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08. Juli 2010, 14:51 Uhr

Neues Deutschland-Bild

Die Sympathie-Weltmeister

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Sie sind raus aus dem Titel-Rennen, doch Schweinsteiger, Özil, Khedira und Co. haben trotzdem begeistert - auch im Ausland. Löws junge Truppe steht international für ein lockeres, bunteres Deutschland. SPIEGEL-ONLINE-Korrespondenten auf drei Kontinenten schildern, wie uns die Welt nun sieht.

Es gibt diesen vielzitierten Spruch vom früheren englischen Nationalspieler Gary Lineker: "Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen." Es ist ein Satz, der Respekt ausdrückt und ein bisschen Verzweiflung.

Der Satz vermittelt ein Bild vom Spiel einer Mannschaft und damit auch von ihrem Wesen: die grätschenden, kämpfenden, rackernden, Ärmel hochkrempelnden Deutschen. Hinten das Tor dichthalten und vorn auf ein bisschen Glück hoffen. Das war oft das Spiel des DFB-Teams in den Achtzigern und frühen Neunzigern, in denen Lineker auf dem Platz stand.

Das Bild von den disziplinierten, langweiligen Deutschen hielt sich lang, war wie in Stein gemeißelt. Bis zur Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Die Mannschaft spielte anders, offensiver - und der Gastgeber feierte mit den anderen Nationen ein entspanntes vierwöchiges Fest. Herzlich und weltoffen.

Und jetzt?

Deutschland ist in Südafrika im Halbfinale an Spanien gescheitert. Mesut Özil, Sami Khedira, Bastian Schweinsteiger und die anderen spielen gegen Uruguay nur noch um Platz drei. Haben sie mit ihrem leichtfüßigen Spiel, das Zuschauer daheim und im Ausland begeisterte, einen weiteren Beitrag für ein neues Deutschlandbild geleistet? SPIEGEL-ONLINE-Korrespondenten haben sich umgehört:

Es ist noch gar nicht so lange her: Mitte Juni, das französisch-deutsche Verhältnis dümpelte mal wieder auf eine Krise zu, überschrieb der "Figaro" eine Kritik an der beinharten Ablehnung der Kanzlerin gegen eine europäische "Wirtschaftsregierung" nur mit "Angela Merkel über alles". Seit dem verbalen Tiefschlag des Blattes, das gemeinhin als Sprachrohr des Präsidenten Nicolas Sarkozy gilt und unter Medienvertretern den Spitznamen "Elysée-Prawda" trägt, sind wechselvolle Wochen ins Land gegangen.

Sarkozy ist nicht nur durch Affären und Skandale geschwächt, obendrein mussten die "Bleus" nach einer üblen Dauerserie peinlicher Niederlagen, nach internen Querelen und einem Trainingsstreik aus dem WM-Land Südafrika die Heimreise antreten. Die Schmach quälte Frankreichs Staatschef so sehr, dass er Fußballstar Thierry Henry in den Elysée einbestellte und das Parlament Trainer Raymond Domenech zur Anhörung vorlud.

Und kaum hat die Nation dem Trikoloren-Team mit Abscheu den Rücken gekehrt, gilt ausgerechnet den Nachbarn eine schulterklopfende Sympathie. Das Team von Joachim Löw - in Frankreich als "la Mannschaft" apostrophiert - wird fast zum sportiven Vorbild gekürt: "Wie schön ist diese Crew", freut sich "Le Monde" nach dem Sieg über Argentinien und dekliniert den Elogen-Segen der Fans über die "deutschen Eroberer" herunter: "Wunder der Jugend, Frische, Dynamik, Enthusiasmus, Spontaneität, Wagemut, Intelligenz".

Die oft verschmähte Bundesrepublik hat sich auch in die Herzen der französischen Fußballanhänger gedribbelt, selbst jenseits des Rheins, wo die martialischen Teutonen-Kicker ziemlich umstritten waren. "Ohne das Gewicht der Geschichte zu bemühen oder Reste von Germanophobie", kommentiert das Blatt, "der Traumatismus, der durch die Attacke von Harald Schumacher gegen Patrick Battiston beim berühmten Halbfinale in Sevilla 1982 provozierte, hatte bislang alle Versuche einer Verführung dauerhaft ruiniert."

