Neues EU-Spitzenduo Mijnheer Harmonie und Lady Geräuschlos

Die Enttäuschung über das neue EU-Spitzenduo ist groß: Mit Herman Van Rompuy und Catherine Ashton sollen zwei Unbekannte die neuen Gesichter der EU werden. Beide gelten als kompetente Verhandlungsführer - aber als blass. Dieses Manko wollen sie nun durch selbstbewusstes Auftreten kaschieren.
Neues EU-Spitzenduo: Mijnheer Harmonie und Lady Geräuschlos

Neues EU-Spitzenduo: Mijnheer Harmonie und Lady Geräuschlos

Foto: A0173 epa belga Dirk Waem/ dpa

London - Der liberaldemokratische Europaabgeordnete Andrew Duff sprach nach der Ernennung des neuen EU-Spitzenduos das aus, was viele dachten. "Es ist nicht sehr aufregend", sagte der Brite.

Herman Van Rompuy

An den blassen Belgier hatte sich die europainteressierte Öffentlichkeit in den vergangenen Wochen bereits gewöhnen können, der 62-jährige Premierminister war der Favorit für das Amt des EU-Präsidenten. Weil er eine wackelige Fünf-Parteien-Koalition in Belgien befriedet hat, gilt er als fähiger Krisenmanager.

Catherine Ashton

Gordon Brown

Die große Überraschung war jedoch die neue Außenministerin . Ihren Namen hatte der britische Premier vor dem Sondergipfel am Donnerstag in letzter Minute aus dem Hut gezaubert. Sie selbst schien überrumpelt: Am Morgen habe sie noch nichts davon gewusst, sagte sie.

Ashton wird sich den Respekt der Welt erst erarbeiten müssen. Eigentlich hatte es vor der Wahl geheißen, der neue Hohe Repräsentant solle selbst schon mal Außenminister gewesen sein. Die 53-jährige Britin jedoch ist in der Außenpolitik ein unbeschriebenes Blatt. Sie arbeitet seit einem Jahr in Brüssel als EU-Handelskommissarin. Den mächtigen Posten hatte sie bekommen, weil ihr Vorgänger Peter Mandelson nach London zurückbeordert worden war, um die Brown-Regierung vor dem Zerfall zu retten.

Als EU-Kommissarin ist Ashton kaum aufgefallen

Während Mandelson einer der bekanntesten EU-Kommissare war, hat Ashton in ihrer kurzen Amtszeit keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Doch mangelt es ihr nicht an Selbstbewusstsein. Sie habe 25 Jahre Verhandlungserfahrung, entgegnete sie ihren Kritikern am Donnerstag. Ihre vermeintlichen Schwächen, die zurückhaltende Art und geringe Bekanntheit, suchte sie in Tugenden umzudeuten: Sie wolle eine "ruhige Diplomatie" verfolgen und werde allen zeigen, dass sie "die beste Person für den Job" sei.

Aus den Worten ist die Kämpfernatur herauszuhören. Ashton hat einen klassischen sozialdemokratischen Werdegang. In kleinbürgerlichem Milieu aufgewachsen, war sie die erste Frau ihrer Familie, die zur Universität ging. In der Labour-Partei arbeitete sie sich langsam nach oben. Acht Jahre lang war sie Staatssekretärin, setzte sich unter anderem für Behinderte und Kinder aus sozial schwachen Familien ein.

Gewählt wurde sie allerdings noch nie. Zu ihrem Posten als Fraktionsvorsitzende im britischen Oberhaus wurde sie 1999 von Tony Blair ernannt. Seither trägt sie den Adelstitel Baronin. Im Oberhaus schaffte sie es, eine Mehrheit für den Lissabon-Vertrag zu organisieren - ihre bisher größte politische Leistung. Sie habe damals "hohes diplomatisches Geschick" bewiesen, lobte der Fraktionsvorsitzende der Sozialdemokraten im Europaparlament, Martin Schulz (SPD).

Ihre umgängliche, gleichzeitig jedoch zähe Art hat ihr den Ruf einer geschickten Verhandlungsführerin eingetragen. So schaffte sie es als Handelskommissarin, still und leise ein wegweisendes Freihandelsabkommen mit Südkorea abzuschließen.

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Van Rompuy und Ashton: Die neue EU-Spitze

Foto: A0173 epa belga Dirk Waem/ dpa

Van Rompuy war schon auf dem Weg in den Ruhestand

Diese Effizienz, geräuschlos zu Ergebnissen zu kommen, teilt sie mit Van Rompuy. Der Christdemokrat, der gern japanische Haiku-Verse verfasst und Autor mehrerer sozialphilosophischer Werke ist, gilt als Meister des Konsenses. In seinen langen Jahren als belgischer Minister hat er viel Erfahrung mit schwierigen Koalitionen gesammelt. Er war eigentlich schon auf dem Weg in den Ruhestand, als er im vergangenen Dezember in einer Phase nationaler Führungslosigkeit als Übergangspremier zur Hilfe gerufen wurde. Er nahm den Auftrag damals nur widerwillig an. Diesmal hingegen scheint er sich auf seine Aufgabe zu freuen.

Van Rompuy und Ashton sind beide studierte Wirtschaftswissenschaftler. Sie gelten als kompetente Analytiker, wie sie häufig in Verwaltungen zu finden sind. "Political animals" hingegen sind sie nicht. Es wird sich erst noch zeigen, ob sie der Hitze des internationalen Rampenlichts gewachsen sind.

Zweieinhalb Jahre wird Van Rompuy nun die Sitzungen der 27 Staats- und Regierungschefs leiten, Kompromisse suchen und sie nach außen verkaufen. Dabei wird er aufpassen müssen, dass er nicht zum Erfüllungsgehilfen Frankreichs und Deutschlands wird, die ihm das Amt verschafft haben.

Den wichtigeren Job, zumindest auf dem Papier, hat jedoch die neue Außenministerin. Sie darf einen europäischen diplomatischen Dienst aufbauen, der einmal 7000 Köpfe umfassen soll, und kann somit zum ersten Mal eine genuin europäische Außenpolitik entwickeln. Beider Vorteil ist, dass die Erwartungen so gering sind, dass sie sie nur übertreffen können.

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