Neue Folterfotos US-Militärs hetzten Schäferhunde auf Gefangene

Neues Material belastet die US-Regierung im Folterskandal: Der amerikanische Journalist Seymour Hersh berichtet von bisher unbekannten Übergriffen und neuen Fotos. Die Misshandlungen waren Bestandteil eines entmenschlichenden Verhörprozesses, über den US-Minister seit Monaten informiert waren.


US-Folter in Abu Ghureib: Fotos als Bestandteil des Verhörprozesses?
REUTERS/ The New Yorker

US-Folter in Abu Ghureib: Fotos als Bestandteil des Verhörprozesses?

Hamburg - Donald Rumsfeld hatte es bereits angekündigt: Es gebe viele weitere Bilder und sogar Videos, die den bisher gezeigten ähneln. Die Bilder, so der amerikanische Verteidigungsminister vor dem Streitkräfteausschuss des US-Senates am Freitag, würden brutale Übergriffe und sadistische Methoden dokumentieren, die die bisher gesehenen noch übertreffen würden.

Der Pulitzepreisträger Seymour Hersh zeigt nun ein weiteres Bild aus der Folteranstalt Abu Ghureib in der neuesten Ausgabe des "New Yorker" Ein nackter irakischer Gefangener wird zitternd vor Angst von zwei Schäferhunden bedroht, die US-Militärpolizisten auf ihn loslassen. Einer der jungen amerikanischen Militärpolizisten des Bataillon 320, dem auch die berüchtigte Einheit 372 untersteht, schaut grinsend zu. Auf einem anderen Bild, wenig später aufgenommen, ist derselbe Mann zu sehen, Blut läuft an seinem Bein herunter - augenscheinlich die Folge einer Bissverletzung.

Ein paar Minuten später wurde ein weiteres Bild aufgenommen: Nun kniet der "Aufseher" auf dem Gefangenen und presst ihm sein Bein in den Rücken. Die Vorfälle sollen mit zwei verschiedenen Digitalkameras am Abend des 12. Dezembers aufgenommen worden sein - also zwei Monate nachdem die Militärpolizisten der Einheit 372 dem Gefängnis zugeordnet wurden.

Nach Hershs Angaben soll auf anderen (bislang noch nicht veröffentlichten Aufnahmen) zudem zu sehen sein, wie ein Gefangener fast zu Tode geprügelt, eine inhaftierte Frau sexuell missbraucht wird und wie "unangemessene Handlungen" an einer Leiche ausgeführt werden. Mindestens ein Häftling soll an den Folgen des Verhörs gestorben sein. Diese Misshandlungen sollen sich zum Teil auch an anderen Orten als dem mittlerweile berüchtigten Gefängnis Abu Ghureib abgespielt haben.

Hersh beschreibt, wie das Fotografieren von Häftlingen in Afghanistan und im Irak integraler Bestandteil eines entmenschlichenden Verhörprozesses war. In den Gefängnissen herrschte obendrein ein Wirrwarr an Kompetenzen. Auf den Bildern seien viele verschiedene Uniformen der US-Armee zu sehen, zudem hätten auch private Sicherheitsunternehmen Zugang zu den Haftanstalten gehabt und sich an den Misshandlungen beteiligt.

Der "New Yorker" hatte als erstes US-Medium aus dem als geheim eingestuften armeeinternen 53-seitigen Untersuchungsbericht von General Antonio Taguba zitiert. Danach sollen Aufklärungsoffiziere und Mitarbeiter des Geheimdienstes CIA die Militärpolizisten aufgefordert haben, physisch und psychologisch vorteilhafte Voraussetzungen für Verhöre von Zeugen zu schaffen.

Taguba beschreibt detailliert, wie in dem Gefängnis Militärvorschriften und die Genfer Konvention routinemäßig verletzt wurden: Offiziere vernachlässigten ihre Aufsichtspflicht, Militärpolizisten dienten den "Verhörexperten" als Büttel. Sie sollten die Gefangenen fürs Verhör "vorbereiten". "Der Job des Militärpolizisten war es, sie wach zu halten, ihnen das Leben zur Hölle zu machen, so dass sie schließlich reden würden", sagte eine der beteiligten Personen aus. Es seien "sadistische, himmelschreiende und mutwillige Verbrechen" begangen worden, schreibt Taguba.

"US-Regierung war bereits im Januar informiert"

Nach Informationen von SPIEGEL TV waren ranghohe Mitglieder der US-Regierung wie Außenminister Colin Powell, Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und Vizeverteidigungsminister Paul Wolfowitz schon seit Januar über die Verhältnisse im irakischen Gefängnis Abu Ghureib informiert.

In einem Interview mit SPIEGEL TV sagte die Sprecherin des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK), Nada Dumani, IKRK-Präsident Jakob Kellenberger habe bei einem Besuch in Washington höchste Regierungskreise persönlich auf die Missstände hingewiesen.

Dumani sagte SPIEGEL TV: "Wir sind bis an die Spitze gegangen. Der Präsident des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes hat sich im Januar in Washington mit Colin Powell, Paul Wolfowitz, Condoleezza Rice getroffen. Und er hat ihnen unsere Sorgen über die Gefängnisse im Irak mitgeteilt. Wir haben auch General Karpinski von der Gefängnisleitung in Abu Ghureib informiert und im Februar dieses Jahres einen entsprechenden Bericht an den Zivilverwalter im Irak, Paul Bremer, und den Oberbefehlshaber der amerikanischen Streitkräfte im Irak, General Sanchez, übergeben."

Demokraten fordern Rumsfelds Demission

Am Wochenende forderten weitere Spitzenvertreter der oppositionellen Demokraten den Rücktritt Rumsfelds. Während sich Vizepräsident Richard Cheney demonstrativ hinter Rumsfeld stellte, kamen auch aus den Reihen der konservativen Republikaner deutlich kritische Stimmen.

In der CBS-Sendung "Face the Nation" sagte der republikanische Senator Chuck Hagel, Vietnam-Veteran und Experte für Außenpolitik, wegen der Ermittlungen zu den Foltervorwürfen stehe Präsident George W. Bush demnächst vor "schwerwiegenden Entscheidungen". "Ich denke, die Frage ist offen, ob Verteidigungsminister Rumsfeld und - ehrlich gesagt - auch General (Richard) Myers noch über den notwendigen Respekt und das Vertrauen beim Militär und beim amerikanischen Volk (...) verfügen", sagte er.

Der ebenfalls zu den Republikanern gehörende Senator John McCain, eine führende Stimme im Streitkräfteausschuss des Senats, sagte in "Fox News Sunday", Rumsfeld sei sicherlich ein "ehrenwerter Mann", der seinem Land viele, viele Jahre lang gedient habe, "aber wir haben noch nicht damit begonnen, viele der Fragen zu beantworten (...), und wir können erst dann zu einem Urteil kommen, wenn wir (...) die Antworten haben."

Senator Joseph Biden, Spitzenvertreter der Demokraten im Auswärtigen Ausschuss des Senats, forderte: "Aus meiner Sicht sollte er gehen." Der frühere Nato-General Wesley Clark, der sich für die Demokraten als Präsidentschaftskandidat beworben hatte, sagte, Rumsfeld würde sich als Patriot erweisen, wenn er jetzt den Hut nehme.

Nach Angaben von Senator Hagel laufen zur Zeit über 30 Ermittlungen gegen US-Militärangehörige wegen Misshandlung von Gefangenen. Es gebe auch weitere Ermittlungen über das Verhalten von US-Soldaten in Afghanistan.

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