Neues Tonband Bin Laden moniert Fehler der irakischen Mudschahidin
Berlin - Das Tonband kam auch für die Anhänger Osama Bin Ladens völlig überraschend. "Was hat unser geliebter Scheich zu sagen?", "Was sind die Hauptpunkte seiner Rede?" - so fragten die Qaida-Sympathisanten in den dschihadistischen Diskussionsforen im Internet einander aufgeregt, kaum dass die Meldung veröffentlicht worden war, dass dem arabischen Satellitensender al-Dschasira ein neues Tonband des Gründers und Chefs des Terrornetzwerks al-Qaida vorliegt.
Weniger als eine halbe Stunde später war dann klar, was die Hauptaussage des Saudi-Arabers ist: Die Mudschahidin im Irak sollen ihre Differenzen überwinden und sich "unter einer Flagge" zusammenschließen; dass sie dies bisher nicht vermochten, sei die Vernachlässigung einer Pflicht und ein Fehler.
Wie lang die Tonbandaufzeichnung ist, auf welchem Wege es zu al-Dschasira gelangte: Diese Fragen sind bislang noch nicht beantwortet. Der Sender strahlte offenbar nur Auszüge aus. Diese kursierten, von Bin-Laden-Fans mitgeschnitten, am späten Montagabend bereits im Internet und liegen auch SPIEGEL ONLINE vor. Ein Transkript mit dem vollständigen Text gibt es aber noch nicht.
Da Bin Laden in seiner Ansprache offenbar keine datierbaren Ereignisse erwähnt, ist zudem ungewiss, wann das Band entstand - wenn es überhaupt echt ist. Die Stimme klingt freilich vertraut, und US-Behörden, die das Band offiziell noch prüfen, wiesen bereits darauf hin, dass noch nie ein Tape des Saudi-Arabers gefälscht worden sei. Aber ein Beweis für die Echtheit liegt noch nicht vor.
Bin Laden: "Jeder macht Fehler"
Wenn die Aufnahme authentisch ist, dann enthält sie im Gegensatz zu einigen seiner letzten Reden durchaus Neues. Noch nie zuvor hat Osama Bin Laden sich so deutlich in den Streit eingemischt, der seit Monaten zwischen den verschiedenen militanten Gruppen im Irak schwelt. "Jeder kann Fehler machen", sagt Bin Laden. "Aber die besten sind jene, die ihre Fehler zugeben. Fehler wurden in jedem Dschihad gemacht, aber die Mudschahidin müssen sie korrigieren."
Es hat den Anschein, als wolle Osama Bin Laden auch seine eigene Gruppierung, al-Qaida im Zweistromland, nicht aus der Kritik ausnehmen. "Ich rate mir selbst, allen Muslimen und auch den Brüden in al-Qaida dazu, extreme Ansichten in Bezug auf Menschen und Gruppen zu vermeiden", erklärt er etwa. Menschen seien nicht unfehlbar.
Die irakische Qaida-Filiale, die im Herbst 2006 einen "Islamischen Staat Irak" ausrief, befindet sich seit Monaten in einem teils blutigen Konflikt mit anderen Dschihad-Gruppen, denen sie vorwirft, dass sie sich ihr nicht anschließen. Diese anderen Gruppen, namentlich etwa die "Islamische Armee im Irak" und die "Brigaden der Revolution von 1920", beschuldigen wiederum al-Qaida, Dutzende ihrer Kämpfer ermordet und verstümmelt zu haben. Die Führer des "Islamischen Staats Irak" sind in dem Streit sogar so weit gegangen, alle, die sich ihnen nicht anschließen, als Ungläubige zu verteufeln.
Anspielungen auf Nationalisten und Stammesscheichs
Mit dieser Situation ist Osama Bin Laden offenbar nicht einverstanden. Die Interessen der islamischen Gemeinschaft seien wichtiger als jene einer bestimmten Gruppe, mahnt er. Dieser Satz lässt auch die Deutung zu, dass er seine eigene Gruppierung für zu fanatisch hält - was beabsichtigt sein dürfte, schließlich ist Bin Laden ein begnadeter Rhetoriker.
