Neues Deutschland-Bild Die Sympathie-Weltmeister

Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik"
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Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik"

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Großbritannien - Die Deutschen als Vorbild


Der "Independent" fasste es schon vor dem WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien zusammen. Die Deutschen hätten die WM bereits gewonnen, selbst wenn sie nicht Weltmeister würden, schrieb das Londoner Blatt. "Sie haben nicht nur den Blick der Welt auf ihre Nation verändert, sondern auch, wie Deutschland sich selbst sieht."

Kaum ein britischer Kommentator verpasste es darauf hinzuweisen, dass die deutschen Spieler nicht mehr Karlheinz und Franz hießen, sondern Mesut und Miroslav. Die Multikulti-Elf wurde als Beweis dafür gefeiert, wie modern und weltoffen das Land geworden ist. Auch der Eindruck von der letzten WM wurde bestätigt, dass es einen neuen, harmlosen deutschen Patriotismus gibt.

Dass diese junge Elf auch noch frisch spielte und viele Tore schoss, sorgte auf der Insel für eine gewisse Bewunderung - und nicht selten für unverhohlenen Neid. Viele forderten, sich Deutschland zum Vorbild zu nehmen und die deutsche Nachwuchsarbeit zu imitieren. "Wenn England einen jungen Spielmacher wie Mesut Özil entdeckt - vielleicht aufgewachsen in Dewesbury mit pakistanischer Herkunft -, dann findet die Mannschaft vielleicht einen Weg in die Endphase der WM", schrieb der "Independent".

Das Deutschlandbild des britischen Boulevards ist jedoch nur teilweise verändert. Vor dem Aufeinandertreffen von Deutschland und England im Achtelfinale wurde das übliche Kriegsgeheul angestimmt. Beobachter merkten zwar an, dass es sich seit den neunziger Jahren schon deutlich gebessert habe. Hier und da wurden sogar Sympathien für eine deutsche Elf deutlich, die so anders ist als ihre ungeliebten Vorgänger. Aber es blieben genug Wortspielereien mit "Fritz" und "Hans" übrig.

Den Humor finden auch viele Briten inzwischen etwas altbacken. "Die Spieler des neuen Deutschlands mit Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg aufzuziehen, ist so seltsam wie das Steinigen von Dackeln zu Beginn des Ersten Weltkriegs", schrieb der "Observer"-Kolumnist Henry Porter. Aber die Beziehungen zwischen den beiden Nationen seien wohl so eingefahren, dass die "Sun" auch in 30 Jahren noch lahme Witze über Bratwürste machen werde.

Carsten Volkery, London

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avp 08.07.2010
1. Ersatzbegriffe für Verlierer
Sympathieweltmeister, Weltmeister der Herzen, Gewinner der Konstrukteurswertung, ... alles Bullshitt! Verloren ist verloren, da täuschen solche Verlegenheitstitel auch nicht drüber hinweg.
culcas 08.07.2010
2. Sympathie-Weltmeister?
Schön, dass Deutschland im Ausland als sympathisch gilt. Ich lebe in Berlin und habe das Glück, mich hier als Gastarbeiter wohl zu fühlen. Mein größter Wunsch wäre es jedoch, kurz vor und während einer WM, Deutschland zu verlassen und erst nach dem Ausscheiden der Mannschaft zurückzukehren. Nicht aus Neid weil Deutschland oft weit kommt. Es ist diese intolerante, überhebliche und z.T. beleidigende Art und Weise der "Fans" hirzulande (besser: Eventfans mit der Lizenz zum Saufen und alles nieder machen was nicht deutsch ist), welche es unmöglich macht, Fußball aus rein sportlicher Sicht zu verfolgen, also mit OBJEKTIVITÄT und RESPEKT dem Gegner gegenüber. Kurz vor der WM waren Demos gegen den "bösen-Ballack-Treter" Boateng geplant...sehr Weltoffen und freundlich... die Bolulevard-Presse (keiner will es gekauft haben, frage mich aber wo die 4 Mio. Exemplare täglich landen...) hetzt gegen "Italo-Opas", "Treter-Serben" und "Schläger-Spanier"...nicht nur die ausländische Presse kritisieren... Es ist so weit gekommen, dass in Deutschland lebende Landsleute in den einheimischen Internet-Foren (Sport-/Tageszeitungen) aus o.g. Gründen davor abraten für Deutschland die Daumen zu drücken. Deshalb ist die Frage berechtfertigt (welche bereits ein Forumsteilnehmer stellte) in wie weit eine Fußball-Mannschaft die Wahrheit widerspiegeln kann.
haltetdendieb 08.07.2010
3. Sympathie-Weltmeister...Das hört sich an wie Schalke 04
"Die Sympathie-Weltmeister" Das hört sich an wie Schalke 04 und Bayer Leverkusen auf einen Schlag! Dann wird es die nächsten 100 Jahre nichts mit dem Titel, denn wir wollen uns die Sympathie doch mit niemanden verscherzen!
Fritz Katzfuß 08.07.2010
4. Der schönste Fußball
der Welt. Jawoll. Wir verloren, als wir unbedingt gewinnen wollten.
Subcommandante_M, 08.07.2010
5. Sympathieweltmeister
Zitat von sysopSie sind raus aus dem Titel-Rennen, doch Schweinsteiger, Özil, Khedira und Co. haben trotzdem begeistert - auch im Ausland. Löws junge Truppe steht international für ein lockeres, bunteres Deutschland. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondenten auf drei Kontinenten schildern, wie uns die Welt nun sieht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,705194,00.html
... und die Woge der Sympathie ist doch auch sehr viel wert, wahrscheinlich sogar mehr für jeden von uns als wenn wir - IMHO unverdient - gegen Spanien gewonnen hätten. Mir bedeutet es auf jeden Fall etwas im Ausland als sympathisch wahrgenommen zu werden und nicht ausschließlich als teutonischer Exportweltmeister.
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