Migration nach Afrika Herr Liu schlägt sich durch

Hunderttausende Chinesen versuchen in Afrika ihr Glück: Sie eröffnen Läden oder Restaurants, so wie Liu Qingchao aus Chengdu. Der 48-Jährige verkauft Fisch in Äthiopien. Was treibt ihn an?

Heike Klovert / SPIEGEL ONLINE

Aus Addis Abeba berichtet


Morgens um neun Uhr liegt Liu Qingchao, 48, noch im Bett. Zumindest vermuten das seine Angestellten. Sie verkaufen derweil schon lebende Fische aus einem gekachelten Becken, denn vor Lius Fischgeschäft in einer Seitenstraße der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba drängen sich längst die Kunden.

Lius Mitarbeiter hängen die Tiere in Plastiktüten an eine Waage, die an einem Gestell vor dem Laden baumelt. Sie essen nebenbei Fladenbrot und Gemüse von einem Tablett, das sie auf den Gehweg gestellt haben.

Wann der Chef aufstehen wird, weiß niemand. Er wohnt neben dem Laden in einem einstöckigen Häuschen aus Zement. Das Tor zu seinem Grundstück ist verschlossen und öffnet sich auch nicht, wenn man klingelt.

Um Viertel vor zehn schlurft Liu schließlich durch das Tor, in der Hand eine lederne Aktentasche. "Ich habe gestern fünf Tassen Kaffee getrunken, ich konnte bis frühmorgens nicht einschlafen", brummt er und biegt um die nächste Straßenecke ins Restaurant eines Freundes, um eine Nudelsuppe zu frühstücken.

Frühstück im chinesischen Restaurant
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Frühstück im chinesischen Restaurant

Laden und Restaurant liegen in einem Viertel namens Japan Market, das eigentlich China Market heißen müsste, weil in dieser Gegend von Addis Abeba in den vergangenen Jahren zahlreiche Chinesen Läden und Restaurants eröffnet haben.

Rund anderthalb Millionen Chinesen sollen mittlerweile in Afrika leben. Sie kamen als Arbeiter für chinesische Privatfirmen und Staatskonzerne, die dort neue Hochhäuser, Straßen, Zugstrecken, Stadien oder Staudämme errichten. Andere zogen hinterher, um auf eigene Faust chinesische Supermärkte, Gaststätten, Gästehäuser und andere Gewerbe zu betreiben.

Auch Liu hat die Heimat verlassen, um auf dem afrikanischen Kontinent sein Glück zu suchen. Vor fast zehn Jahren versetzte sein damaliger Arbeitgeber China Airlines den Koch aus Chengdu nach Addis Abeba. Ein Jahr lang bereitete er dort am Flughafen chinesische Mahlzeiten für Passagiere zu. Dann machte er sich selbstständig, so erzählt es Liu, zunächst mit einem Gemüseladen, dann mit einem Restaurant, jetzt mit dem Fischgeschäft.

Liu lebt seit fast zehn Jahren in Afrika
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Liu lebt seit fast zehn Jahren in Afrika

Ist er angekommen? Hat er sein Glück gefunden?

Viele Medien, auch der SPIEGEL, berichten regelmäßig über die geopolitische Dimension von Chinas Engagement im Ausland. Sie analysieren, was es für Europa und die globalen Machtverhältnisse bedeutet, dass China so massiv in Afrika investiert. Sie hinterfragen Chinas Interessen. Sie warnen vor einer Schuldenfalle, in die afrikanische Staaten steuern.

Darüber, wie Chinesen in Afrika leben, wird im Westen allerdings selten berichtet. Die Geschichte des Fischverkäufers Liu zeigt, dass sie vom Status Chinas als Großmacht, die ihren Einfluss in der Welt stetig ausbaut, mitunter im Alltag wenig profitieren.