Allerdings macht er auch deutliche Anspielungen auf das vermeintlich unislamische Fundament der mit al-Qaida zerstrittenen Gruppen: "Die Stärke des Glaubens liegt in der Stärke des Bandes zwischen den Muslimen und nicht in der Stärke der Bindung an einen Stamm, den Nationalismus oder eine Organisation." Die "1920er-Brigaden" und die "Islamische Armee" argumentieren zwar zunehmend islamistisch, sind aber im Kern irakisch-nationalistische Gruppen, die zu einem gewichtigen Teil von alten Kräften des Saddam-Regimes gesteuert werden. Auch die Scheichs jener Stämme, die sich zu einer Allianz gegen al-Qaida zusammengeschlossen haben, spricht Bin Laden damit indirekt an. Er schlägt vor, dass alle islamischen Gelehrten, Stammeschefs und Organisationsführer sich zusammen tun, um die Kräfte zu vereinigen.
Nachdenkliche Reaktionen bei den Sympathisanten
Es ist nicht das erste Mal, dass die Qaida-Führung um Bin Laden nicht mit allem einverstanden ist, was im Irak in ihrem Namen veranstaltet wird. Al-Qaidas Nummer zwei, Aiman al-Sawahiri, hat bereits vor Jahren Kritik an Abu Musab al-Sarkawi geübt, dem damaligen Chef und Gründer der irakischen al-Qaida - und zwar wegen dessen unbedingten Terror gegen alle Schiiten, Zivilisten oder nicht. Aber Bin Laden selbst hatte sich mit Kritik zurückgehalten. Nun macht er zumindest klar, dass er die inner-dschihadistischen Streitigkeiten für gefährlich hält - offensichtlich ist er besorgt, dass darüber die eigentlichen Ziele aus dem Blick geraten könnten.
Al-Qaida strebt, auch im Irak, eine Vielzahl von Zielen an. Zum einen geht es darum, die US-Armee zu vertreiben, zum anderen hat das Netzwerk aber auch Ziele, die über das Zweistromland hinausgehen, namentlich die Errichtung eines islamistischen Staates, am besten weltweit, und die Schaffung möglichst vieler sicherer Basen, um den weltweiten Dschihad gegen "den nahen und den fernen Feind" zu führen - also gegen die als unislamisch verpönten Herrscher der islamischen Welt und den Westen.
Bin Laden hatte sich zuletzt vor sechs Wochen zu Wort gemeldet, und zwar gleich zwei Mal, aus Anlass des sechsten Jahrestages der Anschläge vom 11. September 2001. Unter anderem hatte er die Amerikaner aufgefordert, den Kapitalismus zu bekämpfen und sich zum Islam zu bekehren. Mit einer neuerlichen Rede war nicht gerechnet worden, zumal der Qaida-Chef sich in den vergangenen Jahren eher rar gemacht hat.
Die Reaktionen auf das Band im dschihadistischen Internet waren, wahrscheinlich wegen des kritischen Inhalts, weniger euphorisch als gewohnt und stattdessen deutlich nachdenklicher. "Die Aufforderung zur Einheit ist eine Aufforderung an all jene, die eine der wichtigsten Anforderungen vernachlässigt haben", meinte ein Forumsbesucher mit dem Namen Mohammad al-Gharib. "Das war eine starke Rede des Scheichs", kommentierte ein Nutzer namens Abu Ubaida. "Das war möglicherweise einer seiner wichtigsten Reden überhaupt", schrieb Wahid al-Mughtharib. "Meine Liebe zu ihm ist dadurch noch gewachsen." Abu Qaqa und andere Diskutanten mahnten jedoch: "Lass uns erst die vollständige Rede abwarten, bevor wir sie kommentieren."
Mit Material von Reuters und AP