Neue Indizien Israels Geheimdienst beschuldigt den Irak

Der israelische Militär-Geheimdienst Aman verfolgt Spuren, die auf eine Verbindung der Bin-Laden-Organisation zum irakischen Regime hinweisen, berichtet der britische Informationsdienst "Jane's". Derweil drängen Hardliner innerhalb der US-Regierung auf einen Angriff gegen den Irak.


Logo des israelischen Militärgeheimdienstes Aman

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London/Washington - Nach Angaben des gemeinhin als zuverlässig geltenden Militär-Informationsdienste "Jane's" halten die israelischen Aman-Ermittler den seit langem gesuchten Libanesen Imad Mughniyeh sowie den Ägypter Aiman al-Sawahiri für die führenden Köpfe der Organisation, die den Terror-Angriff in den USA verübt hat. Beide Männer sollen enge Verbindung zum irakischen Geheimdienst SSO unterhalten haben, der von Saddam Husseins Sohn Kussai geleitet werde.

Mughniyeh gilt als Chef der Auslandsoperationen der libanesischen Hisbollah-Organisation und sei - neben Osama Bin Ladin - der weltweit meistgesuchte Terrorist, schreibt der "Jane's Foreign Report". Demnach verdächtigen die Israelis ihn unter anderem, im Jahr 1997 an den Vorbereitungen für ein fehlgeschlagenes Selbstmordattentat auf einen Passagierjet der Fluggesellschaft El-Al beteiligt gewesen zu sein. Die für diesen Zweck vorgesehene Bombe explodierte versehentlich im Hotelzimmer eines der Attentäter, der dabei schwer verletzt wurde.

Al-Sawahiri, den Israels Ermittler in Ägypten vermuten, soll eines der führenden Mitglieder der al-Qaida-Organisation Bin Ladens und dessen Repräsentant im Ausland sowie ein möglicher Nachfolger für die Führung des weltweiten Terrornetzes sein.

"Wir glauben, dass die leitenden Planer (operational brains) für den New-York-Angriff Mughniyeh und al-Sawahiri waren, die vom irakischen Geheimdienst SSO wahrscheinlich finanziert und logistisch unterstützt wurden", zitiert "Jane's" einen ungenannten Aman-Offizier. Die israelischen Quellen, so führt der Bericht aus, behaupten, dass irakische Agenten schon seit zwei Jahren mehrfach von Bagdad nach Afghanistan reisten, um sich dort mit al-Sawahiri zu treffen. Einer der Agenten namens Salah Suleiman sei vergangenen Oktober in Pakistan nahe der Grenze zu Afghanistan festgenommen worden.

Hardliner drängen auf Angriff gegen Irak

Genauere Angaben über die mögliche Irak-Connection machten die Israelis gegenüber "Jane's" jedoch nicht. Gleichwohl dürften diese möglicherweise gezielt lancierten Informationen einigen Mitarbeitern und Gefolgsleuten von US-Präsident George Bush durchaus willkommen sein.

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AP

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Wie die "New York Times" berichtet, drängen der stellvertretende Verteidigungsminister Paul Wolfowitz und Lewis Libby, der Leiter des Stabes von Vize-Präsident Dick Cheney massiv darauf, den geplanten Militärschlag von vorneherein auch gegen den Irak zu führen. Wolfowitz hatte schon zu Zeiten des Golf-Krieges im Stab des ersten Präsidenten Bush erfolglos für die gewaltsame Absetzung Saddam Husseins und eine Besetzung des Irak plädiert.

Gleichzeitig schrieben mehrere konservative Politiker einen offenen Brief, in dem sie fordern, "eine entschlossene Anstrengung zu unternehmen, um Saddam Hussein zu entmachten", auch wenn ihm keine Beteiligung an den Anschlägen nachzuweisen sei.

Bei einer internen Besprechung am vergangenen Wochenende sei es darüber zum offenen Schlagabtausch zwischen Wolfowitz und Außenminister Colin Powell gekommen, berichtet das Blatt. Powell habe gewarnt, ein Angriff auf den Irak würde die "Allianz zerbrechen", die er gerade aufbaue.

Mughniyeh soll auch in Deutschland gewesen sein

"Wir haben nur bruchstückhafte Informationen, nicht das ganze Bild", gestand einer der Aman-Ermittler nach Angaben von "Jane's" ein, "aber es reichte aus, um unseren Alliierten vor sechs Wochen eine Warnung zu schicken, dass ein noch nie da gewesener Terror-Angriff zu erwarten sei." Zumindest diese Warnung, die sich die US-Geheimdienste derzeit vorhalten lassen müssen, deutet darauf hin, dass die Israelis über wenigstens einen zuverlässigen Informanten im Umfeld der Terror-Führer verfügen.

Dabei sehen die israelischen Terroristen-Jäger den Hisbollah-Mann Mughniyeh offenbar als eine Art Monstrum in Menschengestalt an. So soll er persönlich den 1984 in Beirut entführten CIA-Agenten William Buckley gefoltert und getötet haben. Verglichen mit ihm sei Bin Laden "nur ein Schuljunge", zitiert der "Jane's"-Bericht einen Israeli, der Mughniyeh persönlich kenne. Dieser sei "ein Genie" und zugleich "ein klinischer Psychopath". Der Tod seines Bruders bei einem angeblich von der CIA und dem Mossad organisierten Bombenanschlag auf das Haus des geistlichen Führer der Hisbollah im Jahr 1985 habe seine starke Motivation erst recht "entflammt". Unbestätigten Berichten zufolge hat sich der Hisbollah-Terrorist einer plastischen Operation unterzogen und ist deshalb derzeit für die Fahnder vom Aussehen her nicht mehr zu identifizieren.

Harald Schumann



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