Neues Deutschland-Bild Die Sympathie-Weltmeister

Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik"
AFP

Jubelndes DFB-Team (nach dem England-Spiel): "Jugend, Frische, Dynamik"

Von , , , Anne Onken, , , und

Skandinavien - "Es ist hip, zu Deutschland zu halten."


Der Literaturkritiker Jens Christian Brandt von der Zeitung "Aftenposten" hat eine interessante These: Für ihn endete der Zweite Weltkrieg erst vor einigen Tagen. Und zwar mit einem Kommentar der britischen BBC über das Fußballspiel des einstiges Weltkriegsgegners Deutschland: "Wir haben die beste Mannschaft der WM gesehen", befand der Sender.

Für Brandt ist der Fall klar: Bislang seien sich die Fußballästhetiker weltweit in ihren Abneigung gegen "Marschkolonnen, Kollektivismus und Stahlhelme" einig gewesen. Aber: "Diesen Sommer ist alles anders", so der Autor in "Aftenposten".

Skandinavien hat Deutschland nicht immer geliebt - in Norwegen und Dänemark saßen die Erinnerungen an die deutsche Besatzung tief. Jogi Löws multikulturelle Truppe aber sorgt überall für Respekt. Nicht nur wegen ihres Fußballs.

Autor Brandt, der aus Skandinavien als Journalist über Deutschland berichtet, sinniert darüber, was die "schnellen überraschenden Pässe" der deutschen Mannschaft kulturell und politisch bedeuten. Auf der Ehrentribüne habe es eine leise Revolution gegeben - neben all den schwarzgekleideten Männern sitze plötzlich eine Frau in strahlenden roten Kleidern: Merkel. Ihr Vorgänger Gerhard Schröder habe zwar versprochen, Deutschland solle ein multikulturelles Land werden, und Merkel habe keine Zigarre, um damit zu wedeln, aber nach dem Sieg gegen Australien "heißen die Stars plötzlich Özil, Khedira und Podolski. Jetzt sind es Migranten aus der zweiten und dritten Generation, die sich darauf spezialisiert haben, die Gegner zu verwirren."

In Norwegen hat sich das Deutschlandbild in den vergangenen 20 Jahren geändert - zuletzt sorgte Eurovision-Siegerin Lena für Jubel. "Das Bild von Deutschland ist durch Mauerfall und Wiedervereinigung nuancierter geworden", sagt der norwegische Publizist und Politikwissenschaftler Nils Morten Udgaard. In politischen Kreisen sei Deutschland erste Wahl - die erste Reise des Außenministers gehe stets nach Berlin.

Zwar orientieren sich die Norweger in Sachen Fußball traditionell eher nach England, dorthin fliegt zu Spielen regelmäßig eine große Fangemeinde.

Aber die deutsche Mannschaft hat sich Respekt verschafft.

Der norwegische Autor Aslak Nore nimmt Löws Multikultitruppe gar zum Anlass, dem Nachbarland Dänemark - das sich als einziges skandinavisches Land für die WM qualifizierte - eins auszuwischen. In seinem Beitrag "Die roten Weißen" schreibt er, die dänische Nationalmannschaft, in der es keine Einwanderer gibt, symbolisiere die Fremdenfeindlichkeit im Land. In den achtziger Jahren habe er den dänischen Fußball geliebt und den deutschen, mechanischen Zynismus beinahe verabscheut - jetzt sei es genau andersherum.

Die linksliberale dänische Zeitung "Politiken" titelte: "Die neue Trikolore ist schwarz-rot-gold", und holt zum Loblied aus. Zwei Generationen nach dem Krieg sei Deutschland endlich auf dem Weg zurück in die Rolle Europas führender Kulturnation. Das deutsche Integrationsmodell könne zum Vorbild für Europa werden, schreibt Journalist Mogensen.

Auch in der dänischen Politik herrscht Begeisterung: "Es ist jetzt hip, zu Deutschland zu halten", sagt Klimaministerin Lykke Friis. Die Ministerin ist seit langem als Anhängerin von Bayern München bekannt, stand aber damit stets völlig allein da: "Als Kind wurde ich verhöhnt, weil ich für Deutschland war. Jetzt kommen alle möglichen Leute zu mir und sagen, dass sie den Deutschen die Daumen drücken."

Anna Reimann, Berlin

insgesamt 83 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
avp 08.07.2010
1. Ersatzbegriffe für Verlierer
Sympathieweltmeister, Weltmeister der Herzen, Gewinner der Konstrukteurswertung, ... alles Bullshitt! Verloren ist verloren, da täuschen solche Verlegenheitstitel auch nicht drüber hinweg.
culcas 08.07.2010
2. Sympathie-Weltmeister?
Schön, dass Deutschland im Ausland als sympathisch gilt. Ich lebe in Berlin und habe das Glück, mich hier als Gastarbeiter wohl zu fühlen. Mein größter Wunsch wäre es jedoch, kurz vor und während einer WM, Deutschland zu verlassen und erst nach dem Ausscheiden der Mannschaft zurückzukehren. Nicht aus Neid weil Deutschland oft weit kommt. Es ist diese intolerante, überhebliche und z.T. beleidigende Art und Weise der "Fans" hirzulande (besser: Eventfans mit der Lizenz zum Saufen und alles nieder machen was nicht deutsch ist), welche es unmöglich macht, Fußball aus rein sportlicher Sicht zu verfolgen, also mit OBJEKTIVITÄT und RESPEKT dem Gegner gegenüber. Kurz vor der WM waren Demos gegen den "bösen-Ballack-Treter" Boateng geplant...sehr Weltoffen und freundlich... die Bolulevard-Presse (keiner will es gekauft haben, frage mich aber wo die 4 Mio. Exemplare täglich landen...) hetzt gegen "Italo-Opas", "Treter-Serben" und "Schläger-Spanier"...nicht nur die ausländische Presse kritisieren... Es ist so weit gekommen, dass in Deutschland lebende Landsleute in den einheimischen Internet-Foren (Sport-/Tageszeitungen) aus o.g. Gründen davor abraten für Deutschland die Daumen zu drücken. Deshalb ist die Frage berechtfertigt (welche bereits ein Forumsteilnehmer stellte) in wie weit eine Fußball-Mannschaft die Wahrheit widerspiegeln kann.
haltetdendieb 08.07.2010
3. Sympathie-Weltmeister...Das hört sich an wie Schalke 04
"Die Sympathie-Weltmeister" Das hört sich an wie Schalke 04 und Bayer Leverkusen auf einen Schlag! Dann wird es die nächsten 100 Jahre nichts mit dem Titel, denn wir wollen uns die Sympathie doch mit niemanden verscherzen!
Fritz Katzfuß 08.07.2010
4. Der schönste Fußball
der Welt. Jawoll. Wir verloren, als wir unbedingt gewinnen wollten.
Subcommandante_M, 08.07.2010
5. Sympathieweltmeister
Zitat von sysopSie sind raus aus dem Titel-Rennen, doch Schweinsteiger, Özil, Khedira und Co. haben trotzdem begeistert - auch im Ausland. Löws junge Truppe steht international für ein lockeres, bunteres Deutschland. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondenten auf drei Kontinenten schildern, wie uns die Welt nun sieht. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,705194,00.html
... und die Woge der Sympathie ist doch auch sehr viel wert, wahrscheinlich sogar mehr für jeden von uns als wenn wir - IMHO unverdient - gegen Spanien gewonnen hätten. Mir bedeutet es auf jeden Fall etwas im Ausland als sympathisch wahrgenommen zu werden und nicht ausschließlich als teutonischer Exportweltmeister.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.