Neue Folter-Fotos Erschreckende Bilder, besonnenes Echo

Wütende Vorwürfe, Drohungen, Aufrufe zu Protesten? Keine Spur. Die bisher unbekannten Folterbilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghureib empören viele Araber. Dennoch reagierte die Presse besonnen.


Berlin - Vom Jemen bis Marokko, von Saudi-Arabien bis in den Irak: In allen Teilen der arabischen Welt wurden die bislang unbekannten, vom australischen Fernsehen gestern erstmals ausgestrahlten Folter-Szenen aus dem längst berüchtigten Gefängnis Abu Ghureib gezeigt. Aber die von vielen im Westen erwartete Welle der Empörung blieb bislang aus. Die Zeitungen druckten fast ausnahmslos die nüchternen Agenturtexte zu den Horror-Fotos. Eine neue Runde im durch den Cartoon-Streit angefachten "Kampf der Kulturen" blieb aus.

Zeitungskiosk in Damaskus: Neue Bilder, alte Wunden
AP

Zeitungskiosk in Damaskus: Neue Bilder, alte Wunden

Allein in den Schlagzeilen spiegelte sich die Wut über die Bilder, die in Teilen noch drastischer sind als das bereits bekannte Material, auf dessen Grundlage mehrere US-Soldaten verurteilt wurden. "Erschreckende Bilder der amerikanischen Folter-Schande in Abu Ghureib", titelte die panarabische Tageszeitung "al-Quds al-arabi". "Neue Fotos der Folterorgien in Abu Ghureib" überschrieb die in den Vereinigten Arabischen Emiraten erscheinende Zeitung "Akhbar al-arab" ihren Text. Das Blatt "Akhbar al-Khaleej" aus Bahrein verwies in der Titelzeile zornig darauf, dass die US-Regierung die Veröffentlichung der Bilder zuvor verhindert habe. Die Artikel waren aber in allen drei genannten und vielen anderen Fällen rein nachrichtlich gehalten. Kommentare zu dem Thema gab es in den meisten Blättern nicht.

"Wir haben genug mit den Cartoons zu tun"

Auch im Irak berichteten viele Zeitungen besonnen. "Washington bestätigt die Echtheit der Bilder aus Abu Ghuraib", schlagzeilte heute etwa die Zeitung "al-Rafidain". "Die neuen Bilder reißen alte Wunden wieder auf", zitiert die Zeitung eine 34-jährige irakische Lehrerin. Ihr persönlich sei nun klarer als zuvor, dass die US-Amerikaner schnellstens aus dem Land bugsiert werden müssten. Weder mit der Erregung um die ersten Bilder aus Abu Ghureib aus dem Jahr 2004, noch mit den entzürnten Kommentaren zum Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen sind diese Reaktionen zu vergleichen.



Eine neue Welle von Ausschreitungen und Gewalttaten blieb zumindest heute ebenfalls aus. Dabei hatte selbst das Pentagon dies befürchtet. In Beirut, wo vor knapp über einer Woche noch das dänische Konsulat in Flammen aufgegangen war, prangten die erschreckenden Bilder auf vielen Titelseiten - aber von Demonstrationen war nichts zu sehen. In Jordanien, wo der Boykott gegen dänische Produkte von weiten Teilen der Bevölkerung getragen wird, titelten die großen Zeitungen sehr emotionsarm: "Neue Bilder von Folteroperationen in Abu Ghureib", schrieb beispielsweise "al-Ghad".

Kundgebungen am Freitag?

"Der erste Grund für diese Zurückhaltung ist, dass die Bilder erst vor wenigen Stunden veröffentlicht wurden", sagte Mahmoud Gaafar, Leiter des Pressebüros der ägyptischen Botschaft in Berlin, heute zu SPIEGEL ONLINE. "Ich rechne schon damit, dass in den kommenden Tagen auch Kommentare veröffentlicht werden." Gaafar geht derweil aber davon aus, dass sich die arabische Presse "verantwortungsbewusst" verhalten wird: "Die Zeitungen wollen kein zusätzliches Öl ins Feuer gießen. Wir haben genug Sorgen wegen der dänischen Cartoons, die unseren Propheten beleidigen." 

Dieser Konflikt war in der Tat heute in etlichen Zeitungen Kommentarthema. Daneben, etwa in der großen panarabischen Zeitung "al-Sharq al-Awsat", aber auch der Hamas-Erfolg in den Palästinensischen Gebieten, der Jagdunfall von US-Vizepräsident Dick Cheney und die Rolle der Kurden im Irak. Ähnlich sah es bei dem einflussreichen Blatt "al-Hayat" aus. In den großen ägyptischen und saudi-arabischen Zeitungen standen innenpolitische Angelegenheiten im Vordergrund. 

Morgen freilich könnte die Besonnenheit einer neuen Welle des Aktionismus weichen. Traditionell finden die größten Demonstrationen in der arabischen und der islamischen Welt im Anschluss an das Freitagsgebet statt. Wenn die Folterbilder Predigtthema werden sollten, ist zumindest mit Kundgebungen zu rechnen. 

Yassin Musharbash



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