Auf dem Weg zur größten Seemacht China will Meer

Die "Neue Seidenstraße" soll Pekings Einfluss auch auf dem Wasser ausdehnen - bis zur Nordsee. Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Interessen. Das riesige Vorhaben verschärft militärische Spannungen.

Chinesische Marinesoldaten im Südchinesischen Meer
VCG/ Getty Images

Chinesische Marinesoldaten im Südchinesischen Meer

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Kaum ein Großprojekt der chinesischen Regierung ist international so umstritten und dennoch so erfolgreich wie die "Neue Seidenstraße". Erst am vergangenen Wochenende versammelten sich Dutzende Regierungs- und Staatschefs zum Gipfel in Peking, um über die gigantischen Infrastrukturpläne zu sprechen.

Dabei sollen neue Häfen, Straßen und Bahnstrecken Handelswege zwischen China und anderen Teilen der Welt entstehen - bis nach Europa. Am Ende des zweitägigen Gipfels hatte die Schweiz wie Österreich und Italien eine gemeinsame Erklärung mit unterzeichnet, derzufolge sie sich der Initiative anschließt.

Präsident Xi Jinping will mit der "Neuen Seidenstraße" den wirtschaftlichen und politischen Einfluss Chinas nicht nur auf dem Landweg ausbauen, sondern auch auf dem Meer. Das Streben danach reicht weit zurück. Zu Zeiten der Ming-Dynastie Anfang des 15. Jahrhunderts war China die bedeutendste Seemacht. Daran möchte die Regierung in Peking wieder anknüpfen. "Die Aufgabe, eine starke Marine zu bilden, war nie so dringend wie heute", sagte Xi im vergangenen Jahr.

Die Erfolgschancen sind gut: Durch den Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre sind finanzielle Ressourcen reichlich vorhanden, gleichzeitig gibt es immer mehr Experten mit technischen Know-how im Land.

Das "Perlenketten"-Modell sieht ein weltweites Netz an strategischen Häfen, Marinebasen und Sonderhandelszonen vor. Die Route führt von Chinas Küste über das Südchinesische Meer durch die Straße von Malakka und den Indischen Ozean und weiter durch das Mittelmeer bis zur Nordsee.

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Peking geht es vor allem um wirtschaftliche Interessen. Die sogenannte Blue Economy macht heute schon etwa zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts Chinas aus. Dabei steht die ökonomische Nutzung von Gewässern im Mittelpunkt:

  • durch Fischfang und
  • die Gewinnung von Rohstoffen.
  • Einen Großteil seines internationalen Handels wickelt China zudem über Seewege ab.

Die maritime Infrastruktur ist also ein entscheidender Faktor für den weiteren Aufstieg des Landes.

Ein großes Problem scheint inzwischen auch gelöst: "Chinesische Strategen beklagen seit Langem das sogenannte Malakka-Dilemma, also die Verwundbarkeit der chinesischen Rohstoffimportwege durch mögliche Blockaden maritimer Engpässe", sagte Sarah Kirchberger vom Institut für Sicherheitspolitik dem Magazin "Wehrtechnik".

Nun ist eine Alternative für den bisherigen Weg des Öltransports gefunden. Nach Einschätzung der Germany Trade & Invest (GTAI), der Außenwirtschaftsagentur der Bundesrepublik Deutschland, eröffnet der Tiefseehafen im pakistanischen Gwadar eine Alternative zur immer wieder von Piraten bedrohten Straße von Malakka. Der Hafen liegt am Eingang zur Straße von Hormus, welche 40 Prozent der Erdöltransporte passieren.

China verfolgt mit der "Maritimen Seidenstraße" aber auch militärische Interessen. So hat Peking mit dem Hafen in Dschibuti seinen ersten Marinestützpunkt im Ausland eingerichtet - offiziell, um damit friedenserhaltende Missionen und humanitäre Hilfe in Afrika und Westasien zu unterstützen. Außerdem als logistische Stütze des Anti-Piraterie-Kampfs am Horn von Afrika. (Mehr zu den Hintergründen erfahren Sie hier.) Zudem baut China seit Jahren seine Marineflotte stetig aus.

Vanessa Steinmetz
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Die wachsende chinesische Präsenz sorgt jedoch für Spannungen, vor allem im Südchinesischen Meer zwischen China, Vietnam, Malaysia und den Philippinen. Peking beansprucht 80 Prozent des Seegebiets, durch das auch wichtige Schifffahrtsstraßen gehen. Im Meeresgrund werden reiche Öl- und Gasvorkommen vermutet.

Peking lässt innerhalb der Zone Inseln aufschütten, Streitkräfte errichten Häfen und Flugpisten und stationieren Raketen. Im Mai vergangenen Jahres ließ die chinesische Luftwaffe erstmals Langstreckenbomber in dem umstrittenen Gebiet landen. Viele der Inseln und Riffe werden auch von anderen Staaten der Region beansprucht, von denen die meisten Verbündete der USA sind.

