Neuer Wehrbeauftragter Königshaus Der Kanonenrohr-Stratege

Er hat sein Amt noch gar nicht angetreten - und ist als Wehrbeauftragter schon kräftig blamiert: Der FDP-Politiker Hellmut Königshaus kassiert wegen seiner Forderung nach schweren Panzern für Afghanistan eine verbale Ohrfeige nach der anderen. Oder ist er bloß ein Sündenbock?

FDP-Mann Königshaus (nach Wahl im Bundestag): Schwerer Start als Wehrbeauftragter
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FDP-Mann Königshaus (nach Wahl im Bundestag): Schwerer Start als Wehrbeauftragter

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Berlin - Falls Hellmut Königshaus, 59, lediglich seine Bekanntheit steigern wollte, hat er sein Ziel erreicht. Bis vor kurzem nahmen nur wenige außerhalb des Bundestags von dem FDP-Abgeordneten aus Berlin Notiz. Dann, in Afghanistan waren gerade drei deutsche Soldaten gefallen, sagte der künftige Wehrbeauftragte einen ziemlich kantigen Satz: "Wer in das Kanonenrohr eines 'Leopard 2' schaut, überlegt es sich zweimal, ob er eine deutsche Patrouille angreift." Die Bundeswehr, so lautete seine Forderung nach dem Osterwochenende, brauche schleunigst Kampfpanzer. Seitdem ist der Name Königshaus im Gespräch.

Das Problem ist nur: nicht im positiven Sinne. Seit Tagen fängt sich der FDP-Mann eine verbale Klatsche nach der anderen ein.

Kanzlerin Angela Merkel watschte ihn am Wochenende indirekt mit dem Satz ab, über Afghanistan sei zuletzt "von vielen Seiten leider viel Inkompetentes" gesagt worden. Befremdet gab sich auch der Verteidigungsminister. "Der Leopard macht zumindest um Kunduz herum nach heutiger Einschätzung alles andere als Sinn", kritisierte Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Und nicht einmal die Bundeswehr, deren Soldaten Königshaus ab dem 12. Mai vertreten soll, konnte mit dessen Vorschlag etwas anfangen. Mit Kanonenrohren ließen sich nun mal keine Herzen gewinnen, ließ die Truppe wissen.

Wohl selten ist ein Politiker derart diskreditiert in eine neue Aufgabe gestolpert, wie Hellmut Königshaus. Es könnten schwierige fünf Jahre für den neuen Wehrbeauftragten werden. Die "Stuttgarter Zeitung" sieht ihn schon "zum ahnungslosen Schwätzer" degradiert. Aber Königshaus nimmt nichts zurück. "Mir ging es grundsätzlich um die Enttabuisierung der schweren Waffen", sagte er am Mittwoch der "Rhein-Zeitung" zu seiner Kanonenrohr-These.

Eigentlich ist Königshaus kein Haudrauf

Dabei gilt der FDP-Politiker eigentlich als Mann der leisen Töne. Als solcher machte sich der ehemalige Richter unter anderem im sogenannten BND-Untersuchungsausschuss einen Namen. Auf die Frage, was ihn begeistere, antwortete Königshaus einmal: "eine brillante Argumentation".

Umso größer die Verwunderung vieler Parlamentskollegen über den jüngsten martialischen Ausbruch des Liberalen, der fachlich zudem höchst fragwürdig ist: Der "Leopard 2" ist viel zu schwer für das kleinteilige und hügelige Einsatzgebiet der Bundeswehr im Norden Afghanistans. Er wurde für mögliche Panzerschlachten gegen die Truppen der Ostblockstaaten konzipiert, nicht für den asymmetrischen Kampf gegen die wendigen Taliban.

Nicht einmal der lange für die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan verantwortliche General Jörg Vollmer, dessen sich der FDP-Mann als Kronzeugen für seine Panzer-Forderung zu bedienen versuchte, steht tatsächlich hinter Königshaus. Vollmer hatte im September 2009 zwar eine umfängliche Mängelliste für die Afghanistan-Mission vorgelegt und eine bessere Ausrüstung für die deutschen Soldaten gefordert. Vom Einsatz des "Leopard 2" sprach Vollmer allerdings nicht: Er mahnte lediglich an, eine "Steigerung der Waffenwirkung auf allen Fahrzeugen" - also den bereits von der Bundeswehr am Hindukusch benutzten - sei "zwingend erforderlich".

Natürlich lässt sich aus den eigenen Reihen niemand mit Kritik am neuen liberalen Wehrbeauftragten zitieren - umso lieber tut das die politische Konkurrenz: Schon bevor von Kabinettseite aus die Unionspolitiker Merkel und Guttenberg Königshaus abkanzelten, hatten sich Vertreter der Opposition auf ihn eingeschossen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil der Wehrbeauftragte vom Parlament eingesetzt wird und in gewisser Weise als überparteiliche Figur agiert. "Abenteuerlich" nannte SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold den Leopard-Vorstoß des künftigen Wehrbeauftragten, "die Aufständischen in Afghanistan würden sich auch von Kampfpanzern nicht beeindrucken lassen". Omid Nouripour, Verteidigungsfachmann der Grünen-Fraktion, warf Königshaus grobe Unkenntnis vor: Die Bundeswehr benötige "keine überflüssigen Ratschläge von selbsternannten Hobbyfeldherrinnen und -feldherrn".

