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Guantanamo: Aus dem Knast in den Krieg

Foto: SHANE T. MCCOY/ AFP

Neun Jahre Guantanamo Wie gefährlich sind die Freigelassenen?

Sie bauen Bomben, planen Anschläge, drehen Terrorvideos: Immer wieder tauchen ehemalige Guantanamo-Insassen in den Nachrichten auf. US-Geheimdienste glauben, jeder vierte Freigelassene werde zur potentiellen Bedrohung. Terrorforscher halten diese Zahl für viel zu hoch.
Von Yassin Musharbash

Berlin - Im Juni 2006 wurde der Gefangene Nummer 184 in sein mutmaßliches Heimatland überführt: Die USA wollten oder konnten ihn nicht anklagen und vertrauten darauf, dass die Behörden in Saudi-Arabien ihn im Blick und wenn nötig im Griff behalten würden.

Sie irrten sich.

Und vielleicht hätte man es ahnen können. Jedenfalls wenn es stimmt, was Nummer 182 heute selbst behauptet: dass sich seine geplante Freilassung aus dem US-Gefangenlager Guantanamo auf Kuba seinerzeit verzögerte, weil er den amerikanischen Verhörspezialisten gesagt habe: "Sobald ich frei bin, schließe ich mich wieder den Mudschahidin an."

al-Qaidas

Unbestritten ist, dass Nummer 182 genau das tat. Heute ist der vermutlich 37 Jahre alte Othman al-Ghamdi ein prominentes Mitglied von Filiale auf der Arabischen Halbinsel (AQAP). Er hält sich im Jemen auf, tritt in Propagandavideos auf und hat mutmaßlich Terroranschläge mitgeplant. AQAP ist heute die schlagkräftigste Filiale von Osama Bin Ladens Terrornetzwerk, und das hat auch mit Ex-Guantanamo-Insassen wie al-Ghamdi zu tun.

Der Vizechef etwa, Said al-Shihri, trug einst die Nummer 372. Er war ein Gefährte von Osama Bin Laden, wurde Ende 2001 in Pakistan gefasst und 2007 nach Saudi-Arabien überstellt. Vor wenigen Wochen verbreitete er seine Lebensgeschichte in einem Online-Magazin al-Qaidas. "Vor meiner Gefängniszeit dachte ich, es müsste auch in den Amerikanern wenigstens einen Bodensatz an Menschlichkeit geben... Aber nachdem ich direkt mit ihnen zu tun hatte, bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass die Menschheit sich schützen muss, indem sie die Amerikaner bekämpft, denn sie sind Feinde der menschlichen Rasse."

Jeder Vierte ein Terrorist oder Terrorverdächtiger?

Knapp 800 Personen wurden in den vergangenen neun Jahren in Guantanamo festgehalten, rund 150 sind noch immer dort. Entgegen seines Versprechens, das Lager aufzulösen, hat US-Präsident Barack Obama die Widerstände dagegen noch nicht überwinden können. Der berüchtigte Knast in der Karibik, in dem gefoltert wurde, immer wieder Gefangene auf ungeklärte Weise verstarben und in dem normales US-Prozessrecht nicht gilt, bleibt vorerst bestehen. Das Hauptproblem: Niemand weiß so recht, was mit den Verbliebenen geschehen soll. Die Sorge ist groß, dass unter ihnen weitere al-Shihris oder al-Ghamdis sein könnten.

Nicht zuletzt deshalb, weil US-Geheimdienste im Oktober festhielten , dass ihrer Ansicht nach etwa jeder vierte Freigelassene entweder nachweislich Terrorist oder Aufständischer wurde (13,5 Prozent) beziehungsweise terroristischer oder aufständischer Aktivitäten verdächtigt wird (11,5 Prozent). Des Weiteren sagten die Dienste einen Anstieg voraus, weil die Erfahrung gelehrt habe, dass im Schnitt zweieinhalb Jahre nach der Freilassung Informationen über den Verbleib bei Terrorgruppen auftauchen.

Tatsächlich gibt es eine beunruhigende Liste von Ex-Insassen, die als Terroristen in Erscheinung getreten sind, wie diese Auswahl zeigt:

Taliban

  • Abdallah al-Adschmi sprengte sich im Irak in die Luft.
  • Abdullah Ghulam Rasul gilt als wichtiger -Kommandeur.
  • Mehdi Ghezali wurde festgenommen, als er sich - mutmaßlich - Dschihadisten in Waziristan anschließen wollte.
  • Ibrahim bin Shakaran und Mohammed bin Ahmad Mizouz wurden in Marokko wegen Rekrutierungsversuchen verurteilt.
  • Muhammed Yusuf Yaqub und Maulvi Abdul Ghaffar starben als Kämpfer in Afghanistan.

Andererseits sind die meisten Freigelassenen später nicht als Militante in Erscheinung getreten. Aber etliche von ihnen, auch das gehört zur Akte Guantanamo, waren ja auch vorher keine Militanten gewesen, sondern nach allem, was man wissen kann, unschuldig. Allerdings gibt es wohl auch Fälle, in denen unschuldig Inhaftierte erst nach (und möglicherweise wegen) ihrer Haftzeit gewalttätig wurden.

Forschertrio: Nur sechs Prozent sind militant geworden

Dennoch, so behauptet nun ein Trio von Terrorforschern , sind die Zahlen der US-Dienste zu hoch gegriffen. Keinesfalls jeder vierte, eher schon jeder 17. Ex-Gefangene falle in die genannten Kategorien. Das jedenfalls sind die Zahlen, die Peter Bergen, Katherine Tiedemann und Andrew Lebovich für einen Aufsatz auf der Website von "Foreign Policy" auf Grundlage von Berichten des Pentagon, Nachrichten und anderen öffentlich zugänglichen Dokumenten herausgearbeitet haben. Hinzu kämen allenfalls noch zwei weitere Prozent, in denen den Ex-Insassen vorgeworfen wird, gegen andere Staaten als die USA oder ihre Alliierten vorgegangen zu sein. Diese Unterscheidung treffen die Wissenschaftler, weil in diesen Fällen die Verdachtsmomente mitunter nur vage seien.

Das Trio ist zuversichtlich, dass seine eigenen Zahlen näher an der Realität sind. Schließlich würden al-Qaida und Co. mit Ex-Insassen geradezu werben, deshalb könne es kaum allzu viele völlig unbekannte Fälle geben.

Die Forscher betonen freilich, dass es ihnen weder darum gehe, die Gefahr kleinzureden, noch eine Debatte darüber anzuzetteln, welcher Prozentsatz akzeptabel sein könnte. Wohl aber wollen sie die US-Regierung zu mehr Transparenz drängen, was die Grundlage ihrer Einschätzungen angeht.

An der öffentlichen Debatte in den USA wird der Aufsatz trotzdem vermutlich wenig ändern, denn die kreist um andere Fragen: Weder ist klar, nach welchem rechtlichen Prozedere diejenigen, gegen die man etwas in der Hand zu haben glaubt, angeklagt werden sollen, noch sind genügend viele andere Staaten bereit, all jene aufzunehmen, die für unschuldig oder zumindest ungefährlich gehalten werden, was das Dilemma entschärfen könnte. Und dann schwebt über der Debatte noch ein drittes Problem: Was, wenn wir diejenigen, die wir für gefährlich halten, anklagen - aber nicht genügend Beweise finden, um sie zu verurteilen?

Obama

Bislang hat keine Antworten finden können, die seine Gegner überzeugt hätten. Und darum deutet derzeit auch wenig darauf hin, dass das berüchtigte Lager nicht auch noch seinen zehnten Geburtstag erleben wird.

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