New York Polizei schulte Beamte mit anti-muslimischem Film

Muslime integrieren sich nicht, Islamismus ist wie Krebs, der Westen wird in Kürze erobert: Der Film "Der Dritte Dschihad" strotzt vor Ressentiments - trotzdem setzte die New Yorker Polizei ihn als Unterrichtsmaterial ein. Die Macher gehören zum Umfeld der Republikaner.

"Es war so lächerlich einseitig": Mindestens 1489 Beamten wurde der Film gezeigt
Corbis

"Es war so lächerlich einseitig": Mindestens 1489 Beamten wurde der Film gezeigt

Von Yassin Musharbash


Berlin - Ob ein Film neutral und ausgewogen ist, entscheidet sich nicht allein an den referierten Fakten; selbst wenn diese stimmen, kann der Film in der Summe trotzdem eine ebenso deutliche wie eindeutige Position einnehmen. So verhält es sich mit dem 72-Minuten-Film "The Third Dschihad", zu Deutsch "Der dritte Dschihad", der vorgibt, über die Bedrohung der freien Welt durch den radikalen Islamismus aufzuklären - und tatsächlich vor allem eines fertigbringt: Jeden Unterschied zwischen gewöhnlichen Gläubigen und Terroristen zu verwischen.

Da sieht man zum Beispiel rote Halbmonde sich über eine Weltkarte verbreiten, während apokalyptische Filmmusik spielt. Die Szene ist eingerahmt von schnell geschnittenen Terror-Motiven: blutende Opfer, johlende Dschihadisten, geifernde Hassprediger. Angebliche Experten stellen dazu wie nebenbei Behauptungen auf wie: Muslime wollen sich nicht integrieren.

Der Sprecher erklärt, dass es bei allen Konflikten in der muslimischen Welt immer um die angestrebte Weltherrschaft des Islams gehe - und noch ehe man sich selbst zu Ende gefragt hat, ob das in Gaza oder im Irak-Krieg wirklich der Fall ist, da ist schon das nächste Thema dran: Ehrenmorde, Christenverfolgung, und, ach ja: Beim nächsten Stopp an der Tankstelle sollte man sich als Verbraucher doch mal fragen, warum man den Saudi-Arabern durch seinen Spritkauf das Kleingeld an die Hand gibt, um weltweit in Religionsschulen Terroristen auszubilden!

Wem das noch nicht reicht, der erfährt dann aus sonorem Professorenmund auch noch, dass der Untergang des Westens im Grunde unvermeidlich ist und unmittelbar bevorsteht. Schlimm übrigens, wie viele Gefängnisinsassen zum Islam konvertieren. Und natürlich würde al-Qaida sofort eine Atombombe in Manhattan zünden: "Wer das nicht glaubt, liegt schmerzhaft daneben." Der Islam ist übrigens die am schnellsten wachsende Religion der Welt!

Wovon handelte der Film noch mal? Islam, Islamismus, Terrorismus, Apokalypse: alles eins. Das ist der nicht allzu deutlich versteckte Subtext von "The Third Dschihad". Er wartet zudem mit eloquenten und prominenten Kronzeugen auf, etwa der niederländischen Politikerin Ayaan Hirsi Ali oder dem Islamwissenschaftler Bernard Lewis.

"Muslime wirkten wie der Feind"

Nun ist es ein Kennzeichen der Freien Welt, dass man Filme machen darf, wie es einem gefällt. Und es gibt viele Filme wie "The Third Dschihad", man muss nur an den Geert-Wilders-Film "Fitna" denken. Trotzdem ist um "The Third Dschihad" mittlerweile eine scharfe Kontroverse entbrannt - denn wie nun bekannt wurde, hat das New York Police Department, dessen Chef übrigens in dem Film auch als Gesprächspartner auftaucht, den Streifen Beamten zur Schulung vorgeführt.

Es ist eine neue und alte Geschichte, denn bereits vor einem Jahr wies die New Yorker Zeitung "Village Voice" darauf hin, dass Polizeibeamte mit dem Machwerk geschult wurden. "Nachdem es vorbei war, fragte ich mich: Was war das denn?", zitierte das Blatt damals einen Beamten. "Es war so lächerlich einseitig, Muslime wirkten wie der Feind. Es war nichts als Propaganda."

Doch damals behauptete der NYPD-Vizechef, der Filme sei nur "ein paar Mal" gezeigt worden, "während Beamte Papierkram erledigten, bevor der eigentliche Kurs begann."

Nun stellt sich der Fall anders da: Nach einem Auskunftsbegehren auf Grundlage des Informationsfreiheitsgesetzes der USA musste das NYPD zugeben, dass der Streifen "in Dauerschleife" zwischen drei Monaten und einem Jahr lang gezeigt wurde - und zwar mindestens 1489 Polizeibeamten, wie die "New York Times" berichtet.

Der Ärger kommt zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn das NYPD steht ohnehin gerade in der Kritik, weil es die Muslime der Stadt "aggressiv ausspioniere", wie die "Times" es beschreibt.

Mächtige islamophobe Netzwerke

Die Affäre um den Film hat zudem eine zweite Dimension. Denn er wurde finanziert vom Clarion Fund, einer Stiftung, die wiederum starke Verbindungen zu zwei Präsidentschaftskandidaten der Republikaner hat: zu Mitt Romney und zu Newt Gingrich. Ein ähnlicher Film von Clarion, der vor einigen Jahren entstand, wurde damals von Sheldon Adelson unterstützt, der heute einer der wichtigsten Spender für Gingrich ist. In Clarions Beirat sitzt mit Walid Phares wiederum ein bekannter Protagonist der anti-muslimischen US-Szene, der zugleich Mitt Romney in Nahost-Angelegenheiten berät.

Insbesondere der rechte Flügel der Republikaner ist seit Jahren aufs engste vernetzt mit den Netzwerken islamophober Vordenker und Theoretiker. In diesem Kreisen gilt es auch als ausgemacht, dass Präsident Barack Obama ein heimlicher Muslim ist und die US-Regierung von Muslimbrüdern unterwandert wird.

In "The Third Dschihad" wird nicht derart plump argumentiert, Anti-Obama-Töne finden sich gar nicht, im Vorspann heißt es explizit: Dies ist ein Film über radikalen Islamismus, nicht über den Islam. Er lässt sich also nicht als Wahlkampfbeitrag einordnen.

Wohl aber ist "The Third Dschihad" ein Beispiel dafür, wie die anti-muslimische Szene in den USA mit teuren und aufwendigen Produktionen, Web-Seiten, Studien und Think Tanks das Thema der angeblichen Bedrohung der USA durch den Islam auf die politische Tagesordnung bringt; wenn entsprechende Produkte in die Ausbildung von Staatsdienern einfließen, dürften die Macher kaum etwas dagegen haben.

Es ist zudem nicht der erste Fall dieser Art. So empfahl das FBI seinen Rekruten beispielsweise eine deutlich einseitig und anti-islamisch geprägte Liste von Büchern.

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