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26. November 2011, 14:10 Uhr

Nato-Luftangriff

Pakistan empört über Hubschrauber-Attacke auf Grenzposten

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Es ist der schwerste Zwischenfall in Pakistan seit der Tötung Osama Bin Ladens: Im Grenzgebiet zu Afghanistan sind bei einem Angriff von Nato-Hubschraubern mindestens 24 pakistanische Soldaten getötet worden. Der Vorfall verschärft den Konflikt der Regierung in Islamabad mit den USA.

Hamburg/Islamabad - Die Details des tödlichen Angriffs sind längst nicht geklärt, doch Pakistan reagierte umgehend. Kurz nachdem Nato-Hubschrauber einen Militärposten im Nordwesten des Landes beschossen hatten, ließ die pakistanische Regierung die Nachschublieferungen für die Nato-Truppen nach Afghanistan stoppen. Das ohnehin angespannte Verhältnis der Regierung in Islamabad zu den USA kühlte sich weiter ab.

Aus pakistanischen Armeekreisen hieß es, der Vorfall werde "so oder so ernste Konsequenzen" für die Beziehungen zu den USA haben. "Es ist absolut inakzeptabel, dass fremde Kräfte - egal ob die Nato oder andere - Angriffe auf pakistanischem Territorium führen", sagte ein hochrangiger Offizier SPIEGEL ONLINE. Nähere Angaben zu möglichen Konsequenzen machte er nicht. "Wir werden den Vorfall untersuchen und dann über die Folgen entscheiden", sagte der Brigadegeneral.

Nach einem Krisentreffen des pakistanischen Verteidigungsausschusses am Abend hieß es, alle diplomatischen, militärischen und wirtschaftlichen Kooperationen mit den USA und anderen NATO-Mächten würden geprüft. Zudem sollen die USA die Flugbasis in Shamsi im Südwesten des Landes innerhalb von 15 Tagen räumen. Von dort starten auch US-Drohnen.

Die USA sind auf Pakistan als Anti-Terror-Partner angewiesen. Doch die Beziehungen zwischen den beiden Atommächten haben sich nach der Tötung von Qaida-Chef Osama Bin Laden durch US-Spezialeinheiten im Mai erheblich verschlechtert. Seitdem fürchten die pakistanische Regierung und die Armee weitere Angriffe auf ihrem Territorium. Größer als die Sorge, US-Soldaten könnten eigenmächtig gegen Militante vorgehen, ist die Befürchtung, Washington könnte versuchen, die Kontrolle über die pakistanischen Atomwaffen zu übernehmen.

Im Oktober gab es konkrete Befürchtungen, US-Truppen könnten auf pakistanisches Gebiet einmarschieren, um gegen Terroristen vorzugehen. Damals hatten die Amerikaner ihre Truppen im Grenzgebiet zu Afghanistan massiv verstärkt.

Bisher ist nicht geklärt, ob es sich bei der Attacke in der Nacht zum Samstag um eine gezielte Aktion oder um ein Versehen handelte. Die pakistanischen Streitkräfte erklärten, die Nato-Hubschrauber hätten willkürlich das Feuer eröffnet. Sie seien nicht provoziert worden. Mindestens zwei Dutzend pakistanische Soldaten seien bei dem Angriff getötet worden und ebenso viele verletzt, berichtete das staatliche Fernsehen. Damit wäre es für Pakistan die Attacke mit den meisten Toten und Verletzten seit Beginn des internationalen Militäreinsatzes in Afghanistan vor zehn Jahren.

Isaf hält sich bedeckt

Der Angriff ereignete sich in der Region Mohmand, an der Grenze zu Afghanistan. Nato-Hubschrauber feuerten nach Angaben eines pakistanischen Militärsprechers in der Nacht zu Samstag auf den Grenzposten Salala.

