Neugeburt nach 9/11 Wie New York das Trauma des Terrors überwand

Die Anschläge vom 11. September erschütterten die Welt und stürzten New York in die Krise. Doch die Metropole wuchs über sich hinaus - sie mutierte zur neuen Sauberstadt, die Wirtschaft boomte, Architekten bauten neue Business-Paläste. Bis zum Crash der Finanzindustrie.

AP

Von , New York


Auf den ersten Blick ist es nur ein verwischtes Nichts, ein Gekleckse aus grauen und blauen Pinselstrichen. Doch dann macht sich eine ungemütliche Vertrautheit breit. Erinnerungen flackern durchs Unterbewusstsein: Szenen, Geräusche, Gerüche, alles auf Abruf präsent. Vergangen, verdrängt, aber nicht vergessen.

Das abstrakte Gemälde hängt in der Marian Goodman Gallery in Manhattan, unweit des Trump Towers. Es stammt vom Kölner Künstler Gerhard Richter, dem die Galerie gerade eine Ausstellung widmet, und es zeigt, was bei längerem Hinsehen wie zwei Säulen vor blauem Himmel aussieht, von Rauchschwaden umstürmt. Der Titel sagt alles: "September".

Terror als Kunst - einst undenkbar, gerade hier, wo der Terror solch tiefe Narben gerissen hat. Doch New York wäre nicht New York, wenn es den Blick nicht schnell wieder nach vorne gerichtet und selbst seinen tödlichsten Tag zur nutzbringenden Vignette reduziert hätte. Der Horror des 11. September 2001, von Richter als träumerische Vision porträtiert, ist längst ins New Yorker Selbstbewusstsein eingeschmolzen, wie Bagels, Taxis und Stress.

"Das Jahrzehnt der Hölle", so betitelt das US-Magazin "Time" die Dekade zwischen 2000 und 2010. Nicht wegen des fälschlich prophezeiten, globalen "Y2K"-Computercrashs, sondern vor allem wegen 9/11 - jener "prägende Moment", der "den American Dream dimmte" und alles änderte. Der moralische Crash vor dem finanziellen.

New Yorker sehen das etwas anders. Zwar hat die Stadt weiterhin eine Art emotionales Magengeschwür, in Form Abertausender 9/11-Familien, deren Schmerz nie endet und die alljährlich zu den Gedenkfeiern aufmarschieren mit Namenslisten und authentischen Tränen, als seien sie New Yorks schlechtes Gewissen. Auch zahllose chronisch kranke Ex-Rettungskräfte leiden bis heute.

Doch viele andere sehen 9/11 längst nur noch als historische Zäsur. Als Datumsgrenze zwischen "davor" und "danach". In einer Millionenstadt, deren Bevölkerung sich täglich zu erneuern scheint, ist ein Schock schnell vorbei.

Die Helden von 9/11 verloren ihren Nimbus

New Yorks Geschichte ist voller solch dramatischer Einschnitte, die "alles änderten", doch diese Stadt konnte nichts stoppen. Jedesmal machte New York weiter. Jede Katastrophe wurde zur Katharsis, zum Cliffhanger fürs nächste Kapitel.

Aus der Asche des "großen Feuers" von 1835, das Lower Manhattan auslöschte, erwuchs der Finanzdistrikt, der New York zum Zentrum des globalen Geldes erhob. Der Brand der Triangle Shirtwaist Factory von 1911, bei dem 148 Menschen starben, begründete den modernen Arbeiterschutz. Der Börsenkollaps von 1929, der die Wall Street in die Knie zwang, hatte das moderne US-Bankensystem zur Folge. Selbst die Ouvertüre zu 9/11 - der erste Anschlag aufs Trade Center 1993, bei dem sechs Menschen getötet wurden - verunsicherte nur kurz.

So auch der 11. September 2001. "Life goes on", befahl der damalige Bürgermeister Rudy Giuliani, einer jener, deren weitere Karriere aus dem Schutt jenes Schreckenstages erwuchs. "Geht essen. Geht einkaufen."

Geht Geld verdienen. 9/11 adelte mittelmäßige Lokalpolitiker zu Weltstars. Giuliani schaffte es sogar, daraus eine wiewohl haarsträubend missglückte Präsidentschaftskandidatur zu stricken. Heute ist er Multimillionär, drängelt sich weiter bei jeder Gelegenheit vor die Kameras und ist als Gouverneur im Gespräch.