Vorbei, das war einmal. Zwar wird, unter Bedienung der üblichen Klischees, das Spiel der Deutschen als "Autobahn-Fußball" beschrieben oder als "ein Bolide im fünften Gang auf einer Schnellstraße ohne Geschwindigkeitsbeschränkung". Aber daneben wird nicht nur die "Spielphilosophie" der Deutschen analysiert, sondern die verjüngte Equipe nachgerade als visionäres Zukunftsmuster gepriesen.

Politisch verblüffend in einem Land, das eine von Vorurteilen geprägte bittere Abgrenzungsdebatte über nationale Identität gerade hinter sich hat: Selbst der Migrantenanteil des deutschen Teams kommt noch positiv zur Geltung, ja, als überzeugender Beweis einer gelungenen Integrationspolitik - Modell Multikulti.

Stefan Simons, Paris

Der "Independent" fasste es schon vor dem WM-Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien zusammen. Die Deutschen hätten die WM bereits gewonnen, selbst wenn sie nicht Weltmeister würden, schrieb das Londoner Blatt. "Sie haben nicht nur den Blick der Welt auf ihre Nation verändert, sondern auch, wie Deutschland sich selbst sieht."

Kaum ein britischer Kommentator verpasste es darauf hinzuweisen, dass die deutschen Spieler nicht mehr Karlheinz und Franz hießen, sondern Mesut und Miroslav. Die Multikulti-Elf wurde als Beweis dafür gefeiert, wie modern und weltoffen das Land geworden ist. Auch der Eindruck von der letzten WM wurde bestätigt, dass es einen neuen, harmlosen deutschen Patriotismus gibt.

Dass diese junge Elf auch noch frisch spielte und viele Tore schoss, sorgte auf der Insel für eine gewisse Bewunderung - und nicht selten für unverhohlenen Neid. Viele forderten, sich Deutschland zum Vorbild zu nehmen und die deutsche Nachwuchsarbeit zu imitieren. "Wenn England einen jungen Spielmacher wie Mesut Özil entdeckt - vielleicht aufgewachsen in Dewesbury mit pakistanischer Herkunft -, dann findet die Mannschaft vielleicht einen Weg in die Endphase der WM", schrieb der "Independent".

Das Deutschlandbild des britischen Boulevards ist jedoch nur teilweise verändert. Vor dem Aufeinandertreffen von Deutschland und England im Achtelfinale wurde das übliche Kriegsgeheul angestimmt. Beobachter merkten zwar an, dass es sich seit den neunziger Jahren schon deutlich gebessert habe. Hier und da wurden sogar Sympathien für eine deutsche Elf deutlich, die so anders ist als ihre ungeliebten Vorgänger. Aber es blieben genug Wortspielereien mit "Fritz" und "Hans" übrig.

Den Humor finden auch viele Briten inzwischen etwas altbacken. "Die Spieler des neuen Deutschlands mit Anspielungen auf den Zweiten Weltkrieg aufzuziehen, ist so seltsam wie das Steinigen von Dackeln zu Beginn des Ersten Weltkriegs", schrieb der "Observer"-Kolumnist Henry Porter. Aber die Beziehungen zwischen den beiden Nationen seien wohl so eingefahren, dass die "Sun" auch in 30 Jahren noch lahme Witze über Bratwürste machen werde.

Carsten Volkery, London

Das deutsch-niederländische Verhältnis gilt traditionell als angespannt - auch 60 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg stellt sich reflexartiges Misstrauen ein, wenn es um Fußball geht. Zwar liegt das kritische Fußballereignis nun auch schon einige Jahre zurück - 1974 verlor das niederländische Team im WM-Finale 2:1 gegen Deutschland. Doch noch immer erinnern sich die Niederländer mit Grauen an den Tag, an dem Johan Cruyff mit seinem Oranje-Team vom Platz schlich.

