Neue US-Terrorstudie Aufstieg und Fall von al-Qaida im Irak

Enthauptete Geiseln, gesprengte Moscheen, ermordete Zivilisten: Iraks Qaida-Filiale ist der Inbegriff des Terrors. Nun behauptet das Anti-Terror-Zentrum der US-Armee, dass die Gruppe praktisch am Ende ist. Schuld an ihrem Niedergang, so die Autoren, sind die Dschihadisten selbst.

Von Yassin Musharbash


Berlin - 894 Tage: So lange besteht er nun schon, der "Islamische Staat Irak", den die Filiale des Terrornetzwerks von Osama Bin Laden im Zweistromland ausgerufen hat. Stolz prangt diese Zahl auf der derzeit wichtigsten dschihadistischen Internet-Seite, alle 24 Stunden springt der Zähler einen Tag weiter.

Pläne für den US-Abzug: Flagge des Qaida-Staates

Pläne für den US-Abzug: Flagge des Qaida-Staates

Dieser "Staat" ist natürlich nichts weiter als eine Behauptung. Al-Qaida im Irak übt keinerlei Autorität aus, die man mit jener der Taliban in Afghanistan vor 2001 vergleichen könnte, als man tatsächlich von einem staatsähnlichen Projekt sprechen konnte.

Dennoch sollte man die Staatsgründung durch Bin Ladens Vasallen im Irak nicht einfach als Propaganda abtun. Denn als er ausgerufen wurde, verbanden die Dschihadisten damit ernste Absichten. Ihre größte Sorge war, dass die US-Armee vorzeitig und abrupt aus dem Irak abziehen könnte - und dass die Dschihadisten dann nicht vorbereitet wären, das Vakuum zu füllen. So war es in Afghanistan gewesen, als die Sowjets 1989 ihren Rückzug einleiteten, und das anschließende Chaos begriff al-Qaida im Irak als Mahnung.

Also ernannte die Truppe, die der notorische Abu Mussab al-Sarkawi gegründet hatte, mit Abu Omar al-Baghdadi einen Emir, mit Abu Hamsa al-Muhadschir einen Kriegsminister und ein Kabinett, das aus insgesamt neun weiteren Ministern bestand, von denen einer sogar für Fischerei zuständig sein sollte.

US-Armee ist nicht der Hauptgrund für Qaidas Probleme

Dass dieser "Staatsapparat" nie wirkliche Bedeutung erlangte, liegt an einem nicht von der Hand zu weisenden Niedergang der irakischen Qaida-Zweigstelle. Vor einigen Jahren war sie noch der schiere Inbegriff des entgrenzten und völlig enthemmten Dschihad-Terrors. Enthauptungen von Geiseln, Massenerschießungen, monströse Anschläge gegen Zivilisten, brutale Morde an Schiiten und Attacken auf Heiligtümer und Betstätten praktisch aller Minderheiten waren ihre Markenzeichen. Jede Woche verschickte sie Dutzende Bekennerschreiben und Propagandavideos.

Heute ist al-Qaida im Irak immer noch präsent und keinesfalls besiegt. Aber ihre Kapazitäten sind geschrumpft, ihre Ressourcen limitiert.

Das Netzwerk sei nur noch "ein Schatten seiner selbst": So beschreiben es die Autoren einer aktuellen Studie des "Combating Terrorism Center" (CTC), das an der US-Militärakademie West Point angesiedelt ist.

Das Interessante an der Studie ist aber nicht dieser Befund - sondern die Analyse der Gründe, die dahinter stehen. Das CTC, wiewohl eine offizielle US-Einrichtung, hat bereits in früheren Reports unter Beweis gestellt, dass es zu objektiver Arbeit in der Lage ist - wie auch in dieser aktuellen Studie.

Wie seine Vorläufer beruht auch dieser Bericht vor allem auf internen Qaida-Dokumenten, die der US-Armee im Irak in die Hände gekommen sind. Aus diesen extrahieren die Autoren eine Reihe plausibler Ursachen für den Niedergang al-Qaidas im Irak. Notabene: Ausdrücklich wird darauf verwiesen, dass die US-Armee keineswegs die Hauptursache dafür ist.

Stattdessen nennen die Forscher eine Reihe von Irrtümern und Fehlern, die al-Qaida selbst unterlaufen sind. So habe al-Qaida zwar wie geplant einen gigantischen sunnitisch-schiitischen Konflikt heraufbeschworen; aber weil die Organisation nicht in der Lage war, die Sunniten anschließend auch zu beschützen, konnte al-Qaida daraus kein Kapital schlagen.

Zweiter, damit zusammenhängender großer Fehler: Al-Qaida beanspruchte die Führung des gesamten sunnitischen Lagers, etwa mit der "Staatsgründung", überschätzte aber den Grad der Unterstützung durch die sunnitischen Iraker massiv. Dazu gehört auch die unterschätzte Bedeutung der "Awakening Councils" - jener Allianzen auf Stammesebene, die sich gegen al-Qaida zusammenfanden.

Ein Emir für die Küche, einer fürs Gas

Diese Aufzählung wird sinnvoll ergänzt durch eine Art Fehleranalyse, die anonyme Qaida-Kader selbst durchgeführt haben. Sie kommen unter anderem auf folgende Fehler:

  1. Mangelndes Verständnis des irakischen Volkes
  2. Unzuverlässige Schleuser in Syrien
  3. Unrealistische Erwartungen der ankommenden Kämpfer, die durch zu vollmundige Propaganda geweckt wurden
  4. Zu viel Bürokratie auf der Ebene der Kommandeure
  5. Spannungen zwischen irakischen und nichtirakischen Kämpfern
  6. Unwillige Selbstmordattentäter
  7. Zu viele Anführer
  8. Ineffektive Strukturen
  9. Geldverschwendung



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