Nach den bisherigen Informationen der Isaf ging dem Helikopter-Angriff ein Gefecht auf dem Boden voraus. Demnach war eine afghanisch-amerikanische Einheit nahe der Grenze, die in der Region Mohmand weder klar markiert noch eindeutig definiert ist, unter Feuer geraten und hatte per Funk Luftunterstützung angefordert. Wenig später dann feuerten Kampfhubschrauber auf eine Stellung, von der das Feuer gekommen sein soll. Dabei handelte es sich offenbar um den Grenzposten.

Kenner der Terrains im Isaf-Hauptquartier betonten, dass diese Posten in den Grenzregion in keiner Weise markiert oder mit einer Funkstation versehen seien. Meist würden sie von nicht-uniformierten Milizionären bewacht, die man rein äußerlich nicht von Taliban-Kämpfern unterscheiden könne. Bereits in der Vergangenheit hatte es Vorfälle gegeben, bei denen diese Milizionäre auf Isaf-Soldaten oder deren Hubschrauber geschossen haben. Formale Absprachen der Isaf mit diesen Posten gibt es meist nicht.

Im Hauptquartier in Kabul hieß es, der Vorfall sei schwerwiegend und werde sehr genau untersucht. Schon Stunden nach den ersten Berichten wurde ein Team von Experten zusammengestellt, dass den Beschuss aufklären soll. Der Isaf-Oberbefehlshaber John Allen telefonierte bereits am Morgen mit dem pakistanischen Armeechef Ashfaq Parvez Kayani und sicherte exakte Recherchen über den Ablauf zu. "So unübersichtlich die Lage in dem Grenzgebiet auch ist", sagte ein Isaf-Offizier, "so sehr müssen wir alles tun, um solche Vorfälle zu vermeiden."

Bereits wenige Stunden nach dem Angriff wurde die Versorgungsroute der Nato nach Afghanistan in Pakistan unterbrochen. Etwa 40 Lastwagen und Tankfahrzeuge seien zurückgewiesen worden, sagte ein Regierungsvertreter - aus Sicherheitsgründen.

Das trifft die Nato hart: Nach ihren Angaben laufen 49 Prozent des Nachschubs für die Soldaten in Afghanistan über Pakistan. Bereits im vergangenen Jahr sperrte Pakistan eine der Versorgungsrouten für zehn Tage. Damals waren im September zwei pakistanische Soldaten bei einem Nato-Luftangriff getötet worden. Die Allianz entschuldigte sich damals für den Vorfall.

Pakistaner berichten von Druck aus Washington

Nach dem aktuellen Angriff hieß es aus dem Armeehauptquartier in Rawalpindi, Washington habe in den vergangenen Wochen Druck auf Pakistan gemacht, eine Militäroffensive in der von Militanten beherrschten Region Nord-Waziristan durchzuführen. Das pakistanische Militär hat dort und in weiteren Gebieten - darunter auch der vom Nato-Angriff betroffene Distrikt - bereits mehrere tausend Soldaten stationiert, lehnt aber eine großflächige Offensive ab.

Washington vermutet, dass Teile der Streitkräfte und der Regierung mit den Aufständischen gemeinsame Sache machen. Pakistan dagegen argumentiert, man habe bei früheren Offensiven die Erfahrung gemacht, dass sich Extremisten mit Terror im ganzen Land rächten. Ein Offizier in Rawalpindi sagte SPIEGEL ONLINE, man lasse sich nicht von den USA vorschreiben, "was wann wo wie zu tun ist". Er fügte hinzu: "Ich gehe davon aus, dass der Einfluss der USA auf Pakistan jetzt, nach diesem Vorfall, noch geringer wird."

Ein militärischer Konflikt zwischen den USA und Pakistan galt bisher als unwahrscheinlich. In den vergangenen Monaten aber hat das Misstrauen zwischen den Regierungen in Washington und Islamabad zugenommen. Denn vermutlich hatte Qaida-Chef Bin Laden jahrelang unbehelligt in Pakistan gelebt. Nachdem die Amerikaner ihn dort in Abbottabad aufgespürt und getötet hatten, erklärte die pakistanische Regierung, nichts von Bin Ladens Aufenthaltsort gewusst zu haben. Das sorgte in den USA auch deshalb für Ärger, weil Washington die Regierung in Islamabad mit Milliarden von Dollar im Kampf gegen den Extremismus und die wirtschaftliche Misere unterstützt.

