Neues Terror-Video Al-Qaida will Basen in Afghanistan, Irak und Somalia errichten

Bin Ladens Stellvertreter Aiman soll sich in einem neuen anderthalbstündigen Video Gedanken zur Zukunft von al-Qaida machen. Der Film ist noch nicht veröffentlicht, ein US-Terrorforschungsinstitut berichtet jedoch vorab darüber. Das Netzwerk plant demnach neue Basen für Kampftraining.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Das entsprechende Video ist noch nicht veröffentlicht - liegt jedoch laut einem Vorabbericht dem Washingtoner Site-Institut schon vor. Es soll mehr als anderthalb Stunden lang sein und den Titel "Ratschlag eines Betroffenen" tragen. Darin beschäftigt sich Aiman al-Sawahiri, Nummer zwei von al-Qaida, mit dem Irak, Saudi-Arabien, Ägypten und Palästina. Das berichtet zumindest das Site-Institut auf seiner Website.

Aiman al-Sawahiri: Strategische Überlegungen über die Zukunft al-Qaidas
AP/ IntelCenter

Aiman al-Sawahiri: Strategische Überlegungen über die Zukunft al-Qaidas

Normalerweise lässt Sawahiri seine Videos in einschlägigen dschihadistischen Internetforen veröffentlichen - in diesem Fall ging aber offenbar ein Vorabexemplar an das Site-Institut. Auf den Websites, auf denen al-Qaida seit Jahren regelmäßig Kommuniqués und Videos veröffentlicht, lag der Film am späten Mittwochabend noch nicht vor - und damit anders als die letzten Sawahiri-Videos auch SPIEGEL ONLINE noch nicht.

Das Site-Institut sammelt und analysiert Veröffentlichungen islamistisch-terroristischer Gruppen im Internet. Es gilt als seriös und ist bisher noch nie damit aufgefallen, auf gefälschte Propaganda hereingefallen zu sein.

Auf der Website veröffentlichte es einen Screenshot des neuen Videos und einen Vorabbericht. Ihm zufolge stellt Sawahiri in der Rede strategische Überlegungen über die Zukunft al-Qaidas an. Das Netzwerk hofft demnach, den Irak, Afghanistan und Somalia zu Basen machen zu können. Die Londoner Anschläge aus der vergangenen Woche werden offenbar nicht erwähnt.

Zitate aus Bob Woodwards "Plan of Attack"

Dem Site-Institut zufolge zitiert der ägyptische Terroristenführer in seiner Ansprache aus westlicher Literatur - zum Beispiel dem Buch "Plan of Attack" ("Der Angriff") des Journalisten Bob Woodward zur Vorgeschichte des Irak-Kriegs, und aus Fernsehbeiträgen, die er als Belege für seine Thesen heranzieht. Einen großen Teil der Rede über beschäftigt er sich anscheinend mit der saudischen Innenpolitik - einem der Dauerthemen für al-Qaida. Das von Osama Bin Laden gegründete Netzwerk lehnt die dortige Monarchie als ungläubig ab und wirft ihr Kollaboration mit dem Westen vor.

Mit Blick auf den Irak bittet Sawahiri um Unterstützung für den "Islamischen Staat Irak", den die dortige Qaida-Filiale mit anderen Dschihadisten Anfang 2007 ausgerufen hat. Interessant ist, dass al-Qaidas Nummer zwei mit Blick auf dieses Terrorbündnis allerdings auch von mangelnden Qualifikationen spricht.

Der "Islamische Staat Irak" ist von Qaida-Sympathisanten von Beginn an dafür kritisiert worden, dass als "Emir", also Staatschef, mit Abu Omar al-Baghdadi ein vollkommen unbekannter Mann an die Spitze gesetzt wurde. Sawahiri behauptet laut Site-Institut auch, andere Gruppen würden den "Islamischen Staat" unterstützen - dies aber noch nicht öffentlich zugeben. Diese Bemerkung ist insofern interessant, als im Irak seit Monaten ein heftiger Disput zwischen al-Qaida und verfeindeten Dschihad-Gruppen herrscht, indem sie sich gegenseitig jegliche Authorität absprechen und einander vorwerfen, ihre Kämpfer zu töten.

Die palästinensische Hamas wird in der Rede dafür kritisiert, dass sie von der Scharia abgewichen sei. Schon in seinen vorherigen Ansprachen hatte Sawahiri in dieses Horn gestoßen, nachdem er zuvor der Hamas den Hof gemacht hatte. Hamas hatte die Qaida-Avancen stets abgelehnt. Mit Blick auf sein Heimatland kritisiert Sawahiri das dortige Regime, stellt aber auch Positionen der Muslimbrüder in Frage.

Das Terrornetzwerk fühlt sich offensichtlich wiedererstarkt

Interessant sind darüber hinaus die Überlegungen, die Sawahiri offenbar über al-Qaidas Zukunft anstellt. Dem Vorabbericht zufolge sollen Afghanistan, der Irak und Somalia zu Basen des Netzwerks werden, in denen Dschihadisten trainiert und vorbereitet werden sollen.

Im Afghanistan-Krieg, der in Folge der Anschläge am 11. September 2001 begann, wurden zahlreiche Terrorcamps ausgelöscht. Zwar gab es zuletzt vermehrt Berichte, dass im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet wieder Terroristen trainieren. Und auch im Irak hat sich al-Qaida organisatorisch gefestigt. Aber das angekündigte Vorhaben, neue Camps zu errichten, spricht für ein neues Selbstbewusstsein des Terrornetzwerks, das sich offensichtlich wiedererstarkt fühlt.

Allerdings muss man einberechnen, dass Sawahiri genau weiß, dass seine Reden auch im Westen konsumiert werden. Er selbst fördert das, indem auch dieses Mal wieder englische Untertitel mitgeliefert werden. Ein guter Teil der Aussagen ist also wie stets Propaganda.

Sawahiri hat sich in den vergangen zwei Jahren fast monatlich zu Wort gemeldet - im Gegensatz zu Osama Bin Laden, der nur noch sehr selten spricht. Normalerweise werden seine Videos einen Tag oder zumindest einige Stunden vor Veröffentlichung angekündigt. Das ist mit dem aktuellen Video noch nicht geschehen. Das Site-Institut macht bisher keine Angaben darüber, wie es in Besitz des Videos gelangte. Es erklärte auf der Homepage lediglich, seine Aufklärungsabteilung habe es erhalten. Wie alle Videos Sawahiris aus den vergangenen Jahren sei auch dieses von der Qaida-nahen Produktionsfirma al-Sahab produziert worden.



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