SPIEGEL ONLINE

Neuer Protesttag in Kairo Volk und Greis im Nervenkrieg

Hunderttausende Demonstranten in Kairo wollten den "Tag des Abflugs" feiern - doch der verhasste Präsident Mubarak klammert sich an sein Amt. Wie lange kann er ausharren? Längst verhandeln einheimische Opposition und ausländische Diplomaten über die Choreografie für den Machtwechsel.

"Natürlich habe ich Angst", sagt die junge Frau. Gemeinsam mit einer Freundin sitzt Aishe in einem kleinen Kaffee in einer Seitenstraße nahe des Tahrir-Platzes in Kairo. Im Haar steckt eine Designer-Sonnenbrille, den Ausschnitt der Bluse hat die 23-Jährige gewagt weit nach unten gezogen. Vor ihr dampft ein frisch gebackenes Fladenbrot mit Fleischfüllung.

Husni Mubarak

Mehrere Tage lang war Aishe nicht bei den Demonstrationen der Opposition auf dem Platz der Befreiung, sie sei schlicht zu müde gewesen. Jetzt aber, nach dem Angriff der vermeintlichen Anhänger des Präsidenten vor zwei Tagen, die in bürgerkriegsähnlichen Szenen zwischen beiden Seiten endeten, müsse man doch wieder auf die Straße gehen. "Wenn wir jetzt aufhören, kommt Mubarak wieder mit seinen alten Methoden durch", sagt sie bestimmt.

Fotostrecke

Proteste am Freitag: Massen auf Kairos Straßen

Foto: Peter Macdiarmid/ Getty Images

Der Chef des Cafés, ein bedächtiger Mann, der jede Frage zur Politik mit einem Lächeln verweigert, hat am Freitag zum ersten Mal seit den schweren Auseinandersetzungen zwischen Regimegegnern und der Polizei wieder aufgemacht. Nur das schwere Rollgitter vor seinem Laden hat sein Hab und Gut geschützt, viele andere Geschäfte in der Straße sind verwüstet, geplündert und ausgebrannt. Nun, es ist gegen 14 Uhr, ziehen wieder Zehntausende an seinem Schaufenster vorbei.

Gerade ist das Freitagsgebet zu Ende und die Bewegung der Regimegegner pilgert ein weiteres Mal zum Zentrum ihres Protests gegen den Präsidenten Husni Mubarak. Der Chef will noch immer nichts zur Politik sagen, er sei damit schon immer gut gefahren. Nur, dass es nicht ewig so weitergehen könne, will er durchaus gern in der Zeitung lesen, denn er hat viel Geld verloren in den vergangenen Tagen.

Was sich später auf dem Platz abspielte, war durchaus eine Überraschung: Erneut ist es den verschiedenen Oppositionsgruppen trotz der Gewaltarien vom Mittwoch, trotz der fürchterlichen Bilder des zügellosen Straßenkampfs gelungen, den Platz inmitten von Kairo komplett zu füllen. Manche Beobachter meinen gar, es seien mehr Demonstranten gewesen als zu Beginn der Woche. Ganz gleich, ob dies stimmt, war dieser Freitag ein entscheidendes Symbol. So sehr das Regime mit hässlichen Machtbeweisen wie dem Sturm des Platzes durch bezahlte Schlägertrupps oder auch durch Dialogangebote versuchte, den Protest auf der Straße zu beenden, so sehr stemmen sich die verschiedenen Gruppen dagegen.

Weiterhin haben sie vor allem ein Ziel: Mubarak soll erst gehen, dann kann man weitersehen.

Angstwelle unter den Medienleuten

in Ägypten

Die Großdemonstration am 11. Tag des Aufruhrs stellte sich damit gegen alle Versuche des Regimes, doch noch irgendwie das Steuer in der Hand zu behalten, um auch noch die längst überfälligen Reformen zu lenken. So wiesen die Demonstranten den Deal des neuen Vizepräsidenten Omar Suleiman zurück, der bei Einstellung der Proteste einen politischen Dialog in Aussicht gestellt hatte.

Suleiman hatte am Donnerstag in einem für die Region mehr als bemerkenswert kritisch geführten Interview im Staatsfernsehen sogar eingeräumt, dass die Proteste gegen die Regierung berechtigt waren. Allerdings hatte er auf die wichtige Frage, wer den Gewaltexzess von Mittwoch zu verantworten habe, wieder einmal - in klassisch nahöstlicher Verschwörungsmanier - von Aufwieglern aus dem Ausland gesprochen, die nun gefunden werden müssten.

Diese Suche richtete sich aktuell auch gegen ausländische Reporter. Mit Schikanen wie Festnahmen oder der Beschlagnahme von Übertragungstechnik versetzte die Armee Journalisten in Panik. Am gefährlichsten aber waren die sogenannten Mubarak-Anhänger, Schlägertrupps, die völlig unkontrolliert durch Polizei oder Armee Reporter verprügelten und so eine regelrechte Angstwelle unter den Medienleuten auslösten.