So ist auch das Verhältnis noch heute ein schwieriges. Deutsche Touristen haben den Eindruck, die Niederländer ließe das DFB-Team kalt. Im Küstenort Zaandvoort sitzt eine Hamburgerin bei drückender Hitze fast allein im Café, als das Spiel England gegen Deutschland übertragen wird. "Aber bei jedem Tor, das das deutsche Team schoss, wurde der Fernseher leiser gestellt." Vorbeilaufende Passanten machen fiese Kommentare, ihre niederländische Freundin mahnt, lieber Holländisch zu sprechen: damit sie nicht gleich als Deutsche erkennbar sei.

Hämisch wurde auch von den niederländischen Medien die Prognose des Oktopus-Orakels Paul aufgenommen, die deutsche Nationalelf werde im Halbfinale gegen Spanien verlieren. Die "Volkskrant" griff die Geschichte beherzt auf - und hat ein Video von dem Wunder-Weichtier gleich mit verlinkt.

Doch es gibt auch Hoffnung: Viele sehen den Einsatz von Angreifer Arjen Robben und Trainer Louis van Gaal in Deutschland bei Bayern München mit Wohlwollen. Es habe die Länder ein Stück weit zusammengebracht. Chris Tempelman, Redakteur beim niederländischen Fachblatt "Voetbal International", glaubt, dass die Deutschen niederländischen Fußball spielen - und umgekehrt.

Anne Onken, Berlin

Zwei neue Einsichten haben die Russen bei dieser WM über Deutschland gewonnen. Zum einen, dass die Deutschen genauso abergläubisch sind wie die Russen selbst und angesichts des unheilvollen Orakelspruchs eines Oktopus im Angesicht ihrer spanischen Gegner schier erstarren. Zum anderen, dass jene "typisch deutschen" Qualitäten wie Team- und Kampfgeist keine Frage des Stammbaums sind.

Als die junge deutsche Mannschaft zu ihrem Auftaktspiel gegen Australien auflief, traute Russland seinen Augen nicht. "Wundern Sie sich nicht", sagte der Kommentator des russischen Staatsfernsehens, "Özil, Khedira und Cacau, das sind keine typisch deutschen Namen." Weite Teile der ersten Hälfte wandte der Reporter dafür auf, den Zuschauern zwischen St. Petersburg und Wladiwostok die Wurzeln der deutschen Multikulti-Truppe näherzubringen. "Ob dieses Team aber auch über die vornehmsten Tugenden einer deutschen Mannschaft verfügt, das muss sich erst noch zeigen."

Russlands Zweifel am Deutschtum von Joachim Löws Team verebbten nach dem Seitenwechsel, in Halbzeit zwei pries der TV-Kommentator fortan den fulminanten Angriffswirbel - und phantasierte bei Deutschlands Gala gegen Argentinien lustvoll von einem "Blitzkrieg", als hätte nicht Russland im Zweiten Weltkrieg den mit Abstand höchsten Blutzoll entrichtet.

Nach dem 4:0 gegen Messi und Co. überschrieben Moskauer Journalisten ihre Spielberichte mit "Maradona kaputt", in Anspielung an "Hitler kaputt", jenen Ausspruch aus den Zeiten des Großen Vaterländischen Krieges, der seitdem zum geflügelten Wort in Russland geworden ist - und mit dem russische Hooligans noch immer jedes deutsche Team begrüßen, das in Moskau oder St. Petersburg ein Europacup-Auswärtsspiel austragen muss.

Wenn aber Russen etwa von "deutschen Panzern" sprechen und andere Kriegsanleihen tätigen, dann gilt das anders als etwa in Großbritannien als Bekundung des Respekts, nicht als Schmähung: Deutsche gelten Russen als beste aller Ausländer.

Einigermaßen verblüfft rapportieren russische Deutschlandkorrespondenten zudem in die Heimat, "Germanija" sei ein einig Flaggenmeer und zwischen Berlin und München eine erstaunliche "Fußballmanie" ausgebrochen.

