Neue Audio-Botschaft Bin Laden wäscht die Taliban rein

Nur wenige Absätze veröffentlichte al-Dschasira bis jetzt aus dem neuen Tonband von Osama Bin Laden. Darin reklamiert der Qaida-Chef die alleinige Verantwortung für die 9/11-Anschläge - die Taliban hätten nichts gewusst. Der Rest ist sattsam bekannt: Die Europäer sollen Afghanistan verlassen.

Von Yassin Musharbash


Berlin – Wenn al-Dschasira wirklich die entscheidenden Passagen aus dem neuem Tonband Bin Ladens veröffentlichte, dann ist die aktuelle Ansprache des Qaida-Gründers wenig spektakulär. Dem arabischen Satellitensender zufolge, dem das Band offenbar wieder einmal zugespielt wurde, gibt es zwei Hauptbotschaften: Die Europäer sollen aus Afghanistan abziehen - und die Taliban hatten mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in Washington und New York nichts zu tun.

Osama Bin Laden: Mit diesem Standbild strahlte der Fernsehsender al-Dschasira das neue Tonband des Qaida-Chefs aus.
AFP

Osama Bin Laden: Mit diesem Standbild strahlte der Fernsehsender al-Dschasira das neue Tonband des Qaida-Chefs aus.

"Alle Opfer eurer Bomben waren Kinder und Frauen, und ihr wisst, dass sie nicht kämpfen, aber ihr attackiert sie, wenn sie feiern, um ihre Moral zu brechen", sagt die Stimme auf dem Tonband laut al-Dschasira. Aber schon bald würden die USA und ihre Alliierten aus Afghanistan abziehen müssen – da sei es doch besser, wenn "die europäischen Völker", an welche die Rede adressiert ist, sich schon jetzt "gegen ihre Führer stellten" und "ernsthaft daran arbeiteten, die Ungerechtigkeiten abzubauen".

Des Weiteren zitiert al-Dschasira eine Passage, in der sich Osama Bin Laden mit seiner eigenen Rolle beschäftigt: "Die Ereignisse von Manhattan (am 11. September 2001) waren Vergeltung gegen die Aggression der amerikanisch-israelischen Allianz gegen unser Volk in Palästina und Libanon, und ich bin der alleinige Verantwortliche dafür. Das afghanische Volk und die (afghanische) Regierung (also: Die Taliban, -die Redaktion) wussten von nichts."

Will Bin Laden die Taliban politisch stärken?

Der erste Teil seiner Ausführungen ist eine Variation von bereits mehrfach gemachten Äußerungen des Saudi-Arabers. Immer wieder hat Bin Laden prophezeit, die USA stünden am Ende oder steckten bis zum Hals im Sumpf, würden bald kapitulieren oder sich geschlagen zurückziehen. Auch dass die USA und ihre Alliierten in Afghanistan Zivilisten töteten, ist von al-Qaida schon zuvor angeklagt worden – ganz so, als würden bei ihren Anschlägen keine Zivilisten sterben.

Hinter der direkten Ansprache "an die Europäer" steckt unterdessen offenkundig ein weiterer Versuch Bin Ladens, einen Keil zwischen die USA und die Europäer zu treiben. Aber auch das ist nicht neu und passt zum Denken Bin Ladens: "Osama sieht keinen Feind in den Europäern per se – er glaubt wirklich, er kann sie auf seine Seite ziehen", meint zum Beispiel der jordanische Terrorexperte Fuad Hussein, Autor eines einschlägigen Buches über das Terrornetzwerk.

Im April 2004, unmittelbar nach den Terroranschlägen in der spanischen Hauptstadt Madrid, hatte Bin Laden die Europäer, "unsere Nachbarn nördlich des Mittelmeers", schon einmal adressiert - und angeboten, sie von Anschlägen zu verschonen, falls sie binnen dreier Monate alle Soldaten aus islamischen Ländern abzögen.

