Neuer Uno-Generalsekretär Gesucht wird - weiblich, asiatisch, jung
New York - Wer bekommt den Spitzenjob der Weltdiplomatie? Hinter verschlossenen Türen verhandelt der Uno-Sicherheitsrat derzeit vor allem über ein Thema: die Nachfolge von Kofi Annan, der kein drittes Mal in das Amt gewählt werden darf und deshalb zum Jahresende aufhört. Die Sicherheitsrats-Mitglieder sagen nur so viel: Bis Anfang Oktober wird man sich auf einen Kandidaten geeinigt haben. Danach sollen die 192 Uno-Staaten in der Vollversammlung über den Neuen abstimmen - oder die Neue? Bisher steht nicht viel mehr als dieser Zeitplan, und so gehen in diesen Tagen in der Uno-Zentrale am New Yorker East River allerlei Spekulationen und Prognosen um.
Die Wahl ist noch völlig offen, sagen die Uno-Diplomaten und wiederholen, was schon seit Wochen kommuniziert wird: Der achte Generalsekretär in der Geschichte der Uno soll eigentlich aus Asien kommen. Nach einer ungeschriebenen Regel wechseln sich die Kontinente beim höchsten Amt der internationalen Staatengemeinschaft ab. Asien wäre nun an der Reihe.
Offiziell gab es bisher fünf asiatische Kandidaten: den südkoreanischen Außenminister Ban Ki Moon; den srilankischen Diplomaten Jayantha Dhanapala; den aus Indien stammenden Uno-Untergeneralsekretär Shashi Tharoor; den jordanischen Uno-Botschafter Prinz Seid Ra'ad Seid al Hussein. Nicht zu vergessen Surakiart Sathirathai, Thailands wackelnder Vize-Premier, über dessen Polit-Karriere aber seit Dienstagabend auch die Putschisten in seiner Heimat zu befinden haben.
Kandidatin sechs ist erst seit der vergangenen Woche dabei, und sie erfüllt das Asien-Kriterium schon mal nicht: die lettische Präsidentin Vaira Vike-Freiberga - eine gestrenge Freundin der US-Regierung. Kandidat sieben kommt aus Asien, wurde aber erst am Mittwochabend von seiner Regierung angemeldet und war im Sicherheitsrat deshalb noch kein Thema: der frühere afghanische Finanzminister Aschraf Ghani.
Ein Südkoreaner hat beste Chancen
Die Diplomaten haben bisher zwei Testabstimmungen im Sicherheitsrat organisiert. Diese ergaben: Auf dem letzten Platz liegt Dhanapala aus Sri Lanka. Ein Grund ist sein reifes Alter von 67 Jahren - fünf von 15 Staaten im Sicherheitsrat stimmten gegen ihn. Der jordanische Prinz musste vier Gegenstimmen hinnehmen, er gilt mit 42 als zu jung und diplomatisch zu unerfahren. Der putschumwitterte Thailänder Surakiart belegte einen Platz im Mittelfeld.
Besser steht der zweitplatzierte Inder Shashi Tharoor da. Seine große Hürde: Ob die Volksrepublik China einen Kandidaten der Rivalen-Macht Indien akzeptieren wird, ist fraglich. Vor einem ähnlichen Hindernis steht die neue Anwärterin aus Lettland: Russland hat Probleme mit dem Baltikum, seit es sich vor einem Jahrzehnt aus dem Riesenreich gelöst hat.
Da bleibt nur einer übrig: Bei beiden Testabstimmungen lag der Südkoreaner Ban Ki Moon in Führung. im Uno-Sicherheitsrat erhielt er die meisten Stimmen. Nur ein Staat sagte Nein zu ihm - dieses Problem kann man beseitigen. Allerdings nur, wenn es keine der fünf Veto-Mächte USA, Frankreich, Großbritannien, Russland oder China waren, sondern eines der zehn anderen derzeitigen Länder in dem Gremium. In dem Fall sänken Ban Ki Moons Chancen wieder deutlich.
Macht ein Unbekannter das Rennen?
