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29. August 2012, 17:06 Uhr

Buch über Geheimoperation

Navy Seals sollen unbewaffneten Bin Laden getötet haben

Wie starb Osama Bin Laden? Laut offizieller Darstellung hat er noch zur Waffe gegriffen und sich verteidigt. Ein ehemaliger Elitesoldat, der beim Einsatz der Navy Seals in Abbottabad dabei war, behauptet nun: Der Terrorchef war unbewaffnet, er hat sich nicht gewehrt.

Islamabad/Hamburg - Über die Tötung von Osama Bin Laden ist schon viel geschrieben worden. Aber das Buch des ehemaligen US-Elitesoldaten, das am 11. September 2012, exakt elf Jahre nach den Terroranschlägen in New York und Washington erscheinen soll, wird mit besonderer Spannung erwartet: Es trägt den Titel "No Easy Day" und wurde von einem Mann verfasst, der behauptet, bei der Kommandoaktion im nordpakistanischen Abbottabad in der Nacht vom 1. auf den 2. Mai 2011 an vorderster Front dabei gewesen zu sein.

Sein Name: Matt Bissonnette. Für das Buch hatte er das Pseudonym Mark Owen verwendet, seine Identität wurde aber vom US-Sender Fox News bekanntgemacht. Auf einschlägigen Internetseiten fordert das Terrornetzwerk al-Qaida nun seine Ermordung.

Die größte Überraschung in dem Buch: Bin Laden soll unwaffnet gewesen sein und keine Gegenwehr geleistet haben. Die "Huffington Post" berichtet aus einem Exemplar, das sie schon jetzt in einem Buchladen aufgetrieben haben will. "Wir waren weniger als fünf Stufen vom oberen Stockwerk entfernt, als ich gedämpfte Schüsse hörte: BOP-BOP", heißt es demnach in dem Buch: "Von meiner Position aus konnte ich nicht erkennen, ob die Schüsse ihr Ziel trafen. Der Mann verschwand im dunklen Zimmer."

Als die US-Soldaten den Raum betraten, war Bin Laden bereits tödlich getroffen. "Blut und Gehirnmasse quollen aus der Seite seines Schädels." Sein Körper habe noch gezuckt, schreibt Bissonnette laut "Huffington Post", dann hätten er und ein Kamerad die Laser auf Bin Ladens Brust gerichtet und mehrere Male geschossen. Bislang hatte es in Berichten stets geheißen, Bin Laden habe sich gewehrt und sei im Kugelhagel der Navy Seals gestorben.

Aber laut Bisonette hat es überhaupt keine Schießerei gegeben, auch nicht bei der Ankunft seines Trupps auf dem Gelände des Verstecks. Bin Laden habe keine Zeit dafür gehabt, den US-Soldaten auch nur noch "in die Augen zu schauen". Das Kommando sei in Berichten wie ein "schlechter Actionfilm" beschrieben worden, so der 36-Jährige.

"Wir alle kannten den Deal"

Das Buch scheint auch ein Schlag gegen US-Präsident Barack Obama kurz vor der Präsidentschaftswahl zu sein. Bissonnette lobt den Präsidenten zwar dafür, dass Obama grünes Licht für die riskante Aktion gegen Bin Laden gegeben habe. Er beschreibt aber auch, dass die Navy Seals bereits damals damit gerechnet hätten, Obama würde den Sieg über Bin Laden für sich beanspruchen. Man habe vor dem Einsatzbefehl in Afghanistan am Feuer gesessen und scherzhaft darüber gesprochen, welche Hollywood-Schauspieler wohl sie, die Navy Seals, spielen würden, schreibt die "Huffington Post" unter Berufung auf das Buch. "Und wir werden dafür sorgen, dass Obama ganz sicher wiedergewählt wird. Ich kann ihn schon sehen, wie er davon erzählt, wie er Bin Laden tötete", schreibt Bissonnette. Keiner der Elitesoldaten sei ein großer Fan von Obama gewesen. Man habe ihn aber als obersten Befehlshaber der Streitkräfte akzeptiert.

"Wir alle kannten den Deal", schreibt Bissonnette. "Wir waren Werkzeuge im Werkzeugkasten und wenn alles gut läuft, dann schlagen sie daraus Kapital." Ausgerechnet die Navy Seals, dieser konservative Haufen, soll Obama zur Wiederwahl verhelfen? Bissonnette stört sich offensichtlich daran. Wohl auch deshalb schrieb er dieses Buch, das mit keiner offiziellen Stelle abgesprochen ist, weder mit dem Weißen Haus noch mit dem Pentagon oder dem State Department. Der Verlag betont jedoch, man habe einen Juristen damit beauftragt zu prüfen, ob es die nationale Sicherheit der USA gefährde - und dies tue es selbstverständlich nicht.

Pentagonsprecher George Little hatte zuletzt bestätigt, sein Ministerium habe das Manuskript bekommen und klopfe es auf möglichen Geheimnisverrat ab. Zuvor hatten Militärvertreter dem Autor mit juristischen Schritten gedroht, sollte der Text geheime Informationen enthalten.

Die Erzählweise, Bin Laden sei ohne Gegenwehr hingerichtet worden, ist neu in der Reihe von Verschwörungstheorien und Geschichten, die zwischen den USA und Pakistan kursieren. Es scheint fragwürdig, ob sie der Wahrheit entspricht oder einem ganz anderem Zweck dient: für Aufregung zu sorgen, das Buch bekanntzumachen und den Erfolg Obamas ausgerechnet wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen zu schmälern.

Erst kürzlich hat der konservative US-Journalist Richard Miniter ein Buch veröffentlicht, in dem er die wichtigsten politischen Entscheidungen Obamas auseinandernimmt. Auch er kritisiert, Obama schmücke sich fälschlicherweise mit der Tötung Bin Ladens. Vielmehr habe er den Kampf gegen den Qaida-Chef verzögert und einen Militärschlag im Frühjahr 2011 dreimal kurzfristig abgesagt. Treibende Kraft hinter dem energischen Vorgehen seien vielmehr andere gewesen, darunter US-Außenministerin Hillary Clinton.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde die Darstellung des US-Soldaten fälschlich so interpretiert, dass Osama Bin Laden Selbstmord begangen haben soll. Der Autor lässt offen, wer die Schüsse abgegeben hat. Bin Laden war, wie Bissonette schreibt, jedoch unbewaffnet - er kann sich nicht selbst erschossen haben. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

kaz/hen

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