Am Freitag hatte sich die Lage zwar beruhigt, doch ein paar Erfolge hatte das brutale Manöver schon. Viele Reporter flohen teils panisch zum Flughafen oder in die Botschaften, nur sehr wenige trauten sich noch auf den Platz oder zur Demo. Zudem gab es von der Großdemonstration keine Live-Bilder in hoher Auflösung mehr, da das Regime bei den Nachrichtensendern die notwendigen Geräte beschlagnahmt hatte.

Vertreter der amtierenden Regierung bei Großdemonstration

Dem Protest der Menge jedoch konnte das Regime wenig anhaben. Erneut demonstrierte die Ansammlung auf dem Tahrir-Platz, die wie Anfang der Woche wieder alle Bevölkerungsteile repräsentierte, wie breit der Widerstand gegen den Präsidenten ist. Zudem gelang es den Organisatoren, auch die Krawallbrüder auf Seiten der Regimegegner wieder unter Kontrolle zu bringen.

Am Vortag stand zu befürchten, dass sich das Gesicht des Protests wandeln würde. Statt der vielen Studenten und Frauen waren plötzlich nur noch junge Männer mit aggressivem Gesichtsausdruck zu sehen, die vor allem Rache für die Verluste bei den Kämpfen der vergangenen Stunden suchten. Am Freitag aber beruhigten Studenten und teils auch Geistliche die Straßenkämpfer, selbst bei Provokationen am Rand des Platzes ruhig zu bleiben.

Zum ersten Mal zeigten sich auf der Großdemonstration auch zwei prominente Vertreter der amtierenden Regierung: Zuerst trat Amr Mussa, der Generalsekretär der arabischen Liga und Ex-Außenminister von Mubarak, in der unüberschaubaren Menge auf und signalisierte allein damit seine grundsätzliche Sympathie für die Bewegung. Außerdem strahlte das Staatsfernsehen Bilder von Verteidigungsminister Mohammed Tantawi aus.

Der Feldmarschall war offiziell nur auf der Demo, um seine Soldaten zu besuchen. Doch die Symbolik der TV-Aufnahmen im gleichgeschalteten "Nil TV" sollte wohl eher eine langsame Annäherung der Regierung an die revoltierenden Massen zeigen. Zwar hatte die Armee zum Ende des Protests auf der Straße aufgerufen, nach den gewaltsamen Ausschreitungen aber auch einen besseren Schutz der Demonstranten vor Angriffen versprochen.

Undurchsichtiges Geflecht von Macht und alten Freundschaften

Wie der Aufruhr nun weitergeht, hängt vor allem von Mubarak selbst und seinem Vizepräsidenten Suleiman ab. Die USA, das jedenfalls berichtet die "New York Times", drängen den einstigen Geheimdienstchef, er soll das Ruder so bald wie möglich übernehmen, Reformen einleiten und den Weg zu Neuwahlen ebnen.

Offenbar hat man mittlerweile auch in Washington akzeptiert, dass dieser Weg nur gangbar ist, wenn Mubarak schnell aus dem Amt scheidet. Im undurchsichtigen Geflecht von Macht, alten Freundschaften und Abhängigkeiten, das jedenfalls meinen Diplomaten in Kairo zu wissen, wird intensiv an einer Choreografie für ein solches Ende gearbeitet.

Die Frage aber wird bleiben, wie man den sturen und zunehmend realitätsfernen Staatschef von einer solchen Variante überzeugen kann. Premierminister Schafik teilte am Abend mit, er rechne nicht mit einem Rücktritt Mubaraks zu Gunsten Suleimans.

Mohamed ElBaradei

Auf Seiten der Opposition ist der Abgang Mubaraks aber die erste Bedingung für Gespräche mit der Regierung. , einer der prominenten Führer des Widerstands, deutete am Freitag an, dass es bereits Ideen für eine gemeinsame Kommission für solche Verhandlungen gebe. Allerdings stellte er auch klar, dass der Beginn erst nach dem Rücktritt Mubaraks sein könne. "Je eher er ehrenvoll aus dem Amt scheidet, desto besser ist es für alle", sagte ElBaradei.

Was er genau mit "ehrenvoll" meinte, blieb zunächst unklar. Mubarak hatte in einem Gespräch mit der TV-Journalistin Christiane Amanpour angedeutet, er sei zum Rückzug bereit. Allerdings fürchte er, dass das Land dann ins Chaos falle. Möglicherweise war die friedliche Demo, auch gesichert von Militär und erstmals wieder der Polizei, der erste Schritt in Richtung auf einen Abgang in Würde.