Sprich, noch ist nichts entschieden. In der Geschichte der Uno scheiterten oft die höchsten Favoriten in letzter Minute. Stattdessen siegten Geheimkandidaten. Zum Beispiel Kofi Annan: Bei seiner ersten Wahl zum Generalsekretär 1996 kam der Ghanaer als einer der letzten auf die Kandidatenliste. Am Ende wurde der Unbekannte neuer erster Mann der Uno.
"Den künftigen Generalsekretär kennen wir noch gar nicht", sagt Volker Rittberger, Uno-Experte aus Tübingen. Gegen jeden der bisherigen offiziellen Kandidaten sprechen gute Gründe. Rittberger setzt auf ein Dark Horse, einen Außenseiter.
Die Vorhersagen erschwert, dass sich in der Spitzenpersonalie so viele Interessen so vieler Staaten überlagern - und noch ein paar grundsätzliche Aspekte dazukommen. Ginge es zum Beispiel nach Amtsinhaber Annan, wäre zumindest eine Sache klar: Eine Frau soll künftig die Uno führen. Das forderte er kürzlich.
"Kofi Annan hat sich selbst für eine Frau aus dem Fenster gelehnt", sagt Rittberger, "das darf man nicht unterschätzen." Zwei Kanadierinnen drängen sich nach Meinung des Experten auf, schließlich sei Kanada derzeit das "unanstößigste" Land für die ständigen Mitglieder im Sicherheitsrat: erstens Louise Frechette, die Vize-Generalsekretärin, die schon Erfahrung in der Uno hat. Und zweitens Louise Arbour, Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte, die international hoch anerkannt ist.
Und wer fragt nach der Kompetenz der Kandidaten?
Wer immer es am Ende wird - vor der Abstimmung steht ein harter Machtpoker vor allem zwischen den fünf ständigen Mitgliedern im Sicherheitsrat. Jeder wiegt seine nationalen Interessen sorgsam gegen die der anderen ab. Deals werden geschmiedet, das Grundprinzip ist: Gibst du mir, geb ich dir. Besonders die US-Regierung achtet sorgsam darauf, dass der oder die Neue den strategischen Vorstellungen entspricht. China zum Beispiel hat sich schon festgelegt: Von einem asiatischen Kandidat wolle man nicht abrücken, wird in New York berichtet. Was der US-nahen lettischen Präsidentin nicht gerade hilft.
Die Vollversammlung hat überlegt, diesmal den Wahlprozess zu ändern. Doch das Amt scheint zu wichtig, als dass die fünf Veto-Mächte mehr Demokratie bei der Nachfolge-Wahl wagen wollen. "Über ein offenes Verfahren wurde bisher nur diskutiert", sagt Beate Wagner, Generalsekretärin der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen. "Ein transparenter Wahlprozess für den Generalsekretär wäre enorm wichtig." Ihre Prognose: Letztlich wird Asiens wachsendes politisches Gewicht den Ausschlag geben. "Mit einem Blick auf die Weltpolitik ist zu erkennen, dass man um einen Asiaten nicht herumkommt", sagt Wagner.
Und die Kompetenz der Kandidaten? Wer immer es wird, der nächste Generalsekretär braucht besonders gute fachliche und organisatorische Fähigkeiten, um die künftigen Aufgaben bei der Uno zu stemmen. Da ist die Management-Reform, die unter Kofi Annan begonnen wurde. Sie gehört vorangetrieben. Da ist die häufig gestellte Frage nach Effektivität und Legitimität von Uno-Friedenseinsätzen. Da ist die Entwicklung der armen Staaten, bei denen es neue Ansätze für Hilfe braucht.
Und da ist vor allem die große Reform der Uno. Eine Aufgabe, an der Kofi Annan letztlich gescheitert ist. Wer im Uno-Sicherheitsrat ständiges, nicht ständiges oder halb ständiges Mitglied werden darf und wie groß der Rat ist: Das ist das brisanteste, bis jetzt nicht im Ansatz gelöste Detail. Der oder die Neue muss der Uno ihre Rolle verschaffen - in einer zusehends komplexeren Welt.