Neues Deutschland-Bild Die Sympathie-Weltmeister

Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik"
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Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik"

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Russland - Verblüfft von der Multikulti-Truppe


Zwei neue Einsichten haben die Russen bei dieser WM über Deutschland gewonnen. Zum einen, dass die Deutschen genauso abergläubisch sind wie die Russen selbst und angesichts des unheilvollen Orakelspruchs eines Oktopus im Angesicht ihrer spanischen Gegner schier erstarren. Zum anderen, dass jene "typisch deutschen" Qualitäten wie Team- und Kampfgeist keine Frage des Stammbaums sind.

Als die junge deutsche Mannschaft zu ihrem Auftaktspiel gegen Australien auflief, traute Russland seinen Augen nicht. "Wundern Sie sich nicht", sagte der Kommentator des russischen Staatsfernsehens, "Özil, Khedira und Cacau, das sind keine typisch deutschen Namen." Weite Teile der ersten Hälfte wandte der Reporter dafür auf, den Zuschauern zwischen St. Petersburg und Wladiwostok die Wurzeln der deutschen Multikulti-Truppe näherzubringen. "Ob dieses Team aber auch über die vornehmsten Tugenden einer deutschen Mannschaft verfügt, das muss sich erst noch zeigen."

Russlands Zweifel am Deutschtum von Joachim Löws Team verebbten nach dem Seitenwechsel, in Halbzeit zwei pries der TV-Kommentator fortan den fulminanten Angriffswirbel - und phantasierte bei Deutschlands Gala gegen Argentinien lustvoll von einem "Blitzkrieg", als hätte nicht Russland im Zweiten Weltkrieg den mit Abstand höchsten Blutzoll entrichtet.

Nach dem 4:0 gegen Messi und Co. überschrieben Moskauer Journalisten ihre Spielberichte mit "Maradona kaputt", in Anspielung an "Hitler kaputt", jenen Ausspruch aus den Zeiten des Großen Vaterländischen Krieges, der seitdem zum geflügelten Wort in Russland geworden ist - und mit dem russische Hooligans noch immer jedes deutsche Team begrüßen, das in Moskau oder St. Petersburg ein Europacup-Auswärtsspiel austragen muss.

Wenn aber Russen etwa von "deutschen Panzern" sprechen und andere Kriegsanleihen tätigen, dann gilt das anders als etwa in Großbritannien als Bekundung des Respekts, nicht als Schmähung: Deutsche gelten Russen als beste aller Ausländer.

Einigermaßen verblüfft rapportieren russische Deutschlandkorrespondenten zudem in die Heimat, "Germanija" sei ein einig Flaggenmeer und zwischen Berlin und München eine erstaunliche "Fußballmanie" ausgebrochen.

"Was mich besonders beeindruckt", so ein Reporter des "Jeschednjewnij Journal", "ist dieser deutsche Patriotismus von jungen Leuten, die meist nur mäßig angetrunken sind." Anders als ihn der Heimat müsse man die fahnenschwenkenden Horden in Deutschland nie mit Sorge betrachten, zumal die Fahnen bald nach dem Turnier wieder verschwinden.

Letztlich habe Deutschland nun endlich jenes "unausgesprochene Tabu" kassiert, aufgrund der Erfahrungen aus der Nazizeit nicht mehr Flagge zu zeigen - und so endlich einen nationalen Komplex überwunden.

Benjamin Bidder, Moskau

insgesamt 83 Beiträge
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avp 08.07.2010
1. Ersatzbegriffe für Verlierer
Sympathieweltmeister, Weltmeister der Herzen, Gewinner der Konstrukteurswertung, ... alles Bullshitt! Verloren ist verloren, da täuschen solche Verlegenheitstitel auch nicht drüber hinweg.
culcas 08.07.2010
2. Sympathie-Weltmeister?
Schön, dass Deutschland im Ausland als sympathisch gilt. Ich lebe in Berlin und habe das Glück, mich hier als Gastarbeiter wohl zu fühlen. Mein größter Wunsch wäre es jedoch, kurz vor und während einer WM, Deutschland zu verlassen und erst nach dem Ausscheiden der Mannschaft zurückzukehren. Nicht aus Neid weil Deutschland oft weit kommt. Es ist diese intolerante, überhebliche und z.T. beleidigende Art und Weise der "Fans" hirzulande (besser: Eventfans mit der Lizenz zum Saufen und alles nieder machen was nicht deutsch ist), welche es unmöglich macht, Fußball aus rein sportlicher Sicht zu verfolgen, also mit OBJEKTIVITÄT und RESPEKT dem Gegner gegenüber. Kurz vor der WM waren Demos gegen den "bösen-Ballack-Treter" Boateng geplant...sehr Weltoffen und freundlich... die Bolulevard-Presse (keiner will es gekauft haben, frage mich aber wo die 4 Mio. Exemplare täglich landen...) hetzt gegen "Italo-Opas", "Treter-Serben" und "Schläger-Spanier"...nicht nur die ausländische Presse kritisieren... Es ist so weit gekommen, dass in Deutschland lebende Landsleute in den einheimischen Internet-Foren (Sport-/Tageszeitungen) aus o.g. Gründen davor abraten für Deutschland die Daumen zu drücken. Deshalb ist die Frage berechtfertigt (welche bereits ein Forumsteilnehmer stellte) in wie weit eine Fußball-Mannschaft die Wahrheit widerspiegeln kann.
haltetdendieb 08.07.2010
3. Sympathie-Weltmeister...Das hört sich an wie Schalke 04
"Die Sympathie-Weltmeister" Das hört sich an wie Schalke 04 und Bayer Leverkusen auf einen Schlag! Dann wird es die nächsten 100 Jahre nichts mit dem Titel, denn wir wollen uns die Sympathie doch mit niemanden verscherzen!
Fritz Katzfuß 08.07.2010
4. Der schönste Fußball
der Welt. Jawoll. Wir verloren, als wir unbedingt gewinnen wollten.
Subcommandante_M, 08.07.2010
5. Sympathieweltmeister
Zitat von sysopSie sind raus aus dem Titel-Rennen, doch Schweinsteiger, Özil, Khedira und Co. haben trotzdem begeistert - auch im Ausland. Löws junge Truppe steht international für ein lockeres, bunteres Deutschland. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondenten auf drei Kontinenten schildern, wie uns die Welt nun sieht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,705194,00.html
... und die Woge der Sympathie ist doch auch sehr viel wert, wahrscheinlich sogar mehr für jeden von uns als wenn wir - IMHO unverdient - gegen Spanien gewonnen hätten. Mir bedeutet es auf jeden Fall etwas im Ausland als sympathisch wahrgenommen zu werden und nicht ausschließlich als teutonischer Exportweltmeister.
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