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11. Mai 2018, 16:54 Uhr

S-400-Abwehrraketen

Nato fürchtet Moskaus Auge

Von und

Die Türkei will moderne S-400-Flugabwehrsysteme aus Russland kaufen. Nato-Militärs warnen, Moskau könnte so mögliche Schwächen des neuen US-Kampfjets F-35 ausspionieren.

Für die Nato ist es eine Provokation: Die Türkei will Russland Flugabwehrraketen des Typs S-400 abkaufen. Statt eines der innerhalb der Allianz sonst üblichen Systeme will der Nato-Partner Türkei damit ausgerechnet einen Abwehrschild installieren, das aus den Fabriken des zunehmend aggressiven Gegenspielers Russland stammt.

Innerhalb der Nato wächst nun der Widerstand. Das russische System, so heißt es, sei nicht nur inkompatibel mit der technischen Struktur des Militärbündnisses und seinen miteinander verbundenen Flugabwehrsystemen. Es bestehe auch die Gefahr, dass brisante Details über Stärken und Schwächen des neuen US-Kampfjets F-35 über die Anlagen in russische Hände gelangen könnten.

Die Türkei will mehr als 100 F-35 für die eigene Luftwaffe einkaufen. Der Deal ist milliardenschwer. Ausgerechnet das S-400-System aber gilt als potenziell gefährlichster Gegner des Mehrzweck-Kampfflugzeugs, das in den nächsten Jahren zum Rückgrat der Luftstreitkräfte der USA und anderer Länder werden soll.

Militärs fürchten russische Spionage

Entsprechend alarmiert ist man bei der Nato. Auch wenn sich der S-400-Deal derzeit verzögere, sagte kürzlich ein Diplomat des Verteidigungsbündnisses, müsse man schon jetzt über eine Reaktion nachdenken.

Auf offener Bühne werden die Sorgen bisher noch in eher weiche Worte gehüllt. Der geplante S-400-Kauf durch die Türkei bereite "eine Menge Kopfzerbrechen", sagte US-Verteidigungsminister Jim Mattis vor dem US-Kongress. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg unterstrich bei einem Treffen der Nato-Außenminister kürzlich noch einmal, dass es bisher nur Ankündigungen für den Kauf, aber keinen Vertrag gebe.

Die interne Analyse ist konkreter. Vereinfacht gesagt fürchten Militärs, dass mit dem S-400-System eine Art Auge Moskaus auf Nato-Gebiet installiert wird. Die Türken wären beim Betrieb der Anlagen wohl jahrelang auf russische Hilfe angewiesen. Und die in dieser Zeit gewonnenen Daten könnten nach Moskau fließen. Insider vermuten zudem, dass Russland über eine Hintertür in der komplexen Software des Systems ohnehin Zugriff auf alle Daten erhalten könnte.

Umfangreiche Radardaten

Gerade für die Erforschung der Schwächen der F-35 wären die umfangreichen Radardaten der S-400-Systeme hilfreich. Luftwaffenexperten warnen, dass Russland damit völlig ungestört die über der Türkei fliegenden F-35-Jets studieren und analysieren könne. Dass Moskau so hautnah am für Milliarden Dollar entwickelten Super-Jet der USA forschen kann, gefällt Washington gar nicht.

Zwar schütze die Stealth-Technologie den Jet vor dem aktiven Radar des russischen Systems, sagen Fachleute. Gleichzeitig aber könnte Russland über die S-400-Batterien in der Türkei andere technische Abstrahlungen des Jets - etwa Sprechfunk, Datenlinks zum Boden oder das Bordradar - ganz in Ruhe aufklären und so Schritt für Schritt lernen, den vermeintlich unsichtbaren Flieger doch zu orten.

Für ein Waffensystem wie die F-35, deren Stealth- und Datenfähigkeiten von zentraler Bedeutung sind, wäre das eine Katastrophe. "Wir müssen diese High-End-Technologie schützen", sagte Heidi Grant, bei der U.S. Air Force mit Außenbeziehungen beschäftigt, vergangenen November am Rande der Dubai Air Show. Der Türkei-Russland-Deal stelle in dieser Hinsicht eine Gefahr dar.

F-35-Lieferung an Türkei potenziell gefährdet

Die Befürchtungen dürften die amerikanische Diskussion über den Verkauf der F-35 befeuern. Ende April brachten drei republikanische Senatoren einen Gesetzesvorschlag in den US-Kongress ein. Darin fordern sie den Stopp des Deals, da sich die Türkei immer weiter von der Demokratie verabschiede und zum Beispiel im Syrienkonflikt statt der strategischen Interessen der USA nur noch eigene Ziele verfolge.

Im April erklärte eine ranghohe Beamtin des US-Außenministeriums vor dem Repräsentantenhaus gar, dass die Türkei Gefahr laufe, mit Wirtschaftssanktionen belegt zu werden. Hintergrund ist ein Gesetz, das den Kauf russischer Rüstungsgüter seit 2017 mit Sanktionen bedroht. Die USA wollten damit eigentlich Russland für die Annexion der Krim bestrafen.

Eine Blockade wäre allerdings ein drastischer Schritt, ist die Türkei doch schon seit 1999 einer von neun Partnern im F-35-Programm. Politisch käme der Schritt zudem einem Misstrauensvotum gegen den Nato-Partner gleich. Schon heute flirtet der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ziemlich ungeniert mit Russland, von der Nato wendet er sich zunehmend ab. Wie er auf eine weitere Ohrfeige des Bündnisses reagieren würde, mag sich niemand ausmalen.

Wohl auch deshalb belässt es die Nato bisher bei vorsichtigen Drohungen. Natürlich stehe es jedem Nato-Mitglied frei, die Rüstungsgüter seiner Wahl zu kaufen, sagte Petr Pavel, Vorsitzender des Nato-Militärkomitees, im vergangenen November in Washington. Die anderen Bündnispartner seien in ihren Reaktionen aber ebenso frei. Pavels Warnung: "Jede Entscheidung hat Konsequenzen."


Zusammengefasst: Die türkische Regierung will das hochmoderne russische S-400-Flugabwehrsystem kaufen. In der Nato ist man entsetzt: Das System sei nicht nur inkompatibel mit den bestehenden Abwehranlagen des Bündnisses. Es könnte auch Geheimnisse des neuen US-Kampfjets F-35, den die Türkei ebenfalls kaufen will, an Russland verraten.

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