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Terror in Christchurch: Zwischen Trauer und Trotz

Foto: Jerome Taylor / AFP

Trauer in Neuseeland Am Ende der heilen Welt

50 Menschen starben in Christchurch - eine Woche ist das her. Noch immer ringt Neuseeland, das als friedlich und tolerant gelten will, mit seinem Selbstverständnis.

Am 15. März stand Imam Gamal Fouda in seiner Moschee, vor ihm knieten die Gläubigen. Dann fielen Schüsse. Er sah einen Mann in schwarzer Kampfmontur auf sich zukommen; seine Gemeinde, die in Panik zu flüchten versuchte. Von seinem Versteck aus musste Fouda mit anschauen, wie der Angreifer 42 Menschen tötete. Dann ging er zu seinem Wagen zurück und fuhr zur zweiten Moschee.

Heute, fast auf die Minute genau sieben Tage später, steht der Imam wieder vor einer Menge. Diesmal sind Tausende von Menschen zur Mahnwache gekommen. Ein paar sitzen im Rollstuhl; es sind die Verletzten des Terrorangriffs. "Der Terrorist wollte unsere Nation spalten", ruft Fouda. "Aber wir haben gezeigt, dass Neuseeland unzerstörbar ist." Die Menge applaudiert.

Wer in Christchurch unterwegs ist, der erlebt eine Stadt, die mit ihrem Selbstverständnis ringt. Menschen, die nicht glauben können, dass hier, im friedlichen Neuseeland, an einem Tag mehr Menschen ermordet wurden als sonst im ganzen Jahr. Von einem Terroristen, der auf Muslime abzielte. Neuseeland war für viele Bürger mit einem Mal nicht mehr der Ort, der er war.

Im Video: Weltweite Trauer um die Anschlagsopfer von Christchurch

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Doch das Land wehrt sich. In den Tagen nach dem Anschlag tauschte ein Fernsehsender sein Logo gegen das einer Moschee aus. Eine Tageszeitung räumte ihre Titelseite frei und schrieb auf Arabisch "Frieden". Die Premierministerin trug Kopftuch und viele Bürgerinnen taten es ihr am Freitag gleich, darunter eine blonde Polizistin mit Sturmgewehr.

Und immer wieder hört und liest man diesen einen Satz: "We are one" - "Wir sind eins". Binnen weniger Tage hat die Regierung einen Gesetzesentwurf eingebracht, um Sturmgewehre und halbautomatische Waffen zu verbieten - und zwar ohne große Widerstände. Selbst Waffenliebhaber stimmen zu, dass etwas passieren muss, mehr noch: 300 Menschen gaben in den ersten Tagen freiwillig ihre womöglich bald verbotenen Waffen ab.

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Und auch eine Woche danach legen Bürger weiterhin jeden Tag Blumen an den beiden Moscheen ab, die zu Tatorten wurden. Eine Frau, die gekommen ist, um ihre Anteilnahme auszudrücken, legt die Hand aufs Herz und blickt einem muslimischen Mann an. "Assalamu alaikum", sagt sie. Er nimmt ihre Hand und drückt sie. "Ihr hättet hier sicher sein müssen", hat jemand auf eine Karte geschrieben und unter einen Baum gelegt.

Neuseeländer sind stolz, dass ihre Heimat einer der sichersten Orte der Welt ist. Polizisten patrouillieren hier normalerweise meist unbewaffnet. Die Mehrheit der Bürger sieht Zuwanderung laut Umfragen positiv. Aber zur Wahrheit gehört: Auch in Neuseeland gibt es Rassismus, auch hier hat sich in den vergangenen Jahren Islamfeindlichkeit breitgemacht. Auch hier warnten Politiker auf Stimmenfang in der Vergangenheit von der "asiatischen Invasion".

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Terror in Christchurch: Zwischen Trauer und Trotz

Foto: Jerome Taylor / AFP

Der Soziologe Paul Spoonley von der neuseeländischen Massey Universität hat 2018 Online-Kommentare untersucht. Es habe nicht lange gedauert und er sei auf Hass- und Anti-Islam-Botschaften gestoßen. Und manchmal führte das Geschreibe auch zu Taten. 2016 brachten Männer Schachteln mit Schweineköpfen in die Al-Nur-Moschee, eben jene Moschee, die nun angegriffen wurde. Dabei zeigten sie den Hitlergruß. Das Video davon teilten sie später im Internet. Anjum Rahman vom Islamic Women's Council of New Zealand schreibt, ihre Gruppe hätte die Behörden schon vor Jahren gewarnt.

26 Beerdigungen an nur einem Tag

Weniger als 5000 Muslime leben in Canterbury, der Provinz, in der Christchurch liegt. Der Anschlag lässt eine Gemeinde zurück, die dankbar ist für die Anteilnahme und die Hilfe, die sie erfährt. Aber die auch traumatisiert ist. Viele haben jemanden verloren, der ihnen nahestand, manche gleich mehrere Personen. Allein am Freitag fanden in Christchurch 26 Beerdigungen statt.

Ali M. kam erst vor einem Jahr aus Indien nach Neuseeland, weil das Leben hier so viel besser war als zu Hause: Es war still und friedlich, sein Einkommen nicht üppig, aber ausreichend. Er genoss die Schönheit der Natur und auch die Stille. Ali erzählt große Teile seiner Geschichte nicht selbst, stattdessen berichten sein Bruder und seine beiden Freunde. Sie sind angereist, um ihm beizustehen.

Ali bleibt wortkarg, sein Blick seltsam leer. Er war in der Al-Nur-Moschee, als der Angreifer anfing zu schießen, er sah Menschen, die bluteten und hörte ihre Schreie. Zwei seiner besten Freunde starben bei dem Anschlag, irgendwann sagt er mitten im Gespräch: "Durch einen Kopfschuss."

Seit dem Anschlag kann Ali nicht schlafen, wenn er allein ist. Er schaut dann aus dem Fenster und glaubt, dass jemand kommen wird, um die Sachen zu beenden. Er hat Angst. Und er weiß nicht, wie er sich wieder sicher fühlen kann. "Die Moschee war meine zweite Heimat", sagt Ali. "Wie soll ich jemals dorthin zurückkehren?"

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