Sein Nachfolger Michael Bloomberg - vier Monate nach 9/11 vereidigt, als noch der Qualm aus Ground Zero aufstieg - profitierte vom Gockelgehabe Giulianis, gegen das er sich mit seinem Buchhalterphlegma wohltuend absetzte. Aus der schrillen Ära Giuliani wurde Bloombergs Post-9/11-Jahrzehnt: lakonisch, fleißig, undramatisch. Der Milliardär war die perfekte Symbolfigur, um die Stadt durch den Boom zu steuern und durch die folgende Rezession.

Doch wie so viele vor ihm verspielte auch Top-Manager Bloomberg seinen Bonus. Er musste lernen, dass im ewig pragmatischen New York wenig währt, weder Triumph noch Tragödie.

Brachial ließ Bloomberg das Wahlrecht ändern, um sich eine dritte Amtszeit zu ermöglichen. Das nahmen ihm viele übel: Im November stimmen nur 557.059 der 8,4 Millionen New Yorker für ihn, ein Minusrekord. Bloombergs damit erhechelter Vorsprung von gerade mal 4,6 Prozentpunkten vor dem saftlosen Bill Thompson war eine De-facto-Niederlage, zumal er dafür 102 Millionen Dollar aus eigener Tasche ausgegeben hatte. Für den Rest seiner Regentschaft ist er zur lahmen Ente gestutzt.

Auch andere Helden von 9/11 konnten nicht lange von ihrem Nimbus zehren. Die Pitbull-Miene von Bernard Kerik, Polizeichef zur Zeit der Anschläge, war ein Markenzeichen New Yorker Unverwüstlichkeit. Fast wäre Kerik US-Minister für Heimatschutz geworden, dann kam ihm leider ein lästiger Steuerbetrugs- und Ethikskandal dazwischen. Heute sitzt der gnadenlose Top-Cop selbst hinter Gittern.

New York mutierte zur neuen Sauberstadt

Ansonsten aber bescherten die ersten Jahre nach dem 9/11-Schock New York einen fulminanten Aufschwung, wirtschaftlich, gesellschaftlich, architektonisch. Unerwartet schnell schüttelt die Stadt das Trauma des Terrors ab, schwang sich jetzt erst recht zur "Capital of the World" auf. New York wurde zur neuen Sauberstadt - einer familienfreundlichen Version seiner selbst, mit Fußgängerzonen, Freizeitparks und Radwegen.

Fett und Rauchen wurden zu öffentlichen Tabus erklärt. Der legendäre Underground verschwand, an seine Stelle traten Luxus-Penthäuser und quasi keimfreie Nachtclubs. Überall neue Wolkenkratzer, Stararchitekten aus aller Welt verausgabten sich. Die Touristenzahlen schwollen, nach kurzem Knick, auf zuletzt fast zehn Millionen im Jahr an: 40 Prozent mehr als im Jahr 2000.

Doch als es gerade wieder steil nach oben ging mit der Stadt, kam der nächste Schock - der Crash der Finanzmärkte. Die erneute Rezession, die zweite in diesem Jahrzehnt, beendete den Taumel über Nacht.

Die ganze City wurde mitgerissen von dem Niedergang der Wall-Street-Größen. Die Folgen der Finanzkrise sind in New York bis heute stärker zu spüren als die Folgen des 11. September 2001 - denn die Wunden heilen viel langsamer.

Diesmal leidet fast jeder. Banker und Bauarbeiter gleichermaßen verloren ihre Jobs, die Arbeitslosenquote liegt zurzeit bei 10,3 Prozent, der höchste Stand seit 1993. Im Haushalt klafft ein Fünf-Milliarden-Dollar-Loch. Zu Thanksgiving gingen den Suppenküchen die Truthähne für die Obdachlosen aus, die nachts in den Vorräumen bankrotter Einzelhandelsketten wie Circuit City schlafen.