"Was mich besonders beeindruckt", so ein Reporter des "Jeschednjewnij Journal", "ist dieser deutsche Patriotismus von jungen Leuten, die meist nur mäßig angetrunken sind." Anders als ihn der Heimat müsse man die fahnenschwenkenden Horden in Deutschland nie mit Sorge betrachten, zumal die Fahnen bald nach dem Turnier wieder verschwinden.

Letztlich habe Deutschland nun endlich jenes "unausgesprochene Tabu" kassiert, aufgrund der Erfahrungen aus der Nazizeit nicht mehr Flagge zu zeigen - und so endlich einen nationalen Komplex überwunden.

Benjamin Bidder, Moskau

Während südafrikanische Kommentatoren Bastian Schweinsteiger mit Hitler vergleichen und sich darüber aufregen, wie er auf dem Spielfeld Befehle bellt, als würde er nicht Fußball spielen, sondern Osama Bin Laden jagen, fällt Italien nicht herein auf alte Klischees. "Panzer" nennt die deutschen Spieler kaum noch jemand. In Italien ist klar, das DFB-Team hat verdient gegen die "spanischen Matadore" verloren - aber trotzdem zählen sie Deutschland zu den Gewinnern der WM. Sozusagen als Trostpreis verlieh der "Corriere dello Sport" den Fashion-Award der WM an Trainer Jogi Löw - für seinen V-Pullover aus blauem Kaschmir, "dieser Stil wird Mode machen".

Grund für die Niederlage der Deutschen, so sagten es viele am Mittwoch auf den Public-Viewing-Plätzen in Rom und meinten es ernst: Es fehlte im Stadion von Durban, das deutsche Maskottchen, daran werde es wohl gelegen haben.

Merkel wirkt "buffa", ein bisschen komisch

Nach dem Sieg gegen Argentinien war die Kanzlerin hier so präsent wie selten, Italien lag ihr zu Füßen. Mangels eigener Fußballfortuna druckten die Zeitungen auf ihren Titelseiten wieder und wieder die Fotos von Merkels Jubelschreien nach dem Viertelfinale - und freuten sich mit ihr und mit der deutschen "Multikulti-Mannschaft".

Zu sehen war eine kleine, dickliche Frau im roten Jackett, die von ihrem Stuhl im Stadion aufspringt, ihre Arme in die Luft reißt und brüllt wie ein Fan. Gewiss, "La Angelona", die körpermächtige Angela, entspricht so gar nicht dem gängigen Schönheitsideal einer Frau in Italien, sie hat mehr an, trägt Brille, ist ungeschminkt und uneitel - sie wirkt "buffa", ein bisschen komisch, aber überzeugender als der glatt geliftete Silvio Berlusconi.

"Ungelenk, aber mutig: Angelas Sieg", titelte daher die Tageszeitung "Corriere della Sera" und räumte auf mit dem Vorurteil, die als "eisenhart" verschriene Kanzlerin würde den Deutschen Unglück bringen, sie ersticke an den Problemen daheim nach dem Wahldebakel um den Bundespräsidenten. In Italien wurde Deutschlands starkes Spiel als Merkels persönlicher Triumph gesehen, weil die Kanzlerin ihre Mannschaft vor Ort anfeuerte und in den Sieg führte. "Unsere Angela, der 12. Mann im Spielfeld", freute sich der "Corriere". So viel ausgelebte Fußballleidenschaft beeindruckte die Italiener, sie ließen sich verführen von einem Spielsystem, das sie nicht kopieren konnten, und einer Freude, die sie selbst verloren hatten.

Überhaupt herrscht in Italien seit ihrem ruhmlosen Ausschied in der Vorrunde kein verzagtes Beleidigtsein: Nicht nur die Zeitungen sind voll - auch die Public-Viewing-Plätze, wo man nach deutschem Vorbild "Fan-Feste" wie zur WM 2006 feiert mit Großbildschirmen, Plastikrasen, Sonnensegeln und Bierständen. Und nicht nur deutsche Touristen kommen etwa in die Villa Borghese in Rom, sondern auch italienische Fans. Es ist, als verdrehten sich hier die Klischees: Die Deutschen waren den Italienern sympathisch - und Italiener gönnten ihnen den Erfolg.

