Moskauer Zeitung zu Nemzow-Mord Überwachungskameras waren ausgeschaltet

Gibt es überhaupt verwertbare Videoaufnahmen von den tödlichen Schüssen auf Boris Nemzow? Die Moskauer Zeitung "Kommersant" berichtet, zahlreiche Überwachungskameras in der Nähe seien nicht in Betrieb gewesen.
Moskauer Zeitung zu Nemzow-Mord: Überwachungskameras waren ausgeschaltet

Moskauer Zeitung zu Nemzow-Mord: Überwachungskameras waren ausgeschaltet

Foto: TBU

Moskau/Berlin - Die tödlichen Schüsse auf den russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow fielen in unmittelbarer Nähe des Kreml. Als am Sonntag Zehntausende trauernd am Tatort vorbeizogen, bemerkten viele der Teilnehmer auch die zahlreichen Videokameras rund um die Stelle. Allein auf den Kreml-Mauern sind es Dutzende, die nächste ist keine 200 Meter von dem Ort entfernt postiert, an dem Nemzow starb.

So war es kaum verwunderlich, dass am Sonntag erste Aufnahmen einer Überwachungskamera auftauchten. Die Bilder, veröffentlicht vom russischen Fernsehen, sollen das Attentat zeigen, allerdings von der gegenüberliegenden Brückenseite. Und: Auf dem Video verdeckt ein Lkw die entscheidende Szene.

Die Überwachungskameras von der Kreml-Seite dagegen müssten freie Sicht gehabt haben. Zwischen dem Bürgersteig, auf dem Nemzow ging, und dem Kreml liegt keine Fahrbahn mehr. Nach Angaben der angesehenen Moskauer Tageszeitung "Kommersant" gibt es bislang aber keine verwertbaren Videoaufnahmen von den tödlichen Schüssen.

Einige Kameras würden die Szene nur verschwommen zeigen, berichtet die Zeitung. Viele andere seien wegen Reparaturarbeiten ausgeschaltet gewesen, heißt es unter Verweis auf Quellen in Russlands Behörden. Derzeit finden unter anderem Restaurationsarbeiten an den großen Kreml-Türmen statt.

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Nemzow-Mord: Trauerzug durch Moskau

Foto: YURI KADOBNOV/ AFP

Nach Informationen der russischen Wirtschaftszeitung RBK soll General Igor Krasnow die Untersuchungen im Fall Nemzow leiten. Das könnte darauf hindeuten, dass die Behörden die Täter auch im Umfeld rechtsextremer Gruppierungen vermuten.

Krasnow hatte im Fall der Journalistin Anastasia Baburowa und des Anwalts Stanislaw Markelow ermittelt, beide waren 2009 im Stadtzentrum von Moskau erschossen worden. Die Täter sollen Nationalisten gewesen sein. Krasnow war auch mit den Ermittlungen nach dem Attentat auf den liberalen Politiker Anatolij Tschubais im Jahr 2005 betraut.

Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen wurden insgesamt sechs Kugeln auf Nemzow abgefeuert. Vier davon trafen den Politiker, eine drang in sein Herz ein. Stutzig macht die Ermittler die Herkunft der Neun-Millimeter-Projektile. Sie sollen zwar aus ein- und derselben Waffe abgefeuert worden sein, stammen aber von unterschiedlichen Herstellern. Eine Patrone wurde laut "Kommersant" 1986 in der Uralstadt Tscheljabinsk gefertigt, eine andere dagegen 1992 in Tula, einer Provinzstadt im Süden von Moskau.

Ex-Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger in Moskau

Nemzow soll am Dienstag in Moskau beerdigt werden. Zur offiziellen Trauerfeier, die zuvor stattfindet, reist auch die frühere Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger an. Sie nehme in ihrer Funktion als Vizevorsitzende der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung daran teil, sagte sie am Montag SPIEGEL ONLINE. "Die Ermordung von Herrn Nemzow hat einmal mehr gezeigt, dass die Opposition in Russland in ständiger Lebensgefahr ist und anscheinend nichts getan wird, um für ihre Sicherheit zu sorgen", so Leutheusser-Schnarrenberger.

Die Naumann-Stiftung, die in Moskau auf der offiziellen Trauerfeier im Sacharow-Zentrum auch durch ihren Vorsitzenden Wolfgang Gerhardt vertreten wird, unterhält seit längerem Kontakte zur Partei von Nemzow, der RPR-Parnas. Leutheusser-Schnarrenberger forderte neben umfangreichen Ermittlungen russischer Behörden auch einen Sonderberichterstatter des Europarates. "Dieser muss versuchen, die Hintergründe des Anschlags aufzuklären", sagte die FDP-Politikerin. Dem Europarat gehört auch Russland an.

Leutheusser-Schnarrenberger war vor ihrer Tätigkeit als Justizministerin in der schwarz-gelben Koalition in der Vergangenheit Sonderberichterstatterin des Europarates gewesen, so im Falle des einst zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilten russischen Unternehmers Michael Chodorkowski.

ben/sev