Ist Königshaus nichts als ein Sündenbock?

Mancher stellt die Frage, ob der FDP-Mann möglicherweise seine neue Rolle missverstanden habe: "Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestags ist Anwalt der Soldaten und zugleich ein wichtiges Hilfsorgan des Parlaments bei der Kontrolle der Streitkräfte", heißt es in der Stellenbeschreibung von Königshaus' künftigem Amt.

Anwalt der Soldaten soll der Wehrbeauftragte sein - nicht ihr militärisch-strategischer Planer.

Andererseits, die Wucht der Kritik an Königshaus, besonders nach den Attacken der Kanzlerin und ihres Verteidigungsministers, überrascht dann doch. Nach all den Verfehlungen der deutschen Afghanistan-Politik liegen die Nerven offensichtlich bei allen Beteiligten blank. Wie gerufen kommt daher ein Sündenbock: Hellmut Königshaus. Wer ihn beschimpft, steht selbst weniger im Fokus.

Einer allerdings schweigt: Der SPD-Politiker Reinhold Robbe, der gerade seine letzten Tage als Wehrbeauftragter verbringt. Mag sein, dass er sich grundsätzlich nicht zu Nachfolgern äußert. Weil das die politischen Gepflogenheiten so gebieten.

Aber vielleicht erinnert er sich auch einfach nur an den Wirbel kurz vor seinem eigenen Amtsantritt vor fünf Jahren. Damals schlug ihm ähnliche Empörung entgegen, da er einst den Wehrdienst verweigert hatte. Weil manche meinten, ein Ex-Zivi könne nicht Soldatenbeauftragter werden, wurde Robbe gar der Rückzug nahegelegt.

Es wurde dann eine ruhige Amtszeit. Und selbst aus anderen Parteien ist inzwischen zu hören, Robbe habe seine Sache ausgezeichnet gemacht.

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gloton7, 14.04.2010
1. FDP: völlig unbeschwert von Kompetenz
Zitat von sysopEr hat sein Amt noch gar nicht angetreten - und ist als Wehrbeauftragter schon kräftig blamiert: Der FDP-Politiker Hellmut Königshaus kassiert wegen seiner Forderung nach schweren Panzern für Afghanistan eine verbale Ohrfeige nach der anderen. Oder ist er bloß ein Sündenbock? http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,688728,00.html
Es ist schon erstaunlich, wie unbeschwert von jeder Fachkenntnis die FDP einen Mann zum Wehrbeauftragten macht. Das scheint System zu haben: Außenminister will sich innenpolitisch austoben und merkt nicht einmal, dass er die Gesellschaft spaltet. Ein Wunder, dass in Umfagen die FDP immer noch auf acht Prozent gesehen wird. Sind das die hartnäckigen Rechten, die meinen, nur die FDP verteidigt Deutschland gegen den Kommunismus?
Seifen 14.04.2010
2. Im Gegensatz zu Frau Merkel
habe ich eine solide Panzergrenadierausbildung. Wenn ich mir so das Gelände in Filmen aus Afghanistan so ansehe, komme ich zu dem Schluß das dann der Einsatz von Panzern nach Merkel in deutschen Mittelgebirge unmöglich ist. Bei der nächsten Gelegenheit sollte Frau Merkel mal Bildungsurlaub in einem Panzerbataillon im Mittelgebirge machen. Dann muß sie sich nicht alles erzählen lassen.
Geziefer 14.04.2010
3. Kawumm!
Na, endlich mal eine Idee, wie man "den Taliban" platt machen kann. Mit dem Leo 2! 400 Stück stehen davon noch rum. Jeder mit einer 120 mm - Glattrohrkanone. Wenn Polen, die Ukraine, Weißrussland, Russland, Kasachstan und Usbikistan ihr Einverständnis erklären, können ja wieder Panzer rollen für den Sieg. Oder für den zentralasiatischen Alteisen-Markt...
Maik2005, 14.04.2010
4. Wiederspruch
Und wieso fahren die Kanadier mit deutschen Leopard2 Panzern in Afghanistan herum?
rick.sander 14.04.2010
5. Die arme FDP
nicht nur ihre Politik taugt nichts, auch das Personal ist ein Fehlgriff nach dem Anderen: Westerwelle und seine Reisen, Brüderle, Niebel, Roesler und jetzt Königshaus. Dabei haben sie sowieso eine so dünne Personaldecke. Sie können einem richtig leid tun.
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