Südafrika nach Mandelas Tod Ein Land ohne Vater

Nelson Mandela ist tot, Südafrika schockiert. Niemand kann die Rolle des Friedensnobelpreisträgers übernehmen. Seine Partei ANC hat keine Ideen mehr, die neue Staatsführung gilt als korrupt. Manche warnen: Ohne "Madiba" droht das Land zu zerfallen.
Mandela-Statue: Politiker mit gottähnlichem Status

Mandela-Statue: Politiker mit gottähnlichem Status

Foto: Chip Somodevilla/ Getty Images

Die Statuen wurden schon zu Lebzeiten errichtet. Sein Gesicht ist auf Geldscheine gedruckt, Straßen und Hallen in nahezu jeder Stadt tragen seinen Namen. Nelson Mandela - Ex-Präsident, Friedensnobelpreisträger, Nationalheld - hat in seinem Heimatland gottähnlichen Status.

Sein Tod ist für Südafrika ein Schock - auch wenn sich das Land angesichts seines Alters von 95 Jahren darauf einstellen konnte. Mandela hat eine mächtige politische Partei und eine Nation aufgebaut. Er war das Maß aller Dinge, seine Person gab dem Land eine Richtung. Nun braucht Südafrika einen neuen Motor - und Mandelas Partei, der Afrikanische Nationalkongress (ANC), eine neue Vision.

"Einer, der dem Wohl der Masse 27 Jahre seiner eigenen Freiheit geopfert hat, muss nicht von Steuern, Arbeitsbeschaffung oder Lehrplänen reden", schrieb der SPIEGEL in einer Titelgeschichte 1994 über Mandela, kurz vor der ersten demokratischen Wahl in Südafrika. "Er braucht kein Programm wie andere. Er ist das Programm." 

Dass Parteien mit großen Persönlichkeiten kein Programm brauchen, darauf hat sich der ANC verlassen. Südafrika war Mandela, Mandela war Südafrika. Hinter seiner Person hatte sich das Land mit seinen elf Sprachen und unzähligen Volksgruppen gesammelt. Seine Werte, für die er stand und kämpfte, waren die Richtschnur in Politik und Gesellschaft.

Der "Generation born free" fehlt der Bezug zu Mandela

Doch das Festhalten an Mandela, der doch selbst immer nach vorne schaute, lähmte das Land. Nun taumelt es richtungslos. Besonders deutlich wird das an seiner Partei. Der ANC, den Mandela mit aufgebaut und mehrere Jahre geführt hat, ist nun eine Packung ohne Inhalt. Niemand weiß genau, wofür die Partei eigentlich steht. Mit Mandela ist auch ihr Programm gestorben.

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Nelson Mandela: Afrikas größter Sohn

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Vor allem Südafrikas heutiger Präsident Jacob Zuma suchte die Nähe zu "Madiba", wie Mandela von den Südafrikanern genannt wird. Er wollte damit aber vermutlich nur sein eigenes Image pflegen. Zuma stand in den vergangenen Tagen - wieder einmal - schwer in der Kritik, weil er sein Privatanwesen auf Staatskosten ausgebaut haben soll. Zuma verteidigte die Ausgaben als notwendig für die Sicherheit. Beim Swimmingpool im Garten handele es sich vielmehr um ein Löschwasserbecken, heißt es in offiziellen Dokumenten, die die Maßnahmen rechtfertigen sollen.

Solche Berichte festigen in Südafrika das Bild, Zuma und der ANC seien korrupt. 2014 wird gewählt in Südafrika. Ein Sieg der Mandela-Partei sei noch nicht ernsthaft in Gefahr, sagt Politik-Professor Daryl Glaser von der Witwatersrand-Universität Johannesburg. "Aber es werden nach seinem Tod wohl einige Sympathie-Stimmen wegfallen." Manche Südafrikaner würden nun nicht mehr die innere Verpflichtung spüren, ANC zu wählen.

Immer größer wird zudem die "Generation born free" - jene Jugendlichen also, die die Apartheid gar nicht oder nur noch als Kleinkinder erlebt haben. Ihnen fehlt bereits der Bezug zu Mandela, sie wählen nicht mehr automatisch ANC wie die Eltern. Hinzu kommt die Konkurrenz durch neue Parteien - und eine allgemeine Enttäuschung darüber, was der ANC liefert, oder genauer: nicht liefert. Die Partei brauche deshalb eine neue Strategie, so Glaser.

Furcht vor dem Verlust

Mandela hatte in den vergangenen Jahren keine politische Macht mehr. 1999 gab er das Präsidentenamt ab, 2004 zog er sich aus der Öffentlichkeit zurück. Seine symbolische Funktion und sein gesellschaftlicher Einfluss nahmen in den Jahren seiner Abwesenheit - seines stillen, siechenden Daseins zum Trotz - aber nicht ab.

Das ist der Widerspruch im Verhältnis zwischen dem Vater und seiner Nation. Eigentlich hätte Südafrika von Mandela lernen sollen, Institutionen statt Personen regieren zu lassen. "Seine Lektion war: Dies muss eine Nation der Gesetze werden, nicht der Personen - und schon gar nicht die Nation einer einzigen Person", schrieb der Chefredakteur des im Land bedeutenden Nachrichtenmagazins "Mail & Guardian" , Nick Daves, in diesem Sommer. Genau das aber scheint Südafrika geworden zu sein.

Manche fürchten sich nun nach dem Verlust. Sie sehen das Land ohne die Identifikationsfigur Mandela in seine ethnischen Bestandteile zerfallen. "Hinter diesen Ängsten gibt es eine beunruhigende Wahrheit", schrieb der Autor Douglas Foster in der "LA Times"  bereits vor einem Jahr. "Das Versprechen Mandelas, eine Rassismus-freie und egalitäre Gesellschaft zu entwickeln, wurde im vergangenen Jahrzehnt nicht eingelöst."

"Sein Geist wird weiterleben"

Ohne Mandela fehlt Südafrika zweifellos der Klebstoff, sagen Experten. Das Land braucht also ein neues gemeinsames Projekt, ein Ziel. "Ich sehe aber keine Anzeichen, dass es zu dramatischen Spannungen oder größeren Veränderungen kommen wird", sagt Politik-Professor Daryl Glaser.

Politiker überall auf der Welt bekundeten, Mandela sei ein Vorbild, und sein Geist werde weiterleben. "Wir werden Leute wie Mandela wahrscheinlich nicht mehr sehen, deshalb ist es an uns, seinem Erbe zu folgen", sagte Barack Obama. Und der frühere US-Präsident Bill Clinton, ein enger Freund der Familie Mandela, fügte hinzu: "Mandela hat uns so viele Dinge gelehrt." Die vielleicht wichtigste Lektion vor allem für junge Leute sei, dass man immer die Freiheit und die Verantwortung habe, etwas gegen Ungerechtigkeit, Grausamkeiten und Gewalt zu unternehmen.

Der Journalist Branko Brkic schrieb bereits 2011  , Mandelas Leben sei ein moralischer Leitfaden, den das Land brauche - und nicht so sehr die Person. "Sein Körper wird irgendwann nicht mehr da sein, aber er hat seinen Job bereits gemacht." Nun sei es an allen, seine Ideale zu verwirklichen. Dann gebe es "keine Mandela-lose Zukunft."

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