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19. März 2009, 10:22 Uhr

Neuer Nato-Oberbefehlshaber

Obama überrascht die Europäer

Von , Washington

US-Admiral James Stavridis soll künftig die Nato kommandieren. Diese Personalentscheidung Barack Obamas löst in Europa Erstaunen aus, doch der Mann bringt für den Afghanistan-Einsatz wichtige Erfahrungen mit - aus Lateinamerika.

Die Regierung von Barack Obama hat mit der Ernennung des neuen Nato-Oberbefehlshabers zumindest die europäischen Verbündeten überrascht. Noch am Mittwochnachmittag kursierten in Brüssel und Berlin E-Mails, im Verlauf des Tages werde Washington General James N. Mattis als "Supreme Allied Commander Europe" empfehlen - der Inhaber dieses Postens steht allen US-Truppen in Europa vor, aber auch den Nato-Einsätzen, also vor allem der Isaf-Schutztruppe in Afghanistan.

US-Admiral James Stavridis: Der erste Seemann an der Spitze der Nato
US Navy

US-Admiral James Stavridis: Der erste Seemann an der Spitze der Nato

Traditionell stellen die USA den Oberbefehlshaber des Verteidigungsbündnisses und die Europäer den Generalsekretär. Die Entscheidung für Mattis schien logisch. Immerhin trägt er seit längerem den Titel "Supreme Allied Commander for Transformation", ist also Chef des Kommandos für die Nato-Transformation.

Doch nun kommt es anders. Verteidigungsminister Robert Gates hat mitgeteilt, dass Admiral James Stavridis den begehrten Posten erhalten soll. Der US-Senat und der Nato-Rat müssen noch zustimmen, was als wahrscheinlich gilt. Gates nannte Stavridis "einen der besten hochrangigen Militärs, die wir haben".

In Brüssel herrschte Verblüffung. "Amerika behandelt das als rein amerikanische Angelegenheit, also haben sie von der Stavridis-Entscheidung auch nichts durchblicken lassen", sagen Nato-Mitarbeiter. "Die konspirative Personalfindung erinnert fast an eine Papstwahl", sagt Stefani Weiss, Nato-Expertin der Bertelsmann-Stiftung in Brüssel, SPIEGEL ONLINE.

Offenbar hat Obama überzeugt, dass Stavridis in seiner aktuellen Position als Chef des US-Militärkommandos für Lateinamerika die Zusammenarbeit von Militär und zivilen Einrichtungen vorantrieb. Diese Vorgehensweise gilt für Washington auch als neue Maxime in Afghanistan.

Gerade hat Obama 17.000 weitere US-Soldaten nach Afghanistan entsandt - doch "eine rein militärische Lösung gibt es nicht", sagen der Präsident und sein Verteidigungsminister unisono. Verschiedene Studien des Weißen Hauses zu einem umfassenderen neuen Ansatz in Afghanistan und Pakistan sind gerade abgeschlossen worden, beim Nato-Gipfel Anfang April sollen sie diskutiert werden.

Stavridis ist der erste Vertreter der Marine, der für den Nato-Oberbefehl ausgeguckt wurde - da die Mission in Afghanistan vor allem Landtruppen betrifft, erregte dies für gewisses Erstaunen in Washington. Allerdings wiesen Militärexperten darauf hin, Stavridis habe in seiner aktuellen Tätigkeit bereits mit allen Gattungen des US-Militärs arbeiten müssen.

Spezialist für heikle Missionen

Stavridis stammt aus Florida, ist hochdekorierter Absolvent der US-Marineakademie und hat unter anderem in Haiti, Bosnien, dem Persischen Golf und im Irak-Krieg Erfahrungen gesammelt. Er verfasste eine Dissertation und veröffentlichte mehrere Bücher. Seine jüngste Mission war diplomatisch heikel: Am Dienstag dieser Woche sagte er vor dem Verteidigungsausschuss des Senats etwa über Irans wachsende Einflussnahme in Lateinamerika aus. Auch sonst hat der Admiral seine Beweglichkeit unter Beweis gestellt - mit Ex-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, dem er als militärischer Berater diente, spielte er regelmäßig Squash.

Stavridis tritt die Nachfolge des umstrittenen Nato-Oberbefehlshabers John Craddock an, der als Bushs Gefolgsmann galt und sich in der Brüsseler Nato-Zentrale viele Feinde gemacht hat. Vor einigen Wochen geriet Craddock in die Schlagzeilen, als SPIEGEL ONLINE über ein geheimes Schreiben von ihm an Kommandeure der Nato-Schutztruppe in Afghanistan berichtete. Darin befahl Craddock als sogenannte "guidance" - die auf der strategischen Ebene einem Befehl gleichkommt - ab sofort offensiv Jagd auf "alle Drogenhändler und deren Einrichtungen" zu machen.

Der Inhalt des Befehls war brisant: Es sei "nicht länger nötig, Geheimdienstaufklärung zu betreiben oder zusätzliche Beweise zu erbringen, ob jeder der Drogenhändler oder jede Drogeneinrichtung in Afghanistan auch die Kriterien eines militärischen Ziels erfüllt", schrieb Craddock. Nach heftiger Empörung quer durch die Allianz heftiger Empörung quer durch die Allianz und alle politischen Lager musste er den Befehl zurück nehmen.

Der Vier-Sterne-General Craddock ist auf die baldige Ablösung gut vorbereitet. Schon im Januar nahm er an einem Spezialkurs der US-Armee für angehende Ruheständler teil. Dort lernt man, das Leben ohne Chauffeur, persönlichen Referenten und Sekretär zu meistern.

Mitarbeit: Alexander Szandar, mit Material von Reuters

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