Neuer Gewaltausbruch in Tunis Im Kreuzfeuer der Revolution

Der Regimesturz in Tunesien sendet Signale des Aufbruchs in die arabische Welt - doch das nordafrikanische Land kommt nicht zur Ruhe. Mutmaßliche Anhänger des geflüchteten Präsidenten schießen in Tunis wahllos auf Passanten, die Polizei ist mit dem Schutz der Bevölkerung überfordert.
Brennender, geplünderter Supermarkt in Tunis: Die Hauptstadt kommt nicht zur Ruhe

Brennender, geplünderter Supermarkt in Tunis: Die Hauptstadt kommt nicht zur Ruhe

Foto: FETHI BELAID/ AFP

Sie sind schwer bewaffnet. Herr der Lage sind sie nicht.

Dutzende Soldaten und Polizisten entlang der Avenue Habib Burgiba im Zentrum von Tunis befinden sich am Sonntagnachmittag in höchster Alarmbereitschaft. Gefahr scheint von überall her zu drohen: Nervöse Uniformierte zielen mit ihren Gewehren abwechselnd auf Hausdächer und vorbeifahrende Autos, andere flüchten sich in Seitenstraßen. Ausländische Reporter, die im Hotel im Stadtzentrum einchecken wollen, erhalten für die letzten paar hundert Meter Geleitschutz von Einsatzkräften. "Hier herrscht Lebensgefahr, die Terroristen lauern überall!", ruft einer von ihnen während des Sprints entlang von Stacheldrahtverhauen und Panzern. Nach den Brandstiftungen der vergangenen Tage hängt beißender Rauch über der Stadt.

Zwei Tage nachdem der verhasste Despot Zine el-Abidine Ben Ali abgedankt und Tunesien verlassen hat, ist die Lage in dem nordafrikanischen Staat alles andere als ruhig. Durch die Innenstadt der Hauptstadt hallen immer wieder Pistolenschüsse und Gewehrsalven, zwischenzeitlich sind minutenlange Schusswechsel zu hören. Wer in der Nähe der französischen Botschaft und der Kathedrale auf wen feuert, ist unklar. Eine Augenzeugin berichtet, Polizei und Militär machten Jagd auf marodierende Schützen, die mit Taxis durch die Straßen führen und wahllos auf Passanten feuerten. Sie selbst sei auf dem Weg zum Hotel gewesen, als wieder Schüsse fielen. "Einige Polizisten haben mich und meinen Vater mit gezogener Waffe beschützt", sagt die junge Frau.

Fotostrecke

Tunesien: Freiheitsliebe, Chaos und Gewalt

Foto: ZOHRA BENSEMRA/ REUTERS

Noch vor wenigen Tagen mussten Tunesiens Polizisten auf ihre protestierenden Landsleute schießen - jetzt sollen sie diese unter Lebensgefahr vor wild gewordenen Pistoleros schützen?

Die Kämpfe dauerten bis tief in die Nacht. Die Armee startete nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP einen Angriff auf den Präsidentenpalast am Stadtrand von Tunis. In dem Gebäude hätten sich Mitglieder der Leibgarde des gestürzten Präsidenten verschanzt. Ein Anwohner berichtete von Schüssen in der Nähe des Palasts. Die Armee habe die Umgebung weiträumig abgeriegelt. Nach Angaben einer weiteren Anwohnerin kreisten Hubschrauber über dem Gebäude.

Die Situation in Tunesien, das sich gerade von einer Jahrzehnte währenden Diktatur befreit, ist kompliziert. Es scheint, als habe sich die Mehrheit der Sicherheitskräfte mit dem Wandel abgefunden. Ein harter Kern jedoch hat offenbar beschlossen, dem ins Exil geflohenen Präsidenten die Treue zu halten. Gerüchte machen die Runde in Tunis: Es seien die "Schwarzen Tiger", die mit gestohlenen Taxis und ihren Dienstwaffen Jagd auf Passanten machten. Die Leibgarde des Präsidenten wolle den Sturz Ben Alis nicht hinnehmen, der Demokratie keine Chance geben. Deshalb verbreiten sie angeblich Chaos, säen Angst.

Chef der Leibgarde verhaftet

Ob an den Gerüchten etwas dran ist, ist nur schwer herauszufinden. Am Sonntagnachmittag ist nicht daran zu denken, das Hotel zu verlassen. Je weiter die Sonne sinkt, desto heftiger die Feuergefechte vor dem Hotel. Panzer feuern mit großen Kalibern. Hubschrauber donnern über die Hausdächer. Der nahe Hauptbahnhof scheint Zentrum der Kämpfe zu sein.

Die tunesischen Behörden scheinen den Spekulationen zumindest in Teilen Glauben zu schenken. Am Sonntag ist Ben Alis früherer Sicherheitschef, General Ali Sériati, festgenommen worden. Er sei im Süden des Landes beim Versuch, ins benachbarte Libyen zu fliehen, von Polizisten und Soldaten gefasst worden, berichtet die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf offizielle Kreise. Sériati sei anschließend nach Tunis gebracht und dort in Untersuchungshaft genommen worden. Die Behörden werfen Sériati und Mitgliedern der Präsidentschaftsgarde vor, für die jüngste Gewalt gegenüber Demonstranten verantwortlich zu sein, zitierte das tunesische Fernsehen einen Regierungsvertreter. Auch gegen Sériatis "Komplizen" seien Haftbefehle erlassen worden. Die "Schwarzen Tiger" hätten sich gegen die innere Sicherheit des Staats verschworen.