"Dass die Deutschen jung sind und multiethnisch", wusste man, aber neu und überraschend sei, wie "unterhaltsam" sie dabei rüberkämen, erkannte neidlos "La Stampa" an und lobte, dass die deutsche Mannschaft nach dem Viertelfinalsieg "lacht und Spaghetti isst". "Man sollte nie den Fehler machen, eine Nationalmannschaft mit einer Nation gleichzusetzen, aber es gibt Momente, da geht es nicht anders. Wenn wir doch nur so spielen könnten wie die Deutschen" - kommentierte der "Corriere" und bezog sich damit nicht nur auf Fußball.

Fiona Ehlers, Rom

Irgendwann, als Ajala Hasson, Moderatorin des Ersten Israelischen Fernsehens, zum wiederholten Male von der deutschen Nationalelf schwärmte, sagte ihre Tochter: "Mama, wie kannst du für die Deutschen sein, Oma hat doch mit den Partisanen gegen die Nazis gekämpft!" Aber für Ajala Hasson sind das zwei verschiedene Dinge: der Holocaust, den man nicht vergessen darf, und die deutsche Nationalelf, über die man sich freuen darf. "Die Deutschen sind die Einzigen, die bei dieser WM Fußball gespielt haben", sagt Hasson.

Noch mehr als die deutsche Nationalmannschaft mag die israelische Journalistin allerdings Angela Merkel. "Eine tolle Frau!", sagt sie. Merkel hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Einstellung der Israelis zu Deutschland in den vergangenen Jahren immer freundlicher geworden ist. Sie durfte als erste deutsche Regierungschefin vor dem israelischen Parlament sprechen und bedankte sich mit einem Bekenntnis zur Solidarität. ("Israels Sicherheit ist für Deutschland nicht verhandelbar.")

Die Bundesrepublik gilt, gleich hinter den Vereinigten Staaten, als wichtigster Verbündeter. Die Flüge von Tel Aviv nach Berlin sind oft ausgebucht, und die Deutschkurse an den Goethe-Instituten in Tel Aviv und Jerusalem haben Konjunktur. Im Alltag sind deutsche Produkte wie Müller-Joghurt oder Knorr-Suppen nicht nur selbstverständlich, manche Firma wirbt sogar dezidiert mit dem Hinweis "Made in Germany", so wie neulich das Unternehmen Zeiss auf einer ganzseitigen Zeitungsanzeige für ihre Brillengläser.

Auch wenn Israelis das Wort nicht in den Mund nehmen: Normalisiert hat sich über die vergangenen Jahre viel in den deutsch-israelischen Beziehungen. Aber sich als Fan der deutschen Nationalelf zu outen, galt bislang als Tabu. "Wenn ich sage, dass ich ein Deutschland-Fan bin, verziehen einige das Gesicht", erzählt der Sänger Dudu Aharon. "Natürlich stört mich das, aber was soll ich tun? Soll ich lügen und sagen, dass ich Brasilien-Fan bin?"

Jeder Dritte wünschte Deutschland den WM-Titel

Doch trauten sich während der WM immer mehr Israelis, ihre Liebe zur deutschen Nationalelf zu erklären. Und die Deutschen gewannen immer mehr Anhänger. Das Meinungsforschungsinstitut "Dachaf" befragte vor der Halbfinal-Niederlage gegen Spanien rund 500 Israelis, wer Weltmeister werden sollte. Jeder dritte Israeli sprach sich für die Deutschen aus. Und die größte Tageszeitung "Jediot Acharonot" titelte: "Das andere Deutschland".

