Neuer Prozess Moskauer Machtkampf entscheidet Chodorkowskis Schicksal
Mitte der neunziger Jahre gehörte Michail Chodorkowski noch zu einer Gruppe mit einer ebenso eindrucksvollen wie zweifelhaften Reputation, die man im Westen halb ehrfurchtsvoll, halb verächtlich die "Großen Sieben" nannte. Die Herren waren so mächtig, dass die russischen Medien die "semibankirschyna" ausriefen, die "Herrschaft der sieben Bankiers". Boris Beresowski, damals Auto- und Medienmogul und später von Wladimir Putin ins Londoner Exil gedrängt, prahlte damit, dass ihm und den anderen Sechs rund vierzig Prozent der russischen Wirtschaft gehörten.
Damals lernte ich jeden der sieben Oligarchen kennen, begleitete sie auf Reisen durch Russland und ins Ausland, besuchte ihre Fabriken und Firmenzentralen. Im äußersten Norden stieg ich mit Wladimir Potanin, dem Nickelzaren, in seine Bergwerke hinab und schaute ihm beim Fußballspielen nach Feierabend zu.
Mit Chodorkowski war ich 1997 in Deutschland unterwegs. Er sprach auf einer Unternehmerkonferenz in Baden-Baden und besuchte Daimler. Er war ein Mann, der sich nicht in den Vordergrund drängte. Stattdessen stellte er viele Fragen und hörte aufmerksam zu.
Chodorkowski, dachte ich, ist der Smarteste der russischen Top-Oligarchen. Nicht so vorlaut und größenwahnsinnig wie der ewige Schnellsprecher Beresowski, nicht so undurchsichtig wie der Bankier Alexander Smolenski, nicht so machtverliebt wie der Medienunternehmer Wladimir Gusinski, dem der Fernsehsender NTW gehörte und der heute im Exil in Israel lebt.
Schneller als seinen Oligarchen-Kameraden war es Chodorkowski gelungen, den Geruch des Räuberkapitalisten loszuwerden. Vorbei waren die Zeiten, als er sich protzig auf einem Tigerfell fotografieren ließ. Er war dabei, eines der transparentesten Privatunternehmen Russlands aufzubauen. Mit politischen Äußerungen hielt er sich zurück. Durch seine Ruhe erinnerte er mich an einen Schachspieler. Wer ihn traf, traute ihm zu, auch starken Gegnern immer ein paar Züge voraus zu sein.
In der Ära Wladimir Putins aber - Chodorkowski war inzwischen zum reichsten Mann des Landes aufgestiegen - verkalkulierte sich der nüchterne Planer. Über die genauen Hintergründe seines Zerwürfnisses mit Putin, der 2000 Boris Jelzin als Präsident abgelöst hatte, wird bis heute spekuliert. Chodorkowski habe, so heißt es häufig, Oppositionsparteien finanziert, die Kommunisten und den liberalen Reformpolitiker Grigorij Jawlinski. Das tat er sicherlich. Er tat es allerdings - zumindest anfangs - mit dem Einverständnis des Kremls. Damals wie heute finanzieren Oligarchen und Unternehmer in Russlands "gelenkter Demokratie" nicht nur die regierungsnahen Parteien, sondern auch die systemtreue Opposition.
Anfang 2003 verlor der Ölbaron die entscheidende Partie
Chodorkowski habe, so eine weiterer Erklärungsversuch, Putin direkt herausgefordert, indem er mit einer Präsidentenkandidatur liebäugelte. Richtig ist, dass Putin solche Illoyalität nicht verzeiht. Vergessen wird dabei allerdings, dass Oligarchen der Mehrheit der russischen Bevölkerung von Herzen verhasst sind.
Schließlich habe Chodorkowski Putin, der eine staatliche Kontrolle über Russlands Rohstoffe anstrebte, dadurch verärgert, dass er Anteile seines Ölunternehmens Jukos an den amerikanischen Konzern Chevron verkaufen wollte, ausgerechnet an einen Multi aus dem Land des Ex-Erzfeindes, der einzig verbliebenen Supermacht. Diese These ist nicht falsch und dennoch nur ein Teil der Wahrheit.
Wahrscheinlicher ist, dass Michail Chodorkowski die für Russland typische Verquickung von politischer Macht und wirtschaftlichen Pfründen zum Verhängnis wurde. Und wahrscheinlich war es der 19. Februar 2003, als der Ölbaron die entscheidende Partie im Machtpoker verlor. Ausgerechnet zwei hohe Kreml-Beamte, die ihm positiv gesonnenen waren, gaben ihm einen Rat, der ihn für Jahre ins Gefängnis brachte. Der eine - Alexander Woloschin, der Jelzin-Gefolgsmann und damalige Chef der Kreml-Verwaltung - führt jetzt den Aufsichtsrat eines Metallkonzerns an. Der Name des anderen: Dmitrij Anatoljewitsch Medwedew, damals Stellvertreter Woloschins und heute Russlands Präsident.
Statt Schulterklopfen gab es Handschellen
Sie luden Chodorkowski zu einem Vortrag über Korruption in den Kreml ein und ermunterten ihn, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Die beiden Vertreter des liberalen Kreml-Lagers brachten Chodorkowski gegen einen ihrer politischen Gegner in Stellung, gegen Igor Setschin, damals mächtiger Kanzleichef Putins. Als Chodorkowski gegen korrupte Beamte wetterte und schmutzige Ölgeschäfte rund um die Firma Sewernaja Neft erwähnte, wusste jeder, dass der Angriff Setschin galt.
Chodorkowkis Attacke allerdings ging nach hinten los. Statt Schulterklopfen für den Oligarchen gab es Handschellen. Lächelnd erinnerte Putin, der über die Versammlung präsidierte, Chodorkowski an die Steuerprobleme seines Unternehmens. Acht Monate später saß der Magnat in Untersuchungshaft, zweieinhalb Jahre später im sibirischen Knast. Igor Setschin, der damals wie heute als Gallionsfigur der Kreml-Falken gilt, ist inzwischen als stellvertretender Premierminister zur informellen Nummer Drei in Russlands Machtgefüge aufgestiegen. Auch beim Fleddern der Unternehmensleiche Jukos hat sich der Putin-Vertraute hervorgetan: Setschin ist Aufsichtsratschef des staatlichen Ölkonzerns Rosneft, der sich einen großen Teil des ehemaligen Chodorkowski-Unternehmens Jukos einverleibte.
Zu Beginn des zweiten Prozesses liegen die Gefolgsleute Putins und Medwedews miteinander im Clinch. Das Putin-Lager will Chodorkowski möglichst lange in Haft halten. Präsident Medwedew, von Putins Gnaden vor einem Jahr ins Amt gewählt, muss fürchten, dass der neue Chodorkowski-Prozess eines seiner erklärten Hauptziele desavouiert: die Schaffung eines Rechtsstaates. Heute so wie damals bei seiner Verhaftung ist Chodorkowski nur ein Bauer im Kreml-Schach.
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