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Charlottesville: Demontrationen zum Jahrestag

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Protest gegen Neonazi-Marsch in Washington "Hass ist hier nicht willkommen"

Es sollte eine Demonstration der Stärke sein. Doch nur knapp 20 Rechtsextreme kamen nach Washington - wo sie von Tausenden Protestierenden niedergebrüllt wurden. Doch sie haben einen mächtigen Freund: Donald Trump.

Der Marsch wird zum Märschlein. Höchstens zwei Dutzend Männer sind gekommen, grimmig schlurfen sie über die Pennsylvania Avenue. Eskortiert von Polizisten und Tausenden brüllenden Gegendemonstranten haben sich einige schützend in große Sternenbanner gewickelt. Andere tragen rote Kappen mit der Aufschrift "Make America Great Again" - Donald Trumps Wahlkampfslogan.

Das soll sie also sein, die Koalition aus Rechtsextremen, Neonazis, Antisemiten und Ku-Klux-Klan-Erben, vor der alle Angst haben. Ein kläglicher Haufen, der zum Jahrestag der Ausschreitungen von Charlottesville noch mal Stärke zeigen will - diesmal dreist direkt am Weißen Haus, dem Amtssitz "ihres" Präsidenten.

Seit Wochen wappnet sich Washington für den Aufmarsch der Ultrarechten. Denn die Ereignisse von Charlottesville schockieren bis heute: Mehr als 700 Alt-Right-Jünger marschierten damals offen durch die Universitätsstadt in Virginia. Einer steuerte seinen Wagen in eine Menschengruppe und tötete eine 32-Jährige.

Solche Szenen wiederholen sich am Sonntag nicht. Die mehr als 3000 Protestierende sind den Neonazis derart überlegen, dass sie sie nicht nur niederbrüllen, sondern in jeder Hinsicht überwältigen. Für einen Tag zumindest.

Was nicht heißt, dass Amerikas Rechte klein beigibt. Ihr mächtigster Fürsprecher bleibt Trump, der ihre Parolen in konkrete Politik verwandelt.

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Charlottesville: Demontrationen zum Jahrestag

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Doch diesmal wagen sich nur etwa 20 von ihnen in die US-Haupstadt, ein Bruchteil der 400, die sich angekündigt hatten. "Wir kämpfen für die Bürgerrechte der Weißen", sagt ihr Anführer Jason Kessler, 34, ein stolz selbst ernannter Rassist, als sie sich im Vorort Vienna in die U-Bahn hocken. Wie diese "weißen Bürgerrechte" bedroht sind? Das will Kessler nicht sagen.

Als sie in der Downtown aus der Metro kommen, erwartet sie Gegröle: "Verpisst euch, Nazis!" Dutzende Polizisten bilden einen Wall zwischen wütenden Bürgern und unerwünschten Fremden. Die bieten einen tristen Anblick mit ihren Schlabber-Shorts und Schildern ("Stoppt den weißen Genozid", "White Lives Matter"). Schwitzend schleppen sie sich zum Weißen Haus, wo man ihnen ein "Meinungsfreiheits"-Karree reserviert hat, in sicherer Entfernung der Antifaschisten am anderen Ende des Lafayette Parks. "Schande! Schande! Schande!", hört man die skandieren.

Hitler im Weißen Haus

Die Gegendemonstranten sind eine bunte Koalition aus Einzelgruppen: Black Lives Matter, LGBT-Organisationen, Demokraten, Sozialisten, Feministen, Studenten, Antifa. Ihnen schließen sich andere an, die sich den Aufmarsch von Rechten ebenfalls nicht bieten lassen wollen. "Ich stand schon 1968 an genau dieser Stelle und habe gegen Nazis protestiert", sagt Rex Booth, 70, aus Fredericksburg bei Washington. Damals hießen die noch offiziell American Nazi Party und huldigten Hitler. "Auf einmal kommen sie wieder, und Hitler wohnt jetzt da", fügt Booth hinzu - und zeigt aufs Weiße Haus.

"Rassismus ist unamerikanisch", steht auf einem Schild. Es gehört einem weißen Ehepaar, beide Soldaten, weshalb sie ihre Namen nicht nennen, da das Militär politische Proteste nicht gutheißt. "Ich kämpfe für die Meinungsfreiheit aller", sagt der Mann. "Aber nicht, damit sie Nazi-Mist propagieren."

Video: Ein Jahr nach Charlottesville - diesmal ohne Hakenkreuze?

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Charlottesville wurde überrascht. Washington (47,1 Prozent Schwarze, 36,8 Prozent Weiße) ist gerüstet für den solchen Spuk seit 1926, als der KKK in weißen Kapuzen über die Pennsylvania Avenue stolzierte, 50.000 Mann stark.

Die Polizei versucht die paar Rechtsextremen getrennt zu halten von denen, die sich gegen sie wehren. Das klappt nicht immer, doch die einzigen Rangeleien gibt es zwischen Cops und Antifa-Gruppen. Ein Plan, die Rechten zur Sicherheit in "privaten" U-Bahn-Wagen an- und abzutransportieren, wurde wieder abgeblasen, als sich die meist schwarzen Angestellten dem verweigerten.

Manche Restaurants im Viertel schließen vorzeitig. Der Trendladen "Lincoln" zwei Blocks vom Lafayette Park entfernt hat eine Warnung ins Fenster gehängt: "Wir sind ein Ort der Toleranz", steht da. "Hass ist hier nicht willkommen."

Wie Trump Rassisten beflügelt

Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die rechte Szene unter Trump weiter Aufwind spürt. Watchdog-Gruppen vermelden einen steilen Anstieg rechtsextremer und antisemitischer Gewalttaten. Rassisten kandidieren offen für den Kongress. Zugleich wertet die Trump-Regierung den radikalen Rand zur amtlichen Linie auf - vor allem mit ihrer Einwanderungspolitik gegen Nichtweiße.

Trump selbst keilt immer öfter gegen Minderheiten: schwarze Sportler, Politiker, Journalisten. Und auch diesmal distanziert er sich nicht von den Rechten - sondern überlässt das Tochter Ivanka. Er verurteile "alle Formen" von Gewalt, twittert er. Wie nach Charlottesville, als er die "sehr feinen Leute auf beiden Seiten" lobte.

Einer der Organisatoren von Charlottesville war Jason Kessler. Dass seine Demo jetzt so mickrig ausfällt, liegt auch daran, dass sich die Planer zuvor heillos zerstritten haben. Zumal viele der Charlottesville-Beteiligten bis heute juristisch belangt werden, ihre Internet-Domains verloren haben oder ihre Jobs.

"Viele haben dieses Jahr viel Angst", jammert Kessler. Der Rest geht im Geschrei der Gegendemonstranten unter. Dann entlädt sich ein schweres Gewitter über dem Park. Die Gruppe Rechter krabbelt in zwei weiße Kleinbusse und entfleucht.

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