Liu hat die Suppenschüssel, in der noch ein paar Nudeln und Fettaugen schwimmen, beiseitegeschoben und sein Smartphone herausgeholt. Der Bildschirm ist geborsten, ein Riss prangt über den Köpfen der drei Menschen auf dem Foto, das Liu zeigen will. Mit einem Arm hält er darauf ein Baby, das sich mit geschlossenen Augen an seine Wange schmiegt. Den anderen Arm hat er um den Hals einer Äthiopierin mit kurzen, krausen Locken gelegt. Sie lächelt.

Liu mit Tochter und Ex-Frau
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Liu mit Tochter und Ex-Frau

"Ich habe sie geliebt", sagt Liu, "aber sie liebte nur mein Geld." Im vergangenen Jahr trennten sie sich. Das chinesische Restaurant, das sie gemeinsam aufgebaut hatten, ist inzwischen wieder geschlossen. Im Januar eröffnete Liu den Fischladen. Seine Tochter sieht er nur noch alle zwei Wochen, sie ist jetzt fünf Jahre alt. Er nennt sie Tian Xi, heller Tag. Auf seinem Handy hat er Videos, die ein Mädchen zeigen, das lachend auf seinem Rücken herumturnt.

Wenn es Tian Xi nicht gäbe, wäre er schon längst nach Chengdu zurückgekehrt, erzählt Liu, zu seinem querschnittsgelähmten Bruder und seiner Mutter, die er vermisst.

Ein weiterer Grund, warum er bleibt: Es ist für Chinesen nicht allzu schwer, in Äthiopien gutes Geld zu verdienen. Das Land ist arm, aber die chinesische Gemeinde ist vernetzt, man hilft sich. Ein Bekannter, der in einem Fünfsternehotel arbeitet, habe ihm einen Auftrag verschafft, erzählt Liu. Seither habe er jeden Tag Fleisch und Fisch im Wert von mehreren Hundert Euro an das Hotel geliefert.

Mit dem Fischladen, glaubt Liu, könnte er umgerechnet 3000 Euro netto Gewinn im Monat machen. Mehr als zu Hause in Chengdu. Wenn das Hotel ihn endlich bezahlen würde. Dessen Schulden, so sagt Liu, beliefen sich mittlerweile auf rund 700.000 Birr, das sind gut 20.000 Euro.

Es ist Mittag. Liu läuft durch Marktgassen, in die das Sonnenlicht durch blaue Plastikplanen fällt, vorbei an Ständen, auf denen sich Chinakohl und Melonen türmen. Er lässt die Schultern hängen, seine Hände baumeln neben dem Körper, der Saum der Jogginghose hängt über seine ausgetretenen Turnschuhe.

Liu war wieder in dem Hotel. "Sie haben gesagt, ich soll nächste Woche wiederkommen", sagt er und seine raue Stimme klingt niedergeschlagen. Der CEO sei gerade in Frankreich und könne den Scheck nicht unterschreiben. "Warum haben sie das nicht gestern gesagt? Warum haben sie gestern gesagt, dass sie heute einen Teil der Summe auszahlen?"

Gestern hockte Liu, in Turnschuhen und unrasiert, bereits zwei Stunden lang in dem Hotel vor einem Konferenzraum aus Glas, in dem Äthiopierinnen und Äthiopier in schicken Kostümen und Jacketts tagen. Er trank fünf Tassen Kaffee, die ihn später am Einschlafen hindern sollten, um die Warterei zu überbrücken.

Heute nach dem Frühstück wurde er im Verwaltungstrakt des Hotels erneut vorstellig. Nach einer halben Stunde bekam der Koch aus Chengdu die Nachricht, dass er auf sein Geld noch warten müsse. Er liefert längst kein Fleisch und keinen Fisch mehr an das Hotel. Er hofft nur, dass er bald die zehn Äthiopier bezahlen kann, die ihm Ware zugeliefert haben und ihn täglich nach dem Geld fragen.

"Mein ganzes Vermögen steckt in diesem Auftrag", sagt Liu. "Wäre das China, könnte ich das Hotel verklagen", sagt er. "Wie das in Äthiopien geht, weiß ich nicht. Doch vielleicht muss ich es versuchen. Mein Ruf steht auf dem Spiel."

