Neuer Nato-Generalsekretär Brückenbauer aus den Niederlanden
Hamburg - Nein, er wird kein "Schoßhund der USA" sein, wie die niederländische Opposition den christdemokratischen Ministerpräsidenten Jan Peter Balkenende für seine Unterstützung des amerikanischen Kriegskurses im Irak verspottete. Jaap de Hoop Scheffer könnte allerdings zum ausgleichenden Vermittler zwischen den USA, Kanada und den 17 europäischen Nato-Mitgliedern werden. Schließlich stand das nordatlantische Bündnis wegen der Frage um Krieg oder Frieden im Nahen Osten vor weniger als einem Jahr am Rande des Abgrunds.
Seine Berufung in das höchste zivile Amt des Militärbündnisses ist allerdings auch ein Tribut für die pro-amerikanische Haltung der Regierung in Den Haag: Der von den Franzosen favorisierte Kanadier John Manley fand wegen seiner kritischen Haltung zum Irak-Krieg in den USA keine Gnade. Scheffler verkündete hingegen bereits vor dem Bombardement seine Überzeugung, dass ein Einsatz auch ohne Uno-Vollmacht gerechtfertigt sei. Zumindest verbal hielt er dem transatlantischen Verbündeten die Treue.
Festhalten an einem ehernen Gesetz
Der 55 Jahre alte konservative Politiker wird Nachfolger des schottischen Labour-Politikers Lord George Robertson, der das Amt des Nato-Generalsekretärs vier Jahre lang ausübte und nun zum britischen Telekommunikationskonzern Cable & Wireless wechselt.
Scheffer ist der elfte Generalsekretär und bereits der dritte Niederländer an der Spitze des Atlantischen Bündnisses. Vor ihm hatte Den Haag Dirk Stikker (1961 bis 1964) und Joseph Luns (1971 bis 1984) nach Brüssel entsandt. Mit seiner Benennung hält die Nato an dem ungeschriebenen Gesetz fest, nach der ein Europäer das Amt des Generalsekretärs übernimmt und ein US-Amerikaner die Streitkräfte der Allianz leitet.
Dem Holländer sind die Strukturen in Brüssel nicht vollkommen fremd: Nach einer Stippvisite in der niederländischen Botschaft in Ghana wurde er von 1978 bis 1980 Botschaftssekretär seines Landes im Nato-Hauptquartier. Anschließend war er bis 1986 als persönlicher Referent von vier Außenministern tätig, bevor er selbst ins Parlament gewählt wurde.
Doch für die Niederrungen der holländischen Politik war farblose Karrierediplomat wenig geeignet. Im Sommer 2001 legte der Reserveoffizier der niederländischen Luftwaffe nach einer internen Krise seiner oppositionellen CDA den Fraktionsvorsitz nieder und überließ später dem jüngeren Balkenende die Spitzenkandidatur der Christdemokraten. Balkenende gewann die Wahlen und machte den wenig charismatischen Scheffler im Juli 2002 zum Außenminister des Königreiches.
"Ich werde versuchen, Brücken zu bauen"
Höchstwahrscheinlich muss man sich neben der Aussprache seines Namens auch noch an neue Ideen von Jaap, eigentlich Jakob Gijsbert, gewöhnen: Bei seiner Amtseinführung am Montag schloss er nicht aus, dass die Allianz in diesem Jahr eine größere Rolle im Irak übernehmen wird. Die Entscheidung werde jedoch von der Entwicklung der politischen Lage im Irak abhängen. Wichtig sei zunächst, die Nato in ihrer Haltung zu Irak zu einen: "Ich werde versuchen, Brücken zu bauen." Schon jetzt unterstützt die Nato logistisch die polnische Armee in einer der irakischen Kontrollzonen.
Doch erst einmal wird sich der Vater von zwei Töchtern vor allem den Vorbereitungen des kommenden Gipfeltreffens der Allianz Ende Juni in Istanbul widmen müssen. Dort wird die Aufnahme der neuen Mitglieder Rumänien, Bulgarien, Slowakei, Slowenien, Estland, Lettland und Litauen besiegelt. Die Staaten folgen Polen, Tschechien und Ungarn, die 1999 der Nato beitraten.
Der Schwerpunkt der Nato liegt seiner Meinung nach derzeit vor allem im Kommando über die internationale Friedenstruppe Isaf in Afghanistan. "Die Situation dort ist alles andere als einfach." Die internationale Gemeinschaft und das Bündnis könnten es sich nicht leisten, in Afghanistan zu scheitern: "Afghanistan steht immer auf der Tagesordnung." Die Einigung der afghanischen Loja Dschirga auf eine neue Verfassung am Sonntag unterstreiche die Notwendigkeit, für Stabilität im Land zu sorgen.
Außerdem übt die Allianz im Kosovo und in Bosnien-Herzegowina die Führung über die internationalen Friedenstruppen aus. Doch noch in diesem Jahr soll die SFOR in Bosnien einem Militärkontingent der Europäischen Union unterstellt werden - auch das wird der neue Generalsekretär organisieren müssen.
Lars Langenau