Die Fußball-WM hat das Verhältnis zwischen den beiden Völkern verbessert, zwischen den Regierungen beider Länder kriselt es dagegen seit einiger Zeit. Da war die ziemlich dreiste Forderung Jerusalems, Merkel möge über die Siedlungen im Westjordanland nicht öffentlich sprechen. Oder die Liquidierung des Hamas-Führers Mahmud al-Mabhuh durch den Mossad in Dubai, bei auch ein deutscher Pass zum Einsatz kam; oder zuletzt das israelische Verbot, der deutsche Entwicklungsminister dürfe nicht den Gaza-Streifen besuchen.

Doch bei den deutschen Fußballern wird sogar der Premierminister und Hardliner Benjamin Netanjahu weich. "Das 4:0 gegen Argentinien war ein tolles Spiel", sagte Netanjahu am Montag während des Fluges von Tel Aviv nach Washington. Und seine Frau Sarah berichtet, Sohn Avner würde die Deutschen anfeuern. Ob das auf ihn abgefärbt habe?, fragen die mitreisenden Journalisten den Premier. Der lächelt, will was sagen, legt aber dann den Finger auf den Mund. Soweit ist die Zeit dann doch noch nicht, als dass sich ein israelischer Regierungschef öffentlich zur deutschen Mannschaft bekennen kann.

Christoph Schult, Jerusalem

Der Literaturkritiker Jens Christian Brandt von der Zeitung "Aftenposten" hat eine interessante These: Für ihn endete der Zweite Weltkrieg erst vor einigen Tagen. Und zwar mit einem Kommentar der britischen BBC über das Fußballspiel des einstiges Weltkriegsgegners Deutschland: "Wir haben die beste Mannschaft der WM gesehen", befand der Sender.

Für Brandt ist der Fall klar: Bislang seien sich die Fußballästhetiker weltweit in ihren Abneigung gegen "Marschkolonnen, Kollektivismus und Stahlhelme" einig gewesen. Aber: "Diesen Sommer ist alles anders", so der Autor in "Aftenposten".

Skandinavien hat Deutschland nicht immer geliebt - in Norwegen und Dänemark saßen die Erinnerungen an die deutsche Besatzung tief. Jogi Löws multikulturelle Truppe aber sorgt überall für Respekt. Nicht nur wegen ihres Fußballs.

Autor Brandt, der aus Skandinavien als Journalist über Deutschland berichtet, sinniert darüber, was die "schnellen überraschenden Pässe" der deutschen Mannschaft kulturell und politisch bedeuten. Auf der Ehrentribüne habe es eine leise Revolution gegeben - neben all den schwarzgekleideten Männern sitze plötzlich eine Frau in strahlenden roten Kleidern: Merkel. Ihr Vorgänger Gerhard Schröder habe zwar versprochen, Deutschland solle ein multikulturelles Land werden, und Merkel habe keine Zigarre, um damit zu wedeln, aber nach dem Sieg gegen Australien "heißen die Stars plötzlich Özil, Khedira und Podolski. Jetzt sind es Migranten aus der zweiten und dritten Generation, die sich darauf spezialisiert haben, die Gegner zu verwirren."

In Norwegen hat sich das Deutschlandbild in den vergangenen 20 Jahren geändert - zuletzt sorgte Eurovision-Siegerin Lena für Jubel. "Das Bild von Deutschland ist durch Mauerfall und Wiedervereinigung nuancierter geworden", sagt der norwegische Publizist und Politikwissenschaftler Nils Morten Udgaard. In politischen Kreisen sei Deutschland erste Wahl - die erste Reise des Außenministers gehe stets nach Berlin.

Zwar orientieren sich die Norweger in Sachen Fußball traditionell eher nach England, dorthin fliegt zu Spielen regelmäßig eine große Fangemeinde.

Aber die deutsche Mannschaft hat sich Respekt verschafft.