Insgesamt befinden sich nach Angaben aus Polizeikreisen rund 50 Verdächtige in Verwahrung, die aus Krankenwagen, Taxis und Mietwagen heraus auf Menschen geschossen haben. Zeugenberichten zufolge wurde auch ein Neffe des gestürzten Präsidenten festgenommen. Kaïs Ben Ali sei mit zehn weiteren Personen von der Armee im zentraltunesischen Msaken gefasst worden. Die Sicherheitskräfte seien alarmiert worden, als die Verdächtigen in Polizeifahrzeugen durch die Gegend gerast seien und wild um sich geschossen hätten, um Panik auszulösen.

Deutsch-französischer Fotograf in Lebensgefahr

Ministerpräsident Mohammed Ghannouchi kündigte an, am Montag eine neue Regierung bekanntgeben zu wollen. Er bezeichnete diesen Schritt als "neues Kapitel in der Geschichte Tunesiens". Ghannouchi gilt als gemäßigt und als guter Vermittler, ihn belastet nach Ansicht vieler Tunesier aber seine bisherige Nähe zur alten Regierung. Er hatte während der Proteste das harte Vorgehen des Staats gegen die Demonstranten verteidigt.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters sollen drei führende tunesische Oppositionelle Minister werden. Den Angaben zufolge soll Najib Chebbi, Gründer der Oppositionspartei PDP, Minister für regionale Entwicklung werden. Ahmed Ibrahim, Vorsitzender der Ettajdid-Partei, soll das Bildungsressort übernehmen. Mustafa Ben Jaafar, Chef der Gewerkschaft "Freedom und Arbeit", soll an die Spitze des Gesundheitsministeriums rücken. Ahmed Friaa, in der vergangenen Woche zum Innenminister ernannt, soll seinen Posten behalten - ebenso wie Außenminister Kamel Morjane.

Als Übergangspräsident wurde Foued Mebazaa eingesetzt, auch er ein früherer Gefolgsmann Ben Alis. Mebazaa verspricht nun einen demokratischen Wandel, in eine "Regierung der nationalen Einheit" sollen auch oppositionelle Kräfte eingebunden werden. Mebazaa wird allerdings wie vielen aus dem ehemaligen Machtzirkel nachgesagt, autoritär und korrupt zu sein - dennoch ist er nicht ganz so unbeliebt wie andere Politiker des Landes.

Fotostrecke

Tunesien-Revolution: Fotos von Lucas Mebrouk Dolega

Foto: Charles Platiau/ dpa

Ein deutsch-französischer Fotograf wurde am Sonntagmorgen schon für tot erklärt, hängt nach Informationen von SPIEGEL ONLINE aber noch an lebenserhaltenden Maschinen - in "kritischem, aber stabilem" Zustand, wie es ein französischer Konsulatssprecher ausdrückte. Lucas Mebrouk Dolega ist 32 Jahre alt. Auf seinen Fotos hatte er Szenen aus einem verzweifelten Land eingefangen. Noch am Freitag war er mit seiner Kamera unterwegs - dann traf ihn eine Tränengasgranate am Kopf. Mebrouk Dolega war für die European Pressphoto Agency unterwegs, die auch die deutsche Nachrichtenagentur dpa beliefert.

Bürgerwehr gegen das Chaos

Unklar ist, ob die Übergangsregierung wirklich wie versprochen einen demokratischen Machtwechsel ermöglicht und Wahlen zulässt oder ob nur der nächste autoritäre Herrscher kommt. Der Aufstand der Tunesier ist allerdings bereits jetzt Vorbild für Millionen von Arabern, die seit Jahrzehnten unter ihren korrupten Herrschern leiden. Oppositionelle Kräfte in zahlreichen Ländern reagierten am Wochenende entsprechend optimistisch.

"Das tunesische Volk hat den Preis für die Freiheit bezahlt und den Tyrannen gestürzt", lobt die linke ägyptische Karama-Partei. Auch das al-Quds-Zentrum für politische Studien in Jordanien glaubt, dass andere Araber von der tunesischen Revolution lernen sollten. "Das Echo dieses beispiellosen Ereignisses in der arabischen Welt wird ohne Zweifel in mehr als einem Land der Region zu hören sein", schreibt die libanesische Zeitung "An-Nahar".

Doch zunächst herrscht Ausnahmezustand in Tunis und Umgebung. Wer auch immer hinter den andauernden Unruhen und Gewaltausbrüchen stecken mag: Er verhindert, dass Tunesien zur Ruhe kommt, der Alltag wieder Einzug halten kann. Eine Augenzeugin berichtet, überall in der Stadt hätten sich die Menschen zu Bürgerwehren zusammengeschlossen. Mit improvisierten Straßensperren versuchten Familienväter, ihre Nachbarschaften vor Plünderern und Randalierern zu schützen. Besondere Angst hätten die Tunesier vor den 1000 Häftlingen, die am Samstag nach dem Brand in einem Gefängnis bei Monastir freigekommen waren. Nachts hielten die Männer in ihrem Stadtviertel mit Knüppeln bewaffnet an den Straßenecken Wache, um Unheil abzuwehren. Das tunesische Volk setzt offenbar auch weiterhin darauf, sich selbst zu helfen.

mit Material von dpa/AFP/Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.