Amerika-Serie Wettlauf der Trump-Jäger

Weder "New York Times" noch "Washington Post" sahen den Wahlsieg von Donald Trump kommen. Jetzt kämpfen ihre Chefredakteure gegen den lügenden Präsidenten - und gegeneinander.
"The New York Times"-Gebäude

"The New York Times"-Gebäude

Foto: Uncredited/ ASSOCIATED PRESS

Beide waren schon vor Donald Trump im Amt, beide dachten noch am Wahlabend, dass Hillary Clinton gewinnen würde, beide haben sich diese Gefechtslage nicht ausgesucht. "Aber da sind wir nun", sagt Dean Baquet. "Aufgaben muss man dann lösen, wenn sie sich stellen", sagt Marty Baron.

Die Chefredakteure der " New York Times" und der "Washington Post" teilen die These nicht, dass beide Blätter im Wahlkampfjahr 2016 schwach bis miserabel gearbeitet hätten. "Wir waren wach", das sagen, wortgleich, beide.

Meine These ist, dass beide Blätter einen schweren Fehler gemacht haben, als sie Donald Trump zunächst neugierig wie ein Naturereignis beschrieben. So naiv, so staunend, so durchaus bewundernd. Wie kann ein Bewerber so dreist sein! Dass der sich all das traut! Beide Blätter schrieben Tag für Tag über Hillary Clintons sogenannte E-Mail-Affäre (2015 von der "Times" enthüllt), auch dann noch, als die Ermittlungen längst eingestellt waren und klar war, dass es nur noch das Trump-Lager war, welches eine Schmutzkampagne gegen Clinton führte. Beide Blätter setzten keine Investigativteams auf Trump an, kümmerten sich nicht um dessen Firmengeflecht, nicht um dessen Steuervermeidung, nicht um die Lügen - jedenfalls nicht früh genug. Sie taten es dann doch, aber erst zu einem Zeitpunkt, als Trump unaufhaltsam war und jede Enthüllung kraft seiner Omnipräsenz als " Fake News" zurückweisen konnte. Der Vorwurf also: Ihr habt Trump nicht früh genug ernst genommen.

"Nicht wahr", sagt Baron.

Wahr ist, dass beide Blätter Trump heute ernst nehmen. Beide Blätter vermitteln inzwischen den Eindruck, es gehe um etwas Großes. Um die Demokratie. Um den inneren Zusammenhalt Amerikas und den Zusammenhalt des Westens. "Democracy dies in darkness", mit diesem Satz wirbt die "Post". "Wie im nächsten Batman-Film", spöttelt der Rivale Baquet.

Es gibt Tage, an denen fünf Minuten zwischen ihren Enthüllungen liegen. Am 19. Mai 2017 hatte sich Donald Trump gerade in der Air Force One niedergelassen, um nach Saudi-Arabien zu fliegen, als die "New York Times" eine Eilmeldung verschickte: Trump, so die "Times", habe James Comey, seinen gerade entlassenen FBI-Chef, bei einem Gespräch mit einer russischen Delegation im Oval Office als "nut job", Spinner, bezeichnet; und Trump habe den Russen allen Ernstes erzählt, dass Comeys Rauswurf "großen Druck" von ihm, Trump, nehme. Auf den Bildschirmen im Flugzeug lief Fox News, Trumps liebster Sender. So erfuhr der Präsident von dem jüngsten Scoop.

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Und dann folgte eine Eilmeldung der "Washington Post": "Das FBI hat einen amtierenden Offiziellen des Weißen Hauses als verdächtig identifiziert." Und weiter ging es: Die "Post" meldete, Trump habe den Russen vertrauliche Geheimdienstinformationen ausgeplaudert. Die "Times" meldete, James Comey habe schriftliche Notizen von einem Treffen, bei dem Trump ihn aufgefordert habe, Ermittlungen gegen den damaligen Sicherheitsberater Michael Flynn wegen dessen Kontakten zu Russland fallenzulassen. Und beide Blätter sprechen längst jenes Wort offen aus, das in Amerikas vornehmen Medien noch vor zwei Jahren ein Tabu war: "Lüge".

"Der Präsident lügt." Was für ein Satz - wenn er nicht irgendwo bei Twitter, sondern in der "Washington Post" oder der "New York Times" steht.

Die beiden Chefredakteure kennen einander gut, und sie ähneln einander. Sie schätzen einander auch, vermutlich, das zeigen sie allerdings kaum noch: Der Konkurrenzkampf ist erbittert, beide wollen das wichtigste Blatt der Welt anführen. Und beide haben jeweils einen strategischen Vorteil: Die "Times" ist eine Weltmarke, während die "Post" stets das Blatt des elitären Washington war; die "Post" wiederum wurde von Jeff Bezos gekauft und ist seither Teil des Amazon-Reiches, was zu einer sagenhaft rasanten Digitalisierung und Modernisierung des ganzen Verlags führte.

Wird also irgendwann einer der beiden gewonnen haben?

Beide sind ruhige Anführer ihrer Redaktionen, ernsthaft, und beide waren gute, vielseitige Reporter; wenn es besonders hektisch wird, wird Baron schon mal laut, während Baquet dann eher zum Sarkasmus neigt - oft soll beides nicht vorkommen.