Terror-Verdächtige vor Gericht - nahe Ground Zero

Viele Träume von Architekten sind geplatzt. Der Dauerstreit über die Bebauung von Ground Zero zeigt am besten, dass die Neugeburt dieser Stadt anders verläuft als erhofft. Bisher ragen dort lediglich die ersten Stahlträger jenes Wolkenkratzers empor, den sie im Patriotentaumel einst Freedom Tower tauften, der jetzt aber nur noch nach seiner Adresse benannt ist: 1 World Trade Center.

Life goes on, trotzdem ist nichts wie zuvor. Hinter der stets wechselnden Kulisse ist New York seit 9/11 zur Festung geworden. Manches ist sichtbar: die Panzersperren vor wichtigen Gebäuden, die Metalldetektoren in den Gerichten, die Tausenden Kameras an allen Kreuzungen. Das meiste jedoch vollzieht sich, ohne dass der New Yorker das in seiner Routinehetze überhaupt merkt.

In einer täglichen Zitterpartie horcht und späht das New York Police Department (NYPD) in seinen hochgerüsteten Kommandozentralen nach den Vorzeichen neuer Anschläge. Wie wichtig ihr Auftrag ist, zeigt sich gelegentlich, wenn mal wieder ein paar Möchtegern-Bombenleger ins Netz gehen. "Wir verteidigen hier unsere Nation", sagte Ray Kelly, Polizeichef seit 2002, dem "New Yorker".

Der Sicherheitsapparat steht demnächst vor einer seiner größten Herausforderungen, wenn die mutmaßlichen 9/11-Drahtzieher in Manhattan vor Gericht kommen, nahe Ground Zero - der Kreis des Terrors schließt sich. Allerdings erregte selbst diese Entscheidung hier nur kurz Aufsehen.

"Willkommen in New York", titelte die "New York Post" tags drauf nonchalant über dem Foto einer Ansichtskarte des alten World Trade Centers. "Nächster Halt: die Hölle."



insgesamt 692 Beiträge
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Seite 1
mm01 13.11.2009
1. Faires Verfahren
Zitat von sysopIn New York werden fünf Drahtzieher der Anschläge vom 11. September vor Gericht gestellt, vermutlich live im TV übertragen. US-Behörden kann das Verfahren in Bedrängnis bringen - wenn die Angeklagten über die CIA-Folter aussagen. Wie sehen Sie die Chancen auf ein faires Verfahren?
Hatten die Opfer jemals die Chance auf ein "faires" Verfahren ?
semper fi, 13.11.2009
2. -
Zitat von sysopIn New York werden fünf Drahtzieher der Anschläge vom 11. September vor Gericht gestellt, vermutlich live im TV übertragen. US-Behörden kann das Verfahren in Bedrängnis bringen - wenn die Angeklagten über die CIA-Folter aussagen. Wie sehen Sie die Chancen auf ein faires Verfahren?
Aus Sicht der Angeklagten: 100%. Aus Sichr der Strafverfolgung: 50%.
Interessierter0815 13.11.2009
3.
Zitat von mm01Hatten die Opfer jemals die Chance auf ein "faires" Verfahren ?
Es geht hier um die Schuld oder Unschlud der Angeklagten! Also was soll so ein sinnfreier Beitrag? Was, wenn diejenigen nicht die Schuldigen sind und nur unter extremer Folter sich bekannt haben? Schon bitter für so eine "Demokratie" wie der USA.
matthias51 13.11.2009
4.
Zitat von mm01Hatten die Opfer jemals die Chance auf ein "faires" Verfahren ?
Das Unterscheidungsmerkmal zwischen Rechts- und Unrechtsstaaten ist eben, daß der Rechsstaat sich an seine eigenen Gesetze hält und der Unrechtsstaat eben nicht. Ein Staat der foltert ist ein Unrechtsstaat. So einfach ist das.
Jay's, 13.11.2009
5.
Zitat von sysopIn New York werden fünf Drahtzieher der Anschläge vom 11. September vor Gericht gestellt, vermutlich live im TV übertragen. US-Behörden kann das Verfahren in Bedrängnis bringen - wenn die Angeklagten über die CIA-Folter aussagen. Wie sehen Sie die Chancen auf ein faires Verfahren?
Schlecht, da es unmoeglich sein wird, eine unabhaengige Jury zu finden. Was die CIA Folter angeht, das war unter Bush also unter einer anderen Regierung. Das kann von der Obama Regierung genutzt werde, um endlich mit Bush abzurechnen.
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