Spannender ist da schon die Textstelle, in der die Taliban ausdrücklich aus dem Kreis der Mitwisser der 9/11-Verschwörung ausgenommen werden. In den letzten Monaten hat sich das Verhältnis zwischen Taliban und al-Qaida deutlich verbessert - darauf wies erst im vergangenen Monat der Taliban-Kommandeur Mansur Dadullah in einem eigenen Video hin. Bin Ladens Anspruch auf alleinige Täterschaft könnte ein Versuch sein, die Taliban, die in Afghanistan wieder deutlich an Einfluss gewonnen haben, politisch zu unterstützen – indem er sie von dem Verdacht befreit, Terrorhelfer zu sein. So jedenfalls interpretiert der ägyptische Experte für islamistische Bewegungen Diaa Rashwan die Argumentationsfigur. "Bin Laden will es den Taliban ermöglichen, Verhandlungen zu führen", zitiert die Nachrichtenagentur AP den Fachmann.

Für die Anhänger ein gültiger Lebensbeweis

Aus US-Regierungskreisen verlautete am späten Donnerstagabend, die Stimme auf der Aufnahme scheine tatsächlich diejenige Bin Ladens zu sein. Bereits vor Tagen hatte al-Qaidas Propagandaabteilung "al-Sahab" eine Rede des Terrorpaten "an die Europäer" im Internet angekündigt, ein entsprechendes Werbebanner wurde auf einschlägigen dschihadistischen Websites geschaltet. Bis zum späten Donnerstagabend war das Band aber dort nicht veröffentlicht worden - weswegen nach wie vor unklar ist, was sonst noch darauf enthalten sein könnte. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass "al-Sahab" meistens Stunden oder wenige Tage nach der Erstveröffentlichung von Ausschnitten auf "al-Dschasira" ein vollständiges Transkript der Rede publiziert – oft versehen mit der Beschwerde, der arabische Sender habe wieder einmal das Wichtigste ausgelassen. Schon deswegen muss vor einer endgültigen Bewertung die vollständige Version der Rede abgewartet werden.

Nachdem er drei Jahre lang kaum zu vernehmen gewesen war, hat sich Osama Bin Laden alleine in diesem Jahr bereits vier Mal geäußert: Er rief den Krieg gegen Pakistans Regime und jenes in Saudi-Arabien aus, kritisierte die Uneinigkeit der irakischen Dschihadisten und forderte die Amerikaner dazu auf, den Islam anzunehmen. Terrorexperten in der westlichen wie der arabischen Welt sehen darin mehrheitlich ein Zeichen für ein Wiedererstarken al-Qaidas. "Die intensivere 'Öffentlichkeitsarbeit' der al-Qaida ist ein Indiz neu gewonnener Stärke", schreibt zum Beispiel der Terrorexperte Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik in einer aktuellen Studie. Neueren Geheimdiensterkenntnissen zufolge hat sich das Netzwerk im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet wieder eine operative Basis geschaffen.

Nun also noch "eine Botschaft an die Europäer". Es ist natürlich leicht, diese vielen Reden als wirre Propaganda abzutun, zumal wenn sie kaum glaubhafte Prophezeiungen und wenig konkrete Kampfansagen enthalten. Doch für Bin Ladens Anhänger sind sie stets auch ein Beweis, dass ihr Idol noch am Leben ist – und die Perzeption der Ansprache bei diesem Publikum ist für Bin Laden und al-Qaida selbstverständlich mindestens genauso wichtig wie jede Reaktion aus dem Westen.

Seit Tagen haben die Qaida-Sympathisanten den Moment herbeigesehnt, an dem das Band endlich veröffentlicht wird. Jetzt feiern sie die Worte des "Scheichs" im Internet. Allerdings mahnen die besonneren Cyber-Dschihadisten auch hier: Lasst uns abwarten, bis wir die ganze Rede kennen!



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