Liu in seinem Viertel
Heike Klovert / SPIEGEL ONLINE

Liu in seinem Viertel

Seine Angestellten haben Gras auf dem Pflaster vor seinem Fischgeschäft ausgelegt, wie es hier üblich ist an Feiertagen. Eine Frau zerstampft frisch geröstete Kaffeebohnen in einem Mörser, kocht sie in einer Tonkanne auf und gießt das Gebräu in weiße Tässchen.

Die Angestellten widmen sich der Kaffeezeremonie direkt vor dem Eingang des Ladens, wo sie auf Plastikhockern unter chinesischen Papierlampions sitzen. Dass sie den Weg in den Laden versperren, stört sie offensichtlich nicht. Über Mittag ist eh nicht viel los.

Liu nippt an einer Tasse Kaffee und schaut die Straße hinab. Das Fischbecken ist leergekauft, er wartet auf den Laster, der neue Fische vom See Zway bringt. Er spricht wenig mit seinen Angestellten. Wie auch? Die paar Begriffe auf Englisch, Mandarin und der Landessprache Amharisch, die ihren gemeinsamen Wortschatz ausmachen, reichen gerade fürs Geschäft, aber nicht für viel mehr.

Kaffeezeremonie der äthiopischen Mitarbeiter
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Kaffeezeremonie der äthiopischen Mitarbeiter

Liu war einer der ersten chinesischen Verkäufer in der Gegend. Er wollte zuerst nicht nach Äthiopien kommen, er interessierte sich nicht für das Land. Doch dann probierte er es trotzdem, ging über den Japan Market - und sah Gelegenheiten. 2011 eröffnete er seinen ersten Laden, verkaufte fortan chinesisches Gemüse und verdiente besser als zuvor, wie er sagt.

Inzwischen kennt Liu viele Leute auf dem Markt, er hat chinesische und äthiopische Freunde, er hat die hiesigen Bräuche auch schätzen gelernt. Zwei Dinge erschweren allerdings die Geschäfte. Äthiopier seien sehr langsam, sagt Liu. Zweitens: Ohne sie kann er wenig erreichen.

Vor dem Laden plaudert eine Frau lachend mit den anderen Äthiopierinnen, die um sie herumsitzen. Sie heißt Almaz Aragaw und arbeitete in Lius Restaurant, bevor seine Frau und er sich trennten. Um ein neues Geschäft aufzumachen, brauchte Liu wieder jemanden mit äthiopischer Nationalität, der das Gewerbe für ihn registrierte. Er entschied sich für Aragaw, Mutter von vier Kindern, weil er ihr vertraut. Er zahlt ihr monatlich rund 150 Euro informelle Lizenzgebühr.

Almaz Aragaw
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Almaz Aragaw

Es gibt Äthiopier, die es stört, dass inzwischen mehrere Zehntausend Chinesen in Addis leben. Doch es gibt auch viele, die davon profitieren. "Chinesen kaufen von Chinesen", sagt Aragaw. "Wenn ich mich mit einem Chinesen zusammentue, kaufen sie auch von mir." Deshalb machte sie neben Lius Fischladen ein Fleischgeschäft auf.

Der Laster ist angekommen, es schwimmen wieder Fische in Lius Becken an der Straße, 130 Kilo insgesamt. Seine Mitarbeiter haben die Fracht entladen und Liu hat säuberlich notiert, wie viele Tiere von welcher Sorte darunter waren.

Nun möchte Liu zeigen, wie er sich die Zukunft vorstellt. Er schließt das Metalltor zu seinem Häuschen auf und stapft über die Wiese, die sich hinter dem Tor etwa 30 Meter bis zur nächsten Grundstücksgrenze erstreckt.

