Neue Milzbrand-Fälle Repräsentantenhaus schließt - Senat setzt Arbeit fort

Es ist ein Anschlag auf das Herz der amerikanischen Demokratie. Bei insgesamt 33 Mitarbeitern von zwei US-Senatoren sind Milzbrand-Sporen nachgewiesen worden. Auch in den Arbeitsräumen des New Yorker Gouverneurs Pataki wurden Erreger entdeckt.


Das Capitol in Washington
GMS

Das Capitol in Washington

Washington/New York - Wie Senator Russ Feingold am Mittwoch offiziell mitteilte, wurden bei zwei seiner Büroangestellten Sporen des Milzbranderregers nachgewiesen. Beide Betroffenen seien zwar nicht infiziert, würden aber vorsichtshalber mit Antibiotika behandelt. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass Tests bei 31 Mitarbeitern des demokratischen Mehrheitsführers im Senat, Tom Daschle, ebenfalls positiv waren.

Die Büros von Daschle und Feingold liegen im Senatsgebäudetrakt direkt nebeneinander. Das gegenüberliegende Repräsentantenhaus wurde vorsorglich bis Dienstag geschlossen.

Der US-Senat bleibe im Gegensatz zum Abgeordnetenhaus nach dem jüngsten Milzbrandfall offen, sagte Daschle am Mittwoch. Die Senatoren wollen sich nicht daran hindern lassen, ihrer Arbeit nachzugehen. In Daschles Büros waren 31 Mitarbeiter mit dem Milzbranderreger in Kontakt gekommen, nachdem dort am Montag einen Brief mit den gefährlichen Erregern eingegangen war.

Daraufhin erlaubte der Präsident des Repräsentantenhauses, Dennis Hastert, allen Mitarbeitern das Gebäude im Laufe des Tages zu verlassen und erst am Dienstag wiederzukehren. Bis dahin bleibe das Repräsentantenhaus geschlossen.

Einige Senatoren erklärten daraufhin, das Abgeordnetenhaus habe "überreagiert", indem es die Schließung bis zum kommenden Dienstag beschlossen habe.

Im Belüftungssystems des US-Senats sind entgegen ersten Berichte offenbar keine Sporen des Milzbranderregers gefunden worden, sagte Scott Lillibridge, Bioterrorismus-Experte des Gesundheitsministeriums. Nur in den Büros von Senator Daschle, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befinden und im Postraum des Senats seien Sporen gefunden worden.

Zudem, sei es nicht unwahrscheinlich, dass die Anzahl der als Milzbrand-positiv gemeldeten Mitarbeiter des Senators Tom Daschle nach weiteren Tests drastisch sinke, hieß es aus der Fraktion der Demokraten.

Daschle selbst betonte, dass es bisher keine Anzeichen dafür gebe, dass seine Mitarbeiter auch mit Milzbrand infiziert seien. Nachgewiesen sei bisher nur der Kontakt mit dem Erreger.

Erreger "der gängigen Art"

Die Sporen seien so fein gemahlen, dass sie sich im Senatsgebäude unbemerkt durch die Luft verteilen könnten, berichtete die "New York Times". Der frühere Uno-Waffeninspektor im Irak, Richard Spertzel, sagte im Fernsehsender ABC, er kenne nur fünf Wissenschaftler in den USA, die in der Lage seien, ein so "hoch entwickeltes" Sporenmaterial herzustellen.

Tom Daschle: In seinem Büro wurden Milzbrand-Sporen gefunden
AP

Tom Daschle: In seinem Büro wurden Milzbrand-Sporen gefunden

General John Parker, der Leiter des Medizinischen Forschungszentrums der US-Armee, das die im Senat gefundenen Sporen untersuchte, sagte jedoch, bei den Erregern handele es sich einen Typus der "gängigen Art". Sie seien mit den entsprechenden Antibiotika zu bekämpfen.

Das FBI veröffentlichte am Dienstag erstmals Fotos des Briefes an Daschle. Die ungelenke Anschrift in Druckbuchstaben erinnert stark an einen ähnlichen Brief, der bei dem NBC-Starmoderator Tom Brokaw eingegangen war. Beide enthielten antisemitische Parolen und wurden in Trenton im Bundesstaat New Jersey aufgegeben. Allerdings könne bislang keine Verbindung zum organisierten Terrorismus nachgewiesen werden.

Infizierte auf dem Weg der Besserung

Auch im Büro des New Yorker Gouverneurs George Pataki in Manhatten wurden Milzbrand-Spuren gefunden. Keiner seiner Mitarbeiter sei jedoch positiv auf den Erreger getestet worden, sagte Pataki. In einem Büroraum, der von seinen Sicherheitskräften benutzt werde, waren Spuren des Erregers ermittelt worden. Seine Büros in Manhattan blieben nun bis Montag geschlossen, um weitere Tests durchzuführen, sagte Pataki.

Nach den Anschlägen vom 11. September sind in den USA mindestens 39 Menschen mit Milzbrand-Erregern in Kontakt gekommen, wenigstens vier davon haben sich auch angesteckt, ein Infizierter starb. Die anderen drei Betroffenen befinden sich offenbar nicht in Lebensgefahr. Die NBC-Angestellte und der Säugling einer Mitarbeiterin des Senders ABC seien auf dem Weg der Besserung, erklärten die Gesundheitsbehörden. Auch dem in Florida erkrankten Mann geht es nach Angaben seiner Familie besser.

Die US-Regierung vermutet einen terroristischen Hintergrund. Eine Verbindung zu dem moslemischen Extremisten Osama bin Laden und dessen Organisation al-Qaida ließ sich nach Angaben der Behörden bislang nicht ziehen.



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