Neuer Staat Montenegro wählt die Unabhängigkeit

Die letzte Teilrepublik Jugoslawiens wird zum neuen Staat in Europa: Nach dem letzten Stand der Stimmenauszählung hat sich Montenegro in einem Referendum für die Unabhängigkeit von Serbien ausgesprochen – mit hauchdünner Mehrheit.


Podgorica - 55,5 Prozent der Wähler hätten bei der Volksabstimmung am Sonntag für eine Loslösung votiert, sagte Montenegros Ministerpräsident Djukanovic heute Nacht unter Berufung auf die Auszählung von 99 Prozent der Stimmen. Zuvor hatten Prognosen eine Mehrheit von 55,3 Prozent für die Unabhängigkeit gezeigt. Die Europäische Union hatte eine Mindestmarke von 55 Prozent Ja-Stimmen festgelegt.

Feiernde Unabhängigkeitsbefürworter in Montenegro: Hauchdünne Mehrheit
AP

Feiernde Unabhängigkeitsbefürworter in Montenegro: Hauchdünne Mehrheit

Der Führer der Fraktion für einen Erhalt der Union mit Serbien, Predrag Bulatovic, gestand einen Vorsprung der Unabhängigkeitsbefürworter ein. Er betonte jedoch, erst müsse das offizielle Ergebnis abgewartet werden. Bulatovic sagte, das Ergebnis sei so lange nicht endgültig, wie es die Referendums-Kommission nicht verkünde und es nicht die ganze Welt anerkenne. Die Wahlkommission erklärte, die Auszählung der Stimmen sei vermutlich am späten Montagvormittag abgeschlossen. Zuvor werde sie keine Stellungnahme abgeben.

Djukanovic sprach vom "wichtigsten Tag in der Geschichte Montenegros". Das pro-serbische Lager wollte das vorläufige Ergebnis nicht anerkennen und auf das endgültige Resultat warten.

"Erlauben Sie mir, Ihnen mitzuteilen, dass Montenegro durch den Willen seiner Bürger seine Unabhängigkeit wiederhergestellt hat", sagte Djukanovic in der Nacht vor seinen Anhängern. Montenegro sei nun ein neuer Staat, ein neues Mitglied der Vereinten Nationen. Das Land wolle "so schnell wie möglich" ein Mitglied der "Gemeinschaft europäischer Staaten werden", sagte Djukanovic. Alle Montenegriner sollten mit Würde feiern, niemand solle sich als Verlierer fühlen.

Djukanovics Anhänger riefen "Es lebe Montenegro" und "Milo, Milo". Nach der Ankündigung über den Wahlausgang feuerten Bewohner von Podgorica Böller ab und zündeten Feuerwerke. Autofahrer fuhren hupend durch die Straßen.

Nach Darstellung von Djukanovic kann sich das Ergebnis des Referendums nicht mehr ändern. Zuvor hatte das regierungsunabhängige Zentrum für freie Wahlen und Demokratie (CESID) mitgeteilt, die Zustimmung für die Loslösung von Serbien liege bei 55,3 Prozent. Damit hatte das Institut die Ergebnisse erster Prognosen nach unten korrigiert, die die Zustimmung noch bei 56,3 Prozent gesehen hatten.

Wahlbeobachtern zufolge gaben mindestens 86 Prozent der fast 500.000 Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Die Europäische Union hatte eine Wahlbeteiligung von mindestens 50 Prozent als Quorum für die Gültigkeit der Abstimmung gefordert. Sollte die Unabhängigkeit Montenegros von Serbien offiziell bestätigt werden, wird dies die Bildung eines neuen Kleinstaates auf dem Balkan bedeuten: Montenegro hat lediglich 650.000 Einwohner.

Schon bislang genoss Montenegro weitgehende Autonomierechte gegenüber Serbien, wo einschließlich Kosovo knapp zehn Millionen Menschen leben. Gegner einer Ablösung sehen die Zukunft nach wie vor in einem gemeinsamen Staat mit Serbien. Dieser wäre ihrer Ansicht nach auch wirtschaftlich wesentlich leistungsfähiger als das kleine Montenegro, wo der durchschnittliche Monatsverdienst bei 150 Euro liegt. Regierungschef Djukanovic und seine Anhänger warben hingegen seit Jahren für die Loslösung. Die innenpolitische Debatte spaltete das Land.

Bereits vor einem Jahr hatte die montenegrinische Führung Belgrad den Vorschlag zur Auflösung des Staatenbundes unterbreitet, den Serbien damals kategorisch zurückwies. Auch zuletzt sprach sich der serbische Regierungschef Vojislav Kostunica gegen Montenegros Unabhängigkeit aus. Überwacht wurde die Abstimmung von Vertretern des Europarats, des Europaparlaments und der Parlamentarischen Versammlung der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Insgesamt waren rund 3000 Beobachter vor Ort.

ank/AFP/AP



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