Liu zeigt, wo der Fischteich entstehen soll
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Liu zeigt, wo der Fischteich entstehen soll

Er stellt sich mitten ins Gras, das vom Abwasser sumpfig ist, und streckt seinen Arm wie einen Zollstock nach vorn. "Hier", sagt er, "will ich einen Fischteich ausgraben lassen." Seine Kunden sollen dort selbst angeln können. Ein Fisch plus Angelspaß macht 200 Birr in Lius Rechnung - doppelt so viel, wie er jetzt für ein Tier bekommt.

Neben dem Teich will Liu ein neues Restaurant eröffnen. Wenn er damit genug Geld verdient hat, möchte er seiner Tochter Tian Xi ein Stück Land auf ihren Namen kaufen und ihr ein Haus darauf bauen. Noch ein paar Jahre, sagt er, brauche er dafür. Und dann, endlich, könne er zurück nach China.

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n.schutta 23.11.2019
1. Kleiner Fehler
Es war wohl kaum China Airlines, die ihn nach Addis Abeba geschickt haben, die Taiwanesen haben nichtmal Flugverbindungen nach Afrika und vor 10 Jahren wohl auch kaum Festlandchinesen als Angestellte. Eher wird es Air China gewesen sein.
fuyall 23.11.2019
2. Danke für den Artikel und die Fotos!
Migration hat viele Gesichter und liefert spannende Geschichten. Daher verdient das Thema eine abwechslungsreiche Auseinandersetzung. Leider bisschen kurz, dafür umsonst, ok. Kleiner Tipp für Leute, die das Englische nicht scheuen: In der NYT finden sich auch immer wieder tolle, aufwendige (oft umsonst!) Reportagen über Migranten mit ganz unterschiedlichen Hintergründen. Gutes Gelingen Herrn Lyu, von Migrant zu Migrant.
jpphdec 23.11.2019
3. "Wäre das China, könnte ich das Hotel verklagen"
Herr Lyu kennt, offensichtlich aus eigener Erfahrung, ein Hauptproblem gewisser Länder. Ganz im Gegensatz zu europäischen Politikern. Oder er spricht es zumindest an. Noch prägnanter wäre da noch die vielgescholtene Formulierung eines Herrn Trump.
Sonia 23.11.2019
4. Interessanter Artikel,
der offen lässt, warum so viele Afrikaner meinen, ihren Ländern den Rücken kehren zu müssen, während es andere nach Afrika zieht u.diese sofort in der Lage sind, sich dort ihr selbst finanziertes Leben aufzubauen. Ich las auch in einem Wirtschaftsmagazin, das viele afrikanische Staaten Boomstaaten sind, in die es nicht nur Chinesen hinzieht. Viele junge Portugiesen, vor allem Akademiker, verließen Portugal der besseren Chancen wegen in afrikanische Staaten, wie z.B. Angola. Wer hart arbeiten möchte in Afrika, hat dort Zukunft. Das bestärigt auch dieser gute Artikel.
heiko1977 23.11.2019
5.
Zitat von Soniader offen lässt, warum so viele Afrikaner meinen, ihren Ländern den Rücken kehren zu müssen, während es andere nach Afrika zieht u.diese sofort in der Lage sind, sich dort ihr selbst finanziertes Leben aufzubauen. Ich las auch in einem Wirtschaftsmagazin, das viele afrikanische Staaten Boomstaaten sind, in die es nicht nur Chinesen hinzieht. Viele junge Portugiesen, vor allem Akademiker, verließen Portugal der besseren Chancen wegen in afrikanische Staaten, wie z.B. Angola. Wer hart arbeiten möchte in Afrika, hat dort Zukunft. Das bestärigt auch dieser gute Artikel.
Welches Wirtschaftmagazin war das denn? Denn andere berichten Gegenteiliges: die Portugiesen mit akademischen Abschluß wandern in andere EU-Länder aus wegen den einfacheren Anerkennung der Abschlüsse und der Arbeitsbedingungen. Und seit 2012 spricht keiner mehr bei Angola von einem "Boomstaat". Einige afrikanischen Staaten sehen sich als "Boomstaaten" oder "Tigerstaaten" aber dies ist eben eine Selbstwahrnehmung, in wie weit diese zu trifft ist eine andere Sache.
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