen der wichtigsten Verbündeten bei der Mission. Seine Forderungen verpackte er dann in einen Begriff aus dem Baseball, der alles sagte. Deutschland werde sicher bald "to the plate" kommen, zum Abschlagplatz. Ohne konkrete Zahlen oder das Wort Kampftruppen schminkte er seine Worte so hübsch, dass Merkel zunächst lächeln konnte.

Die leisen Töne passen sich in eine Strategie ein, der sich Europa kaum verweigern kann. Die Armee-Experten wissen, dass die USA mit den zusätzlichen Soldaten, die sie an den Hindukusch schicken, auch massiv Druck ausüben - vor allem, da es laut US-Presseberichten weit mehr als die 17.000 angekündigten Kämpfer sein sollen. Angeblich, so jedenfalls die "New York Times", plane Obama eine Aufstockung auf bis zu 80.000 US-Soldaten im Land.

Mit der Aufstockung reißt Obama die Mission faktisch komplett an sich, er wird der Oberbefehlshaber des Kriegs in Afghanistan, die Nato-Mission amerikanisiert.

Europa, jedenfalls bei dem derzeitigen Truppenstand, wäre nur noch schmückendes Beiwerk, Statisten in einem Krieg gegen die Taliban und al-Qaida. Einfluss auf die Mission hätten die Europäer dann nur noch marginal - sie könnten ihre eigenen Truppen befehligen, doch die USA könnten schalten und walten, wie sie wollen.

Merkel bleibt gelassen

Die Nervosität zeigte schon vor dem Gipfel erste Folgen. Völlig überraschend sagte Großbritannien kurz vor Ankunft des Premierministers Gordon Brown mehr Truppen zu. Aus Diplomatenkreisen erfuhr SPIEGEL ONLINE, dass die Briten mehrere hundert Soldaten für die Wahlphase in Afghanistan schicken wollen. Die Entscheidung wirkte mehr als spontan, Mitarbeiter aus dem Verteidigungsministerium zeigten sich überrascht von der Zusage.

Auch Frankreichs Präsident Sarkozy zuckte, nachdem Obama ihn und die anderen EU-Staatschefs in die Enge charmiert hatte. Zwar will der Franzose keine Truppen schicken, aber beim Polizeiaufbau mehr tun. Spanien und Belgien kündigten eine Aufstockung ihrer recht kleinen Militärkontingente an. Belgien schickt zwei Kampfjets und einige Soldaten - beim Krieg in Afghanistan aber spielen die beiden Länder nur eine untergeordnete Rolle.

Und Deutschland? Kanzlerin Merkel versuchte bisher, sich weiter gelassen zu zeigen. Vor dem Gipfel verbreitete die Regierung ihre Zuversicht, Amerika werde keine neuen Forderungen stellen und Deutschland sei mit seinem Engagement für Afghanistan gut aufgestellt. Gebetsmühlenartig wiesen die Deutschen deshalb auf die 600 Soldaten hin, deren Entsendung nach Afghanistan für die Wahlen bereits im Sommer beschlossen wurde, und die zivilen Projekte, die bald starten sollen.

Für den Gipfel der Nato wird diese Strategie vermutlich noch aufgehen. Wegen des engen Terminplans gibt es eigentlich nur das Abendessen heute und die Tagung des Nato-Rats am Samstag, der eigentlich geplante Lunch danach wurde Gerüchten zufolge bereits abgesagt. Zu einer echten Diskussion wird es also wohl nicht kommen.

Obama aber hat seine Message schon vor dem eigentlichen Beginn der Tagung verkündet: Wer sich nicht mehr engagiert, kann auch nicht mitreden!

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