Die USA trauen der pakistanischen Regierung nicht

Der Einsatz gegen Bin Laden zeigte, wie wenig die USA den Pakistanern trauen. Die pakistanische Regierung wurde erst informiert, als die US-Hubschrauber mit den Elite-Soldaten schon im Einsatz waren - zu groß war die Sorge in Washington, Bin Laden könnte andernfalls von pakistanischer Seite über den bevorstehenden Schlag informiert werden.

Trotz Zusammenarbeit nach außen hin gibt es zwischen den Ländern immer wieder Irritationen. Seit Jahren führen die USA einen Drohnenkrieg gegen Extremisten in Westpakistan. Die Regierung in Islamabad protestiert regelmäßig öffentlich gegen die Angriffe, insgeheim toleriert sie die Angriffe aber, wie aus US-Diplomatendepeschen hervorgeht, die auf der Internetplattform WikiLeaks veröffentlicht wurden. Nach Angaben der Menschen in der betroffenen Region kommen bei den Angriffen regelmäßig Zivilisten - darunter viele Frauen und Kinder - ums Leben.

Ende Januar tötete ein CIA-Söldner in der pakistanischen Stadt Lahore zwei junge Pakistaner. Der Fall erregte wochenlang die Gemüter in Pakistan, Tausende verlangten seine Verurteilung in Pakistan. Doch auf Druck aus den USA kam er gegen Zahlung eines Blutgeldes frei und wurde in die USA ausgeflogen.

In den USA wiederum sorgte ein Vorfall Mitte September für Ärger. Damals war die US-Botschaft in Kabul angegriffen worden - vermutlich von Mitgliedern des terroristischen Haqqani-Netzwerkes. US-Generalstabschef Mike Mullen hatte Pakistans Geheimdienst ISI vorgeworfen, dieses Netzwerk zu nutzen, um eigene Interessen in Afghanistan durchzusetzen.

Und erst vor wenigen Tagen verkündeten die Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP), sie verhandelten mit der Regierung des Landes über einen Frieden - zum Missfallen der USA. Sie haben die TTP als terroristische Gruppe eingestuft.

"Solche Grenzattacken können nicht mehr toleriert werden"

Pakistans Armeesprecher Athar Abbas hatte diese Woche bei einem Besuch in Berlin erklärt, Pakistan kämpfe "als am stärksten von Terrorismus betroffener Staat" mit aller Macht gegen Extremisten, wisse selbst aber "am besten, wie das zu tun ist". Die USA lägen falsch, wenn sie das Terrorismus-Problem in Pakistan bekämpften. "Es ist nicht so, dass der Terrorismus in Pakistan erzeugt wird." Vielmehr werde er von Afghanistan "importiert" - daher müsse dort eine Lösung gefunden werden.

Pakistans Regierung und Armee bestreiten, dass Terrorismus auch und gerade in pakistanischen Koranschulen entstehe. Dies sei vielmehr Folge der US-Politik aus Zeiten der sowjetischen Besatzung in Afghanistan. Damals hätten die USA die Ausbildung Aufständischer gefördert - und würden Pakistan nun genau deswegen kritisieren.

Es bleibt nun abzuwarten, wie die Nato den aktuellen Vorfall begründet - und wie Pakistan reagiert. Der Gouverneur der Provinz Khyber-Pakhtunkhwa sprach von einem "Angriff auf die pakistanische Souveränität". Die Regierung müsse den Vorgang auf höchster Ebene untersuchen. "Solche Grenzattacken können nicht mehr toleriert werden."

mit Material von Reuters und AP

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