Dean Baquet

Dean Baquet

Foto: New York Times/ dpa

Baquet, 1956 in New Orleans geboren, schrieb als junger Reporter für "The Times-Picayune" in New Orleans und die "Chicago Tribune", wo er 1988 für seine Texte über Korruption in der Stadtverwaltung den Pulitzerpreis gewann. Er ging 1990 zur "New York Times" und 2000 zur "Los Angeles Times" und 2007 zurück nach New York. Er ist der erste Afroamerikaner auf dem Nummer-eins-Posten seiner Zeitung und saß in seinem sparsam engen, vollgestellten Büro mit schwarzen Ledermöbeln, kreolischen Vasen und abstrakten Bildern aus dem French Quarter von New Orleans, als wir uns kennenlernten.

Unser Thema: die amerikanische Zeitungskrise. 2006 hatten die amerikanischen Zeitungen 49 Milliarden Dollar Gewinn gemacht, 2016 waren es 18 Milliarden. Überall gingen vor allem die Anzeigeneinnahmen, aber auch die Auflagen zurück, überall gab es Kündigungswellen. Dean Baquet sagte: "Wir Journalisten dürfen uns nicht mit hausinternen Problemen aufhalten. Wir dürfen niemals sagen, dass Strukturen halt so kompliziert seien, weil sie immer so kompliziert waren - wir müssen heute, jetzt, sofort die perfekten Strukturen schaffen, Techniker und Reporter, Verlag und Redaktion zusammenbringen, um so schlagkräftig wie nur möglich auf den Wandel unserer Welt reagieren zu können." Die "Times" versucht, ihre Inhalte konsequent digital zu verkaufen und hatte Ende 2017 rund 2,3 Millionen Digitalabonnenten. Schon klar, dass diese Abos sehr viel weniger Geld hereinbringen als die guten, alten Printabos, aber darum wurden ja auch die Kosten gesenkt. "Was wir vor allem leisten müssen, ist exklusiver, relevanter Investigativjournalismus", sagte Baquet, "alle digitalen Versuche führen nirgendwohin, wenn sie nicht auf diesem Journalismus gründen."

All die Probleme kennt Marty Baron auch. Baron, der mit seinen Strubbellöckchen, dem Bart, der Nickelbrille und den zusammengekniffenen Augen immer ein bisschen zerknautscht aussieht, war bei "Miami Herald", "Los Angeles Times" und "New York Times", ehe er 2001 Chefredakteur des "Boston Globe" wurde, den der Strukturwandel heftig erwischt hatte. Doch Baron und seine Leute schafften es, Sparen und fulminanten Journalismus zu kombinieren: Sechs Pulitzerpreise gab es in seiner Amtszeit, und vor allem gab es jene Enthüllungen über sexuellen Missbrauch in der tief verwurzelten und allerbestens vernetzten römisch-katholischen Diözese Bostons, aus denen am Ende die große Reporter-Erzählung "Spotlight" wurde, die den Oscar als bester Film gewann.

Marty Baron (rechts)

Marty Baron (rechts)

Foto: DPA/ Katherine Frey/ The Washington Post

Unsere erste Begegnung: ein Frühstück in Washington, D.C., einen Block von der Redaktion entfernt. Baron erzählte höflich von der in Wahrheit absurden Strategie seiner Vorgänger, welche auf Lokaljournalismus statt auf Politik und Enthüllungen setzen wollten; es war die Entkernung, die Entwertung einer großen Marke. Und dann erzählte er von der Verlegerin Katharine Weymouth, die den Mut gehabt hatte, das zu tun, womit keiner gerechnet hatte: Jeff Bezos anzusprechen und die "Post" zu verkaufen, für nur 250 Millionen Dollar. "Was für ein Geniestreich", so Baron, "was für eine Chance für uns."

Bei beiden Blättern gibt es seit über einem Jahr keine Seite eins ohne Trump. Beide haben inzwischen ihre Investigativteams auf Trump angesetzt. In beiden Redaktionen wird darüber diskutiert, ob wirklich jeder Tweet aus dem Weißen Haus eine Nachricht sei. Und beide Chefredakteure haben die Frage ähnlich beantwortet: nein, jeder Tweet nicht. Aber beinahe jeder. Denn wenn der Präsident der Vereinigten Staaten verbal die Welt in Brand setze, dann habe dies Folgen für die Wirklichkeit, und darum sei es eine Nachricht.

Für die USA ist es vermutlich gar nicht so wichtig, wer den Konkurrenzkampf gewinnt; sehr viel wichtiger dürfte die grundsätzliche Frage sein, ob auch in zehn oder 15 Jahren Medien noch aufklärerische Kraft und Glaubwürdigkeit haben werden oder ob Männer wie Trump, die jede zweifelsfrei belegte, aber für sie unangenehme Berichterstattung als Fake News bezeichnen, Erfolg damit gehabt haben werden, den Medien an und für sich die Glaubwürdigkeit zu entziehen.

Dass Trump genau dies versucht, ist offensichtlich. Er meinte vor allem diese zwei Blätter und deren zwei Chefs, Baquet und Baron, als er seinen inzwischen berühmten Satz sagte: "Sie sind die Feinde des amerikanischen Volkes."