"Neue Seidenstraße" Die Weltmacht China kauft sich im Start-up-Land Israel ein

Gigantische Infrastrukturprojekte, Millionen für Cybersecurity-Start-ups, Forschungskooperationen mit Universitäten: China investiert massiv in Israel. Die USA sind alarmiert.

Israels Premier Benjamin Netanyahu mit Chinas Vizepräsident Wang Qishan im Oktober 2018
Ronen Zvulun/ REUTERS

Israels Premier Benjamin Netanyahu mit Chinas Vizepräsident Wang Qishan im Oktober 2018

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Donald Trump gratulierte Israels Premier Benjamin Netanyahu vergangene Woche zum Wahlsieg - noch bevor das offizielle Ergebnis bekannt war. Beim Treffen der beiden Spitzenpolitiker wenige Tage zuvor in Washington hatte der US-Präsident aber offenbar auch eine Warnung ausgesprochen.

Wenn Israel seine Beziehungen zu China weiter ausbaue, könnten die Vereinigten Staaten die Sicherheitszusammenarbeit mit dem jüdischen Staat reduzieren. So berichtete es Barak Ravid, diplomatischer Korrespondent des israelischen TV-Senders Kanal 13.

Die kommunistische Einheitspartei ist seit Jahren auf großer Einkaufstour für ihr Megaprojekt einer "Neuen Seidenstraße". Die Großmacht aus Fernost kauft weltweit mit vielen Milliarden Dollar Häfen, Bahnstrecken und Flugplätze, um einen globalen Handelskorridor zu errichten:

  • in Afrika, etwa im strategisch bedeutsam gelegenen Dschibuti am Golf von Aden,
  • auch in Osteuropa und auf dem Balkan treibt China seine wirtschaftlichen Interessen voran,
  • und Ende März besuchte Staatspräsident Xi Jinping Italien, um die Regierung in Rom von dem Projekt zu überzeugen. Erfolgreich. Italien ist damit der erste G7-Staat, der mit Milliardeninvestitionen aus der Volksrepublik rechnen kann.

Israels Wirtschaft ist ebenfalls seit Langem im Fokus der Chinesen. Bereits 2014 kaufte der chinesische Staatskonzern Bright Food mit Tnuva Israels Marktführer bei Milchprodukten - eine nationale Marke, die zwischen Mittelmeer und Jordan so bekannt ist wie Müllermilch in Deutschland. Mittlerweile ist China der zweitgrößte Handelspartner der Start-Up-Nation und unterhält dort zwölf Handelsvertretungen.

USA und Israel in Sorge vor Wirtschaftsspionage

Nach Angaben des "Wall Street Journal" waren chinesische Investoren in den ersten drei Quartalen 2018 an allen 17 Finanzierungsrunden für israelische Start-ups mit einem Wert von über 20 Milliarden Dollar beteiligt:

  • Viele dieser jungen Unternehmen sind weltweit führend im Rüstungs- und Cybersecuritysektor.
  • Nicht wenige arbeiten an sogenannten Dual-Use-Produkten - also an Gütern, die zivil und militärisch genutzt werden können.
  • Und von diesen arbeiten alle eng mit dem israelischen Verteidigungsministerium zusammen, das wiederum eine rege Kooperation mit dem Bündnispartner USA unterhält.

Dass China über seine Investments Wirtschaftsspionage betreibt und so an sicherheitsrelevantes Know-how der Vereinigten Staaten gelangen könnte, beunruhigt Washington ebenso wie den Sicherheitsapparat in Israel. Bereits seit 2005 liefert Israel - auf Drängen der USA - keine reinen Rüstungsgüter mehr an China; vermutlich auch weil die Regierung in Peking enge wirtschaftliche Kontakte zum Erzfeind Iran unterhält.

Geheimdienstchef warnt vor chinesischen Investments

Nadav Argaman, Chef des Inlandsgeheimdienstes Schin Beth, warnte Anfang des Jahres in einer nicht öffentlichen Rede an der Universität Tel Aviv sogar davor, dass die nationale Sicherheit gefährdet sei - durch Infrastrukturprojekte in Haifa und in Tel Aviv, an denen Tausende chinesische Arbeiter beteiligt sind:

  • Die neue U-Bahn-Linie in Tel Aviv gehört dazu,
  • ebenso wie die Bahnstrecke zwischen dem Hafen von Aschdod am Mittelmeer und Eilat, der Stadt am Roten Meer.
  • Vor allem ein Großprojekt dürfte Argaman im Sinn gehabt haben: Die "Shanghai International Port Group" hat 2015 eine Ausschreibung zum Bau eines neuen kommerziellen Hafens mit Containerterminal in Haifa gewonnen. Im Juni vergangenen Jahres wurde mit den ersten Arbeiten begonnen.

In unmittelbarer Nähe zur Baustelle liegen aber auch die israelischen U-Boote der Dolphin-Klasse aus deutscher Produktion, die - inoffiziell - mit Nuklearwaffen bestückt sind. Zudem geht die 6. US-Flotte seit Jahrzehnten regelmäßig in dem Mittelmeerhafen vor Anker. Die Frage ist, wie lange noch.

Netanyahu will die Kooperation mit China ausbauen

Klar ist nur, dass Israels Premier Netanyahu die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China weiter ausbauen will. Erst im Oktober empfing er den chinesischen Vizepräsidenten Wang Qishan und eine große Wirtschaftsdelegation in Jerusalem. Mit dabei: Alibaba-Chef Jack Ma.

Wang Qishan und Benjamin Netanyahu
Ronen Zvulun/REUTERS

Wang Qishan und Benjamin Netanyahu

Auch die israelischen Bildungseinrichtungen setzen auf Deals mit China:

  • Die Universität Tel Aviv hat bereits vor einigen Jahren mit der Hochschule in Tsinghua ein gemeinsames Nanotechnologieprojekt gestartet. Die Chinesen errichteten ein Forschungszentrum für umgerechnet rund 250 Millionen Dollar.
  • Die Hebräische Universität in Jerusalem will bald einen eigenen Campus in Shenzhen eröffnen.
  • Die Universität Haifa hat bereits seit dem November vergangenen Jahres eine Dependance in Shanghai.

"Niemand kann China ignorieren", sagt Ron Robin. Der Präsident der Universität plant den Aufbau gemeinsamer Programme für Doktoranden sowie MA- und BA-Studenten. Er sagt aber auch: "Wir werden diese Kooperation nur ausbauen, wenn es eine Win-win-Situation für beide Seiten ist."

China: Partner oder Rivale?

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