Nato-Manöver in Polen Gruß an Moskau von der schnellen Eingreiftruppe

Mit Kampfjets und Panzern demonstrierte die Nato in Polen ihre Solidarität mit den östlichen Partnern. Konkret wie nie wurde im Großmanöver das Szenario geübt, dass Russland nach der Ukraine auch ein Bündnisland angreift.

DPA

Aus Sagan, Polen, berichtet


Für ihre Übung "Noble Jump" hat sich die Nato einen Standort mit zweifelhafter Geschichte ausgesucht. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das riesige Areal bei Sagan in Westpolen, heute rund 60 Kilometer von der deutschen Grenze, abgeholzt. Seitdem wird das Areal, letztlich ein gigantischer Sandkasten mit einem kleinen Hügel für die Feldherren, für Militärmanöver genutzt. Zu der bewegten Historie gehört auch, dass der als "Wüstenfuchs" bekannte Wehrmachtsgeneral Erwin Rommel hier für seinen Feldzug in Nordafrika übte.

Am Mittwoch aber sollte es um die Zukunft gehen: Mit einem Militärmanöver wollte die Nato das Versprechen untermauern, die östlichen Partner im Fall einer russischen Aggression zu verteidigen. Die baltischen Staaten, aber auch Rumänien und Polen, fürchten nach der Annexion der Krim durch Wladimir Putin, ihnen könnte es ähnlich ergehen. Vergangenen September, beim Nato-Gipfel in Wales, war deswegen beschlossen worden, eine schnelle Eingreiftruppe zu bilden, die im Ernstfall schneller als bisher möglich zuschlagen soll. Die Einheit soll innerhalb von wenigen Tagen vor Ort sein, wenn es brennt.

2100 Nato-Soldaten aus neun Ländern

Was in Sagan geübt wurde, kann man getrost als Drohung gen Moskau verstehen. Mit 2100 Mann aus neun Nationen, einer Armada von Panzern, mehreren Kampfhelikoptern, zwei Kampfjets und bis an die Zähne bewaffneten Spezialkräften probte die Eingreiftruppe ein Szenario, dass passgenau auf die befürchtete Aggression ausgelegt war: Bekämpft werden sollten Separatisten, die - unterstützt von einem ausländischen Trainer mit dem Codenamen "Birdman" - einen Landstrich eingenommen hatten. Genauso, mit nicht gekennzeichneten russischen Soldaten und Trainern, hatte Russland erst die Krim eingenommen und dann in der Ostukraine weitergemacht.

Die Übung kommt dementsprechend martialisch daher: Zunächst tötet ein Scharfschütze den Bodyguard von "Birdman" per Kopfschuss, dann verfolgen Spezialkräfte den Feind. Kurz darauf röhren schon die Motoren der Panzer, aus zwei Richtungen nehmen sie die Stellungen der Separatisten unter schweres Feuer, trotz Ohrstöpsel erschrecken die Gäste bei jedem der Schüsse aus den Rohren der "Marder"- und "Leopard"-Panzer. In der Luft kreisen Kampfhubschrauber, am Ende werfen Kampfjets Leuchtraketen ab.

Das Interesse an der Waffenshow war riesig. Aus Deutschland war Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen eingeflogen; 350 ihrer Soldaten waren bei der Übung dabei, Deutschland führt derzeit gemeinsam mit den Niederlanden die Schnelle Eingreiftruppe. Auch der Nato-Generalsekretär nahm am Morgen auf der Besuchertribüne in Sagan Platz, und 250 Journalisten drängelten sich um die besten Plätze mit Ausblick aufs Schlachtfeld. In der aufgeheizten Lage des neuen Ost-West-Konflikts, in der Putin kürzlich sogar die Aufstockung seines Atom-Arsenals androhte, wirkte die Übung gar nicht mehr so unrealistisch wie Manöver in den Jahren zuvor.

Drohungen und Gegendrohungen

Die Frage, wie es weitergehen soll mit Russland, überschattete das Manöver. Sowohl Stoltenberg als auch von der Leyen versuchten einen Spagat: Auf der einen Seite will die Nato zeigen, dass sie abwehrbereit ist; deswegen posierte der Nato-Chef sogar vor einem "Leopard"-Panzer. Gleichzeitig will man sich aber nicht in eine Eskalationsspirale von immer neuen Drohungen und Gegendrohungen zwingen lassen. Von der Leyen betonte deswegen, die Nato sei zwar "das stärkste Bündnis der Welt", das jedoch rein defensiv ausgerichtet sei. Die Botschaft war klar: Wir provozieren nicht, wir reagieren nur.

Überraschend deutlich hingegen äußerte sich der Gast aus Deutschland zu forschen Plänen der USA, neben der Nato-Speerspitze auch permanent bis zu hundert schwere Panzer und anderes Kriegsgerät für den Notfall in den baltischen Staaten und auch in Polen zu stationieren. Von der Leyen meinte, die Pläne seien seit Langem bekannt, wörtlich bezeichnete die Verteidigungsministerin den Alleingang Washingtons gen Osten gar als "angemessene, defensive Maßnahme". Die USA seien nun mal weit von Europa entfernt, deswegen müssten sie für den Notfall vorsorgen und Panzer und anderes Gerät bereits hierher verlegen.

Ob die Pläne tatsächlich so defensiv sind, wird von der Leyen schon nächste Woche erfahren. US-Verteidigungsminister Ashton Carter kommt erst nach Berlin, ein paar Tage später sehen sich die beiden erneut beim Nato-Verteidigungsministertreffen in Brüssel. Dort dürfte die dauerhafte Verlegung des US-Materials ein wichtiges Thema sein, schließlich hat Russland diese schon als Bruch der Nato-Russland-Akte gerügt.

Derzeit deutet damit alles darauf hin, dass die rhetorische Eskalation zwischen dem Bündnis und Moskau weitergehen wird.

insgesamt 369 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Tingletangle 18.06.2015
1. wenn Moskau...
das gleiche tun würde, wäre es wieder eine "Provokation".
Waschlaff Duschmann 18.06.2015
2. So weit...
...so schlecht. Ich bin sicher bei den Russen klingt das ganz genauso, nur der Akzent ist anders.
meinefresse 18.06.2015
3. Komisch
gesten hat man sich noch darüber geärgert, dass Russland neue Atomwaffen beschafft... heute prahlt man mit Manövern in Polen. So blauäugig kann man in Weltkriege hineinstolpern.
etseel 18.06.2015
4. Russland braucht die baltische Republiken
wie das fünfte Rad am Wagen. Die wollen sich nur wichtig machen.
Baikal 18.06.2015
5. Nach der Ukraine auch ein Bündnis-Land engreift
aha, alles schon geklärt, von Bellingcat etwa oder einfach aus der Kristallkugel? Oder möchte der Spiegel wieder ein kleines mea culpa forum einrichten und damit zeigen, dass saubere journalistische Recherche immerhin noch ein Hoffnungswert sein könnte?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.