Afghanistan Viele Zivilisten sollen bei Nato-Luftangriff getötet worden sein

Ein afghanischer Politiker erhebt schwere Vorwürfe gegen die Nato. Bei einem Luftangriff sollen 18 Zivilisten getötet worden sein. Eine Bestätigung gibt es bislang nicht - doch der Vorfall dürfte das schwierige Verhältnis zur Kabuler Regierung erneut belasten.

Kabul - Bei einem Luftangriff westlicher Truppen auf einen Taliban-Anführer in der ostafghanischen Provinz Logar soll es nach Angaben des lokalen Provinzrates 18 zivile Todesopfer gegeben haben. Provinzratschef Abdul Wali Wakili sagte nach Angaben von Nachrichtenagenturen, viele Mitglieder der Familie des Stammesältesten Basir Achundsada seien bei dem Bombardement ums Leben gekommen, darunter auch Achundsada selbst. Der lokale Politiker sagte allerdings auch, dass sechs Taliban-Kämpfer - darunter ein Kommandeur - bei dem Angriff getötet wurden.

Der Vorfall dürfte für neuen Streit zwischen der Kabuler Regierung und der Nato sorgen. Wakili sagte, in der Provinzhauptstadt Pul-i-Alam demonstrierten Tausende Menschen wegen des getöteten Stammesältesten und seiner Familie. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP erklärte, er habe am Ort des Angriffs mindestens 15 Todesopfer gesehen, darunter vier Kinder.

Die Nato-Truppe Isaf erklärte, bei dem Luftangriff seien "zahlreiche Aufständische" getötet worden. Er sei erfolgt, nachdem Isaf-Soldaten unter Beschuss von Aufständischen geraten seien. Die zahlreichen zivilen Opfer der Nato-Luftangriffe belasten das Verhältnis zwischen Washington und der Führung in Kabul unter Präsident Hamid Karzai.

Der Tod von Zivilisten, im Nato-Militärjargon "civilian casualities" oder auch CIVCAS genannt, ist seit Jahren ein Streitpunkt zwischen Nato und der afghanischen Regierung. Präsident Hamid Karzai, der sich derzeit auf einem Wirtschaftsgipfel in China aufhält, hat die Schutztruppe, allen voran die US-Armee, immer wieder scharf kritisiert, wenn bei Militäroperationen durch Fehler der Strategen auch Zivilisten ums Leben gekommen waren. An dem Thema hakte monatelang auch die Unterzeichnung eines langfristigen strategischen Abkommens zwischen Kabul und Washington.

Was bei der Attacke in der Nacht zum Mittwoch wirklich passierte, ist noch nicht ganz klar: Die Nato-geführte Schutztruppe Isaf bestätigte in ihren täglichen Lagemeldungen einen Luftangriff in dem betroffenen Distrikt Baraki Barak, nicht aber die zivilen Opfer. Demnach hätte eine gemeinsame Einheit aus Afghanen und internationalen Soldaten versucht, einen Taliban-Anführer festzunehmen. Normalerweise werden solche Zugriffe von Spezialkräften der US-Armee und von von ihnen speziell ausgebildeten Afghanen durchgeführt.

Bei dem versuchten Zugriff allerdings kam es laut Nato zu heftiger Gegenwehr. Aus dem Gehöft, in dem die Soldaten den Gesuchten vermuteten, seien sie heftig beschossen worden und hätten deswegen einen sogenannten Präzisionsluftschlag angefordert, um das Haus zu zerstören. Später habe sich herausgestellt, dass dabei zwei Frauen verwundet worden seien. Die Verletzungen seien nicht lebensbedrohlich und würden von der Internationalen Schutztruppe Isaf behandelt. Mehrere Aufständische seien getötet worden, so die Nato weiter.

Die Nato in Kabul teilte mit, man untersuche den Vorfall weiter. Bisher aber, so ein Nato-Sprecher zu SPIEGEL ONLINE, gebe es keine Hinweise auf zivile Opfer bei der Mission. Grundsätzlich beteuert die Schutztruppe stets, bei allen Operationen stark darauf zu achten, dass es keine zivilen Opfer gebe. Die aktuelle Mission hingegen wurde sehr wahrscheinlich von Spezialkräften ausgeführt, die zwar offiziell als Teil der Nato-Operation agieren, faktisch aber völlig getrennt von der Schutztruppe operieren. Erst vor einigen Wochen hatte die Nato zugesichert, dass bei solchen Missionen immer auch Afghanen beteiligt sein müssen.

Bei einem Doppelanschlag wurden derweil am Mittwoch im südafghanischen Kandahar mindestens 24 Zivilisten getötet. Nach Polizeiangaben ist zunächst auf der Flughafenstraße eine auf einem Motorrad versteckte Bombe detoniert. Als sich Menschen am Anschlagort versammelten, habe sich dort ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt. Der Ort der Detonation lag wenige Kilometer von einem großen Luftwaffenstützpunkt der US-Truppen entfernt. "Alle Opfer sind Zivilisten", sagte der Polizeichef der Provinz, Abdul Rasik. Rasik erklärte weiter, das Ziel des Doppelanschlags sei noch unklar. Kandahar ist eine Hochburg der Taliban. Die Aufständischen äußerten sich zunächst nicht zu dem verheerenden Doppelanschlag.

Zwei Soldaten der Isaf kamen am Mittwoch im Osten Afghanistans bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben. Die Isaf teilte mit, die Absturzursache werde untersucht. Nähere Angaben zur Nationalität der Toten oder dazu, ob es am Absturzort Gefechte gab, machte die Schutztruppe nicht. Die Taliban äußerten sich zunächst nicht. In der Vergangenheit ist es Aufständischen mehrfach gelungen, Isaf-Hubschrauber abzuschießen. Deutlich häufiger stürzten Helikopter der ausländischen Truppen allerdings aus technischen Gründen ab.

mgb/anr/dpa/AFP
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