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25. September 2011, 15:21 Uhr

New York

80 Festnahmen bei Wall-Street-Blockade

Es sollte ein Sturm auf die Wall Street werden: Aus Verdruss über Ungerechtigkeit in den USA wollten Aktivisten das New Yorker Finanzviertel besetzen, mit 20.000 Demonstranten hatten sie gerechnet. Doch aus dem Massenprotest wurde nichts - die Revolution blieb aus, die Polizei hatte leichtes Spiel.

Hamburg - Bei einer Protestaktion im New Yorker Finanzdistrikt hat die Polizei am Wochenende etliche Demonstranten festgenommen. Die Aktivisten gehören zu einer Gruppe, die seit Tagen auf gesellschaftliche Missstände in den USA und die Schuld der Banken an der Finanzkrise aufmerksam machen will. Als Symbol für ihren Protest kampieren Teilnehmer der Gruppe Occupy Wall Steet seit einer Woche im Zuccotti-Park, einem Platz in Lower Manhattan, nur einen Block von der Wall Street entfernt.

"Es hat rund 80 Festnahmen gegeben", heißt es laut "New York Times" in einer Stellungnahme der New Yorker Polizei. Zur Begründung hieß es, einzelne Demonstranten seien Ruhestörer, sie hätten "Fahrzeuge und Fußgänger blockiert", aber auch "Widerstand gegen behördliche Anordnung" geleistet. In einem Fall habe es eine "Beamtenbeleidigung" gegeben.

Zu den Festnahmen kam es dem Bericht zufolge am Samstagnachmittag, als die Demonstranten vom Zuccotti-Park am Liberty Square in Richtung Union Square im Norden der Stadt zogen. Augenzeugen berichteten, die Polizei habe entlang der Fifth Avenue lange orangefarbene Netze benutzt, offenbar um die Aktivisten vom Weitermarschieren abzuhalten.

"Sie haben uns eingepfercht wie Vieh", sagte die 27-jährige Kelly Brannon aus Queens der "New York Times". "Wir wollten wegrennen, doch sie fingen an, willkürlich Leute anzugreifen und ihnen Handschellen anzulegen." Über eine Umleitung erreichten die Demonstranten schließlich dennoch den Union Square, von wo aus sie zurück zu ihrem Basislager im Zuccotti-Park gingen.

Ein CNN-Bericht vom Sonntag zitiert eine Frau mit blutiger Lippe und angelegten Handschellen, die Passanten zurief: "Ich habe nichts getan und wurde geschlagen!" Auf der Website von Occupy Wall Street schreiben die Aktivisten, dass die Polizisten auch Schlagstöcke und Elektroschockpistolen eingesetzt hätten. Laut CNN wollte das New Yorker Police Department dies auf Anfrage nicht kommentieren.

Flashmob der Konsum- und Globalisierungskritiker

Zu dem Marsch durch das New Yorker Bankenviertel hatte das konsumkritische Magazin "Adbusters" aus Kanada bereits Mitte Juli aufgerufen: 20.000 Leute sollten die Wall Street "monatelang" blockieren und Bankern den Weg zu ihrem Arbeitsplatz versperren.

Sinn der friedlichen Besetzung ist es laut der Gruppe Occupy Wall Street, gegen eine Politik aufzubegehren, die das "Missverhältnis bei der Verteilung von Macht und Wohlstand in unserer Gesellschaft" fördert und nicht eindämmt. Banken werde mit Milliarden von Dollar aus der Krise geholfen, während ein Großteil der Bevölkerung leide: Ein Prozent bereichere sich, während 99 Prozent links liegengelassen würden, lautet die Anklage der Aktivisten: "Wir sind Teil der 99 Prozent und besetzen die Wall Street als symbolische Geste für unsere Unzufriedenheit mit dem derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Klima und als Beispiel für eine bessere Welt."

Im August hatte sich auch die Hacker-Gruppe Anonymous angeschlossen und die Idee einer Besetzung der Wall Street im Internet verbreitet.

Zur Blockade kam es schließlich am vergangenen Wochenende. In Anlehnung an die Protestbewegung in den arabischen Staaten schlugen die Demonstranten ihr Matratzenlager auf einem Platz inmitten der Stadt auf und sorgten damit für Aufmerksamkeit - es sollte nach Angaben der Aktivisten ein "Tahrir Moment" in den USA sein. Der Tahrir-Platz ist ein zentraler Ort in Ägyptens Hauptstadt Kairo, wo sich während des arabischen Frühlings Hunderttausende Menschen versammelt hatten.

Geschäftsleute müssen Umwege in Kauf nehmen

Zwar waren es Schätzungen zufolge nie 20.000 Menschen, die ihrem Unmut Ausdruck verliehen, sondern bei der Auftaktblockade zwischen 1000 und 5000. Doch bei ihrem Auflaufen im Bankenviertel kam es zu beengten Verhältnissen: Geschäftsleute mussten sich an den Massen vorbeizwängen oder Umwege in Kauf nehmen, um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen.

Im Lauf der Woche minimierte sich die Zahl der Demonstranten erst auf ein paar hundert, dann auf einige Dutzend, die ausharren wollten. Auf ihren Transparenten waren Sprüche zu lesen wie "Wall-Street-Gier? New Yorker sagen, es reicht!" oder "Zerschlage den Kapitalismus - befreie den Planeten". Einige der Demonstranten trugen Amerika-Flaggen vor sich her - eine Aktivistin auch ein Bikini-Oberteil mit Stars-and-Stripes-Muster.

Nach den Festnahmen sagte Patrick Bruner, ein Sprecher der Protestgruppe, die sich im Internet gefunden und über soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter Menschen mobilisiert hatte: "Nun sind wir noch entschlossener und wissen: Was wir tun, ist nötig und richtig."

Und Bill Csapo, ein anderer Aktivist, ließ die Öffentlichkeit laut CNN wissen, dass die Proteste noch kein Ende haben: "Wir besetzen den Platz. Wir gehen nirgendwo anders hin."

jus

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