Nato über Gaddafi "Das Regime bröckelt"

Die Nato hat den Zerfall des Gaddafi-Regimes begrüßt. Generalsekretär Rasmussen beschwor einen friedvollen Machtwechsel für ein "neues Libyen". Venezuelas Präsident Chávez verurteilte die Bombenangriffe des Militärbündnisses, auch aus Großbritannien und den USA kamen Reaktionen.
Nato-Generalsekretär Fogh Rasmussen: "Eine neue Zukunft aufbauen"

Nato-Generalsekretär Fogh Rasmussen: "Eine neue Zukunft aufbauen"

Foto: STRINGER/BELGIUM/ REUTERS

Brüssel/Washington/London - Mit dem von den Rebellen vermeldeten Triumph in Tripolis scheint der Weg für einen Neuanfang in Libyen frei zu sein. Die Nato signalisierte ihre Bereitschaft, mit dem Nationalen Übergangsrat in Libyen zusammen zu arbeiten. Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen rief zu einem unverzüglichen und friedvollen Machtwechsel in Libyen auf. "Heute können wir damit anfangen, eine neue Zukunft zu aufzubauen", sagte er in der Nacht zum Montag in Brüssel.

Nach Einschätzung der Nato "bröckelt" das Regime von Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi. Rasmussen forderte den Diktator und seine Truppen auf, die Macht niederzulegen. "Je schneller Gaddafi realisiert, dass er den Kampf gegen seine eigenen Leute nicht gewinnen kann, desto besser", sagte Rasmussen - die Anhänger des Machthabers sollten sich auf die "Seite des libyschen Volkes und damit auf die richtige Seite der Geschichte stellen".

"Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, ein neues Libyen zu schaffen - einen Staat, der auf Frieden beruht, nicht auf Angst; Demokratie, nicht Diktatur; dem Willen aller, nicht den Launen weniger", erklärte Rasmussen. Der Rat müsse sicherstellen, dass das Land vereint bleibt. "Dieser Übergang muss friedlich verlaufen. Er muss jetzt kommen."

"Gaddafis Tage sind gezählt"

Die Nato werde die Truppen Gaddafis weiterhin beobachten und bombardieren, falls die Zivilbevölkerung durch sie bedroht sei, sagte Rasmussen. Das Militärbündnis hat in den vergangenen fünf Monaten fast 20.000 Einsätze in Libyen geflogen, darunter etwa 7500 Angriffe gegen die Regierungstruppen.

Ein führender Vertreter des Nationalen Übergangsrats der Rebellen rief angesichts der Entwicklung in Tripolis zur Zurückhaltung auf. Am Tag des Sieges appelliere er an das "Gewissen und Verantwortungsbewusstsein" aller Kämpfer gegen Machthaber Gaddafi, sagte Mahmud Dschibril in einer in der Nacht zum Montag vom Fernsehsender der Rebellen, Libya al-Ahrar, übertragenen Ansprache. "Rächt euch nicht, plündert nicht, greift keine Ausländer an und achtet die Gefangenen." Die Übergangszeit biete eine gute Möglichkeit, "alle die Rechte vorzuleben, für die wir gekämpft haben", sagte Dschibril weiter, der als Regierungschef der Rebellen fungiert.

Er warnte auch vor verfrühter Siegesfreude. In Tripolis und seiner Umgebung leisteten Gruppen von Gaddafi-Getreuen nach wie vor Widerstand. "Der Kampf ist noch nicht beendet. Doch mit Gottes Willen wird unser Sieg in einigen Stunden vollkommen sein."

Obama im Urlaub gebrieft

Auch die amerikanische Regierung nahm zeitnah zum Vormarsch der libyschen Rebellen Stellung: "Gaddafis Tage sind gezählt", sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses am Sonntag und fügte hinzu: "Wenn Gaddafi das Wohlergehen des libyschen Volkes am Herzen liege, würde er jetzt zurücktreten." Präsident Barack Obama sagte nach einem Briefing von seinem Sicherheitsberater, er warte noch auf eindeutige Informationen über den Verlauf der Kämpfe in Tripolis. Sobald er Genaueres wisse, werde er eine Erklärung abgeben, sagte Obama, der derzeit mit seiner Familie im Urlaub weilt.

Ein Sprecher der britischen Regierung äußerte sich ebenfalls zur Situation in Libyen und sagte, "die Szenen in Tripolis, deren Zeugen wir werden, zeigen, dass das Ende des Gaddafi-Regimes sich nähere". Gaddafi habe grauenhafte Verbrechen gegen das libysche Volk begangen und müsse nun Sorge dafür tragen, dass weiteres Leiden für sein Volk vermieden werde, fügte der Sprecher hinzu.

Venezuelas Präsident Hugo Chávez, ein langjähriger Verbündeter Gaddafis, reagiert erwartungsgemäß anders auf die Lage in Libyen. Die Luftangriffe der Nato verurteilte er zum wiederholten Mal scharf - die Bomben des Bündnisses hätten Schulen, Krankenhäuser und Wohngebäude getroffen, behauptete er. "Lasst uns für das libysche Volk zu Gott beten", sagte Chávez. "Heute haben sie ich weiß nicht wie viele Bomben abgeworfen". Den Vereinigten Staaten sowie einigen europäischen Ländern warf er vor, zu "intervenieren und sich das Land und seine Reichtümer zu eigen zu machen". Die libyschen Aufständischen hatte er zuletzt als eine "Gruppe von Terroristen" bezeichnet.

bos/dpa/Reuters/AFP
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