Neue Audio-Botschaft Bin Laden betreibt Imagepflege

Es ist eine der kürzesten Botschaften von Osama Bin Laden - aber eine wichtige: Der Qaida-Chef hat die Verantwortung für den Anschlagsversuch auf ein Passagierflugzeug in Detroit übernommen. Das Terrornetzwerk will so beweisen, dass es immer und überall zuschlagen kann.
Von Yassin Musharbash
Neue Audio-Botschaft: Bin Laden betreibt Imagepflege

Neue Audio-Botschaft: Bin Laden betreibt Imagepflege

Foto: REUTERS

al-Dschasira

Berlin - Osama Bin Laden meldet sich zurück: Die neue Audio-Botschaft des Qaida-Chefs wurde an diesem Sonntag über den arabischen Satellitensender verbreitet und beginnt mit den Worten "Von Osama an Obama". Sie enthält ein Bekenntnis zu dem Anschlagsversuch auf einen US-Passagierjet in Detroit am ersten Weihnachtstag 2009, eine Drohung mit weiteren Attacken in den USA und das bereits von ihm bekannte Argument, die USA würden erst dann Sicherheit erlangen, wenn auch die Palästinenser diese hätten.

Bin Laden

Zuletzt hatte sich vor einem Vierteljahr mit einer Botschaft "an die Völker Europas" zu Wort gemeldet.

Seine jetzige Botschaft ist in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich. Zum einen ist sie mit knapp zwei Minuten die wahrscheinlich kürzeste, die Bin Laden je abgesetzt hat. Zum anderen nutzt al-Qaida zur Veröffentlichung von Bin-Laden-Reden seit mehreren Jahren meistens die etablierten Publikationskanäle im Internet, namentlich Qaida-nahe Websites. Allerdings kommt es gelegentlich vor, dass Bin Laden seine Ansprachen zuerst an al-Dschasira schicken lässt. Zumeist folgt dann einige Tage später eine zweite Veröffentlichung im Internet. Zur Stunde gibt es aber auf den einschlägigen Websites keinerlei Ankündigungen in dieser Hinsicht. Damit ist derzeit auch noch unklar, ob al-Dschasira nur ein Ausschnitt vorliegt oder die gesamte Rede.

Inhaltlich sind zwei Punkte bedeutsam.

Erstens reklamiert Osama Bin Laden den Anschlagsversuch des Nigerianers Umar Farouk Abdulmutallab für al-Qaida. Das ist zwar keine Neuigkeit, denn al-Qaidas Filiale auf der Arabischen Halbinsel hatte sich bereits unmittelbar nach dem gescheiterten Anschlag dazu bekannt, den Studenten ausgebildet und losgeschickt zu haben, was dieser selbst auch gegenüber dem FBI angegeben haben soll.

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Das Bekenntnis durch Bin Laden ist dennoch interessant, weil al-Qaida sich in der Regel keine gescheiterten Anschläge auf die Fahne schreibt. Das lässt zwei Schlüsse zu: Zum ersten betrachtet al-Qaidas Zentrale den Anschlagsversuch offenbar nicht als gescheitert, weil es dem Attentäter immerhin gelang, die Sicherheitsvorkehrungen an einem großen westlichen Flughafen (Amsterdam) zu überlisten. Zum zweiten deutet Bin Ladens Bekenntnis darauf hin, dass die Zentrale den Anschlagsversuch ihrer Filiale im Jemen mit sich selbst in Verbindung bringen will.

Zwar behauptet Bin Laden nicht, vorab Kenntnis von dem Anschlagsversuch gehabt zu haben. Aber indem er die vom Jemen aus geplante Attacke in die Qaida-Rhetorik "einbettet" und als Fortschreibung des 11. Septembers 2001 darstellt, benutzt er sie, um die internationale Terroragenda der Zentrale zu untermauern, die selbst in den vergangenen Jahren kaum Erfolge in dieser Hinsicht nachzuweisen hatte. Anders gesagt: Bin Laden versucht offenbar, aus den Aktivitäten der Terrorfiliale im Jemen Kapital zu schlagen. Das ist eher ungewöhnlich und könnte ein Indiz dafür sein, dass al-Qaidas Zentrale selbst findet, hinter ihrem Soll zu liegen.

Daran knüpft der zweite wichtige inhaltliche Punkt der neuen Botschaft an: Bin Ladens Drohung mit weiteren Anschlägen in den USA.

Es ist nicht das erste Mal, dass al-Qaidas Chef direkt mit bevorstehenden Anschlägen droht. Aber die aktuelle Drohung wirkt umso ernster, als derzeit etliche Staaten in Sorge sind, dass Terroristen versuchen könnten, in naher Zukunft zuzuschlagen:

  • Großbritannien erhöhte erst am Freitagabend die aktuelle Bedrohungsstufe. Hintergrund sind offenbar indische Warnungen, Terroristen könnten britische Städte mit Flugzeugen angreifen.
  • Die USA arbeiten gerade die Versäumnisse ab, die dazu führten, dass Detroit-Attentäter Abdulmutallab überhaupt eine Maschine Richtung USA besteigen konnte.
  • Die EU befindet sich mitten in einer Debatte über neue Maßnahmen zur Flugsicherheit.

International zuzuschlagen ist al-Qaidas Markenkern

Terror ist eine Strategie, die nicht nur aus den Anschlägen selbst, sondern auch aus ihrer rhetorischen Vor- und Nachbereitung besteht. Dafür ist Bin Ladens aktuelle Botschaft ein Beispiel. Sie ist glaubwürdig genug, um Anhängern und potentiellen Opfern zugleich das Gefühl zu geben, dass der nächste große Anschlag jederzeit stattfinden kann. Für al-Qaida gehört es zum Markenkern, international zuzuschlagen. Der muss erhalten bleiben. Das erklärt die Vereinnahmung des Detroit-Plots und die neuerliche Drohung gegen die USA durch Bin Laden. Die Tatsache, dass Abdulmutallab ausgesagt haben soll, es seien neben ihm noch eine Reihe weiterer Attentäter geschult worden, garantiert al-Qaida zudem einen passenden Resonanzrahmen.

Der dritte Punkt in der Botschaft ist derweil nichts als altbekannte Rhetorik: Erst wenn die USA ihre Unterstützung für Israel einstellten, könnten sie wieder in Sicherheit leben. Kaum ein Terrorexperte geht davon aus, dass al-Qaida ihre Aktivitäten einstellen würde, wenn Israel morgen seine Besatzung des Westjordanlandes beenden würde. Für die Anhängerschaft ist dieser Topos gleichwohl von großer Bedeutung - wenn auch vor allem als Symbol.