Der internationale Schiedsgerichtshof in Den Haag wies 2016 die Ansprüche Chinas zurück, doch Peking ignoriert das Urteil. (Lesen Sie hier mehr zu dem Streit.) Laut der Beraterfirma Deloitte reagieren andere Asien-Pazifik-Staaten inzwischen auf die geänderte Verteidigungspolitik Chinas - und rüsten selbst auf.

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Doch nicht nur die regionalen Kräfte sind in dem umstrittenen Gebiet aktiv. Auch die US-Marine stationiert Einheiten auf den Stützpunkten der Verbündeten. In der Nähe der von China beanspruchten Spratley-Inseln kamen sich im vergangenen Jahr Kriegsschiffe der USA und Chinas gefährlich nahe. Washington erkennt die Ansprüche Chinas nicht an und schickt immer wieder Kriegsschiffe in die Region. Eine Kollision konnte nur knapp verhindert werden.


Zusammengefasst: Die chinesische Regierung will ihre Macht auf See ausbauen. Dafür entstehen kommerzielle Häfen und Marinebasen entlang der "Maritimen Seidenstraße". Auch die Flotte der Marine wird kontinuierlich aufgestockt. Die wachsende Präsenz führt jedoch zu Spannungen, vor allem im Südchinesischen Meer.

Grafiken: Katja Braun



insgesamt 169 Beiträge
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AndreasKurtz 05.05.2019
1. wenn ich China wäre
würde ich auch auf die enormen Militärpräsenz der USA reagieren. Die haben über 200 Miltärbasen weltweit (China: 1). Die USA haben allein um China herum 8 grosse Basen, 80 (!) Flugzeigträger, China hat 2. Die USA geben ein Vielfaches für Rüstung aus wie China. Wer hier wen bedroht ist aus diesen Zahlen wohl klar. Alles andere ist Gerede. Ich möchte diesen Artikel mal aus einer Perspektive lesen, die realistisch ist - nämlich womit die USA ihre Drohpräsenz rechtfertigen. Womit wohl - mit wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen. Wenn überhaupt, macht China das nur nach, aber so, dass viele was davon haben könnten. Ohne Sanktionen, Embargos, Regime Change und Krieg.
Beat Adler 05.05.2019
2. China felt Eines beim Aufstieg zur Weltmacht: Werte
China felt Eines beim Aufstieg zur Weltmacht: Werte Militaerische Muskeln, Waren, Kredite auf Schuldenbasis reichen NICHT aus, um Weltmacht zu werden. Dazu gehoert die Verbreitung von WERTEN, wie Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, Menschenrechte, freie Medien. Solange das die alleinseligmachende, kommunistische Einheitspartei in Beijing nicht im Programm hat, will niemand China kopieren. Die Leute, die im Sudan und in Algerien ihre Diktatoren, alle bei China massiv verschuldet und von China total abhaengig, vorlaeufig verjagten, wollen kein chinaartiges Staatsmodell erschaffen. Die Nachfolgeregierungen, wie auch in Venezuela, werden die Kredite Chinas weder bedienen und schon gar nicht zurueckzahlen. Chinas Fuehrung der KP bietet uns, den Schweizern, goldene Gelegenheiten richtig viel Geld mit China zu verdienen. Dieser Kelch geht nicht an uns vorbei. mfG Beat
AxelSchudak 05.05.2019
3. Der Unterschied...
Der Unterschied zwischen den USA und China liegt darin, dass die USA sich alle 4 Jahre vor dem eigenen Volk verantworten muss und es dort eine freie Presse gibt. Das schützt nicht vor Fehlern und Chauvinismus, grenzt es aber ein. Auf Dauer wird China seine Interessen viel härter und rücksichtloser durchsetzen als die USA. Wir werden es am Beispiel Hongkongs (innenpolitisch) und Taiwans (aussenpolitisch) sehen...
taglöhner 05.05.2019
4. Weg vom Fenster
Vor der Perspektive, dass in absehbarer Zeit eine totalitäre Macht wirtschaftlich und militärisch in der Welt die erste Geige spielen könnte, bleibt für mich der Klimawandel ein sehr begrenztes Problem. Eine Welt als chinesischer Untertan ist für mich keine Option.
NauMax 05.05.2019
5.
Großes Lob an den Autor, eine Karte des südchinesischen Meeres beizulegen. Das sollte deutlich aufzeigen, wie lächerlich die Chinesischen Ansprüche sind und was ein Nachgeben für die anderen Anrainer bedeuten kann. China befindet sich gerade auf dem besten Wege, in die Fußstapfen des Imperialen Japans zu treten.
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