Der norwegische Autor Aslak Nore nimmt Löws Multikultitruppe gar zum Anlass, dem Nachbarland Dänemark - das sich als einziges skandinavisches Land für die WM qualifizierte - eins auszuwischen. In seinem Beitrag "Die roten Weißen" schreibt er, die dänische Nationalmannschaft, in der es keine Einwanderer gibt, symbolisiere die Fremdenfeindlichkeit im Land. In den achtziger Jahren habe er den dänischen Fußball geliebt und den deutschen, mechanischen Zynismus beinahe verabscheut - jetzt sei es genau andersherum.

Die linksliberale dänische Zeitung "Politiken" titelte: "Die neue Trikolore ist schwarz-rot-gold", und holt zum Loblied aus. Zwei Generationen nach dem Krieg sei Deutschland endlich auf dem Weg zurück in die Rolle Europas führender Kulturnation. Das deutsche Integrationsmodell könne zum Vorbild für Europa werden, schreibt Journalist Mogensen.

Auch in der dänischen Politik herrscht Begeisterung: "Es ist jetzt hip, zu Deutschland zu halten", sagt Klimaministerin Lykke Friis. Die Ministerin ist seit langem als Anhängerin von Bayern München bekannt, stand aber damit stets völlig allein da: "Als Kind wurde ich verhöhnt, weil ich für Deutschland war. Jetzt kommen alle möglichen Leute zu mir und sagen, dass sie den Deutschen die Daumen drücken."

Anna Reimann, Berlin

Auch in Afrika haben die Deutschen Kicker eine Menge Anhänger gewonnen. Verfolgt wird das Spektakel in Kneipen, improvisierten Kinos und - für die, die sich einen eigenen Fernseher leisten können - auch zu Hause. Für die allfälligen Stromausfälle steht im Notfall ein Generator bereit.

An den neu geweckten Sympathien ändert auch die Halbfinal-Niederlage nichts. "Ich habe mich in das deutsche Team verliebt", sagt der Sportlehrer Imodou Francis in Maiduguri im Nordosten Nigerias. Es ist eine trostlose Region, aber der Fußball hat auch hier eine Menge Emotionen freigesetzt. Weniger fröhliche für die eigene Mannschaft, geradezu beschwingte für das deutsche Team. "Ich glaube, alle Deutschen sind wie ihre Fußballer", sagt Francis, "mit gegenseitigem Respekt, engagiert und fair anstatt aggressiv, um ein Spiel zu gewinnen."

Vor allem nach dem berauschenden Argentinien-Spiel hagelte es auf dem ganzen Kontinent für die deutschen Repräsentanten Glückwünsche und Grußadressen. Südafrikas Präsident Jacob Zuma schüttelte noch auf der Tribüne in Kapstadt Angela Merkel die Hand. Spät in der Nacht meldete sich auch Zumas Vorgänger Thabo Mbeki beim deutschen Botschafter Dieter Haller und gratulierte dem "großartigen deutschen Team" zu seinem "sternenhaften Auftritt".

Schlecht war das deutsche Image in Afrika nie. Der Fußball der Löw-Truppe hat diesen Ruf noch mal ein bisschen aufgehübscht. Und nicht zuletzt bei den Diplomaten auch persönliche Beziehungen verbessert. So rief der kenianische Außenminister Moses Wetangula unmittelbar nach dem Argentinien-Spiel bei der deutschen Botschafterin Margit Hellwig-Bötte in Nairobi an, um seine Glückwünsche zu übermitteln. Und Tourismusminister Najib Balala simste nach dem dritten Treffer gegen Argentinien enthusiastisch: "Germany will make it to the final." Selbst der argentinische Botschafter zeigte sich sportlich: "Congratulations. A wonderful team!"

Zwar lag der Tourismusminister nicht ganz richtig mit seiner Prognose. Aber der Imagegewinn ist beträchtlich. Zu Dutzenden gingen bei der Botschaft in Nairobi nach der Partie gegen Argentinien die Glückwunsch-E-Mails ein. "Lang lebe die Botschafterin", formulierte ein beseelter Schreiber. Andere verknüpften ihre Grußadresse gleich mit einem Aufnahmeantrag für eine deutsche Staatsbürgerschaft oder einem Gesuch für ein Stipendium.

Horand Knaup, Nairobi

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