New Yorks Bürgermeister Bloomberg pirscht sich Richtung Weißes Haus

New Yorks Bürgermeister Bloomberg ist reich, mächtig und unberechenbar. Jetzt flammen die Gerüchte über eine Präsidentschaftskandidatur wieder auf. Bloomberg dementiert, wie üblich. Hinter den Kulissen aber lotet er seine Chancen aus - und öffentlich präsentiert er sich gekonnt als Mann der Mitte.

AFP

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Was unausgesprochen bleibt, wird am meisten diskutiert. Bewirbt er sich? Bewirbt er sich nicht? Und überhaupt: Was will er mit der Farbe seiner Krawatte andeuten - seit Tagen ein demonstratives Lila?

Letztere Frage beantwortet Michael Bloomberg gerne: "Lila besteht aus zwei Farben, rot und blau", grinst der New Yorker Bürgermeister. "Rot und Blau scheinen eine politische Bedeutung zu haben." Und die kennt natürlich jeder Amerikaner: Rot ist die Farbe der Republikaner, Blau die Farbe der Demokraten.

Der Mann der Mitte trägt folglich lila. Und als Bloomberg - der seit 2007 keiner Partei mehr angehört - am Montag mit rund tausend Menschen in einem Auditorium der Columbia University die unabhängige Politbewegung "No Labels" aus der Taufe hebt, da machen die Spekulationen auch vor seinem Schlips nicht halt. Die Symbolik ist einfach zu naheliegend.

Das Motto dazu steht längst: "Bloomberg for President." Und so fragen sich auch am Montag die meisten Gäste: Ist sein Auftritt als Bannerträger der "No Labels"-Aktion eine Ouvertüre zu einer parteilosen Präsidentschaftskandidatur in 2012?

"Es ist klar, weshalb Bloomberg dabei ist", sagt der Analyst Thomas Mann von der Brookings Institution dem Nachrichtensender CNN: Bloomberg wolle "einen Markt für eine unabhängige Kandidatur schaffen".

Vor dem Publikum erwähnt Bloomberg, 68, das freilich mit keinem Wort - die Dementis vom Wochenende sollen wohl genug sein: "Ich werde nicht kandidieren", hat er da auf NBC News beteuert, zum x-ten Mal. "Kommt gar nicht in Frage."

Die Dementis sind so üblich wie die Gerüchte. Seit Jahren spekulieren die Medien über Bloombergs Präsidentschaftsambitionen, seit Jahren tut Bloomberg das ab - und seit Jahren hält er Reden, die wie Bewerbungen klingen. So bleibt die Story unwiderstehlich: Der Mann ist mächtig, unberechenbar und dank seines Vermögens von rund 18 Milliarden Dollar immun gegen jegliche Einflussnahme.

Posterboy der Enttäuschten

Mehr noch: Hinter den Kulissen - und im Widerspruch zu seinem öffentlichen Abwinken - lotet Bloomberg eine Kandidatur jetzt tatsächlich aus. "Bloomberg denkt ganz ernsthaft darüber nach, er trifft alle nötigen Vorbereitungen", bestätigt ein Freund Bloombergs SPIEGEL ONLINE. "Er wäre bereit, für das Projekt Milliarden aus seinem Vermögen auszugeben. Aber er geht so vorsichtig vor, dass er den Vorstoß jederzeit abblasen und sich davon distanzieren kann."

Denn Bloomberg ist ein Statistiker - er wagt nichts, was er nicht erst empirisch absichern kann. So ist die Online-Plattform Bloomberg Government, die neue Washington-Dependance seines erfolgreichen Medienkonzerns, wohl auch ein weiterer Fühler, den er in die Hauptstadt ausstreckt. Zu seinem Top-Mann dort ernannte er seinen alten Wahlkampfchef Kevin Sheekey, der oft als "Bloombergs Karl Rove" bezeichnet wird, in Anspielung auf den Wahlkampfexperten und Chefstrategen von George W. Bush. Zufall?

Bloomberg spekuliert auf den Frust über die zwei herrschenden US-Parteien. Auch die Auftaktkonferenz der "No Labels"-Bewegung wurde davon genährt. Ein Teilnehmer nach dem anderen beklagte sich da über den Stillstand in der US-Hauptstadt, über Blockade durch Parteidisziplin, über Lobbyisten und Kompromisse, die keine sind. Viele Prominente ergriffen das Wort: die Senatoren Joe Lieberman und Evan Bayh, die Bürgermeister Antonio Villaraigosa (Los Angeles) und Cory Booker (Newark), der scheidende Gouverneur Charlie Crist (Florida).

Doch Bloomberg war der Star des Tages - der Posterboy der Enttäuschten, der den meisten Zuspruch bekam. "Wir alle sind entmutigt von dem, was in Washington passiert", sagte Politberater David Gergen, der schon republikanischen wie demokratischen Präsidenten gedient hat, vor den "No Labels"-Teilnehmern - und rasselte dann eine lange Litanei der Verdienste Bloombergs herunter.

Unwählbar für weite Teile der USA

Neu ist das Phänomen nicht: Wenn Demokraten und Republikaner sich gegenseitig ausmanövrieren, steigt der Stern eines Dritten. Bei der Präsidentschaftswahl 1992 gewann der Milliardär Ross Perot als unabhängiger Kandidat mit seinem Kreuzzug gegen das hohe Haushaltsdefizit 18,9 Prozent der Stimmen - und half dem Demokraten Bill Clinton damit, Amtsinhaber George Bush zu stürzen.

Nun ist die Wirtschaftslage ähnlich mies wie damals, und das Haushaltsdefizit steht erneut ganz oben auf der Liste der Sorgen. Fürs Weiße Haus bleibt Bloomberg deshalb eine unberechenbare Größe, die höchste Aufmerksamkeit erfordert - und vorbeugende Schmeichelei. Im August lud US-Präsident Barack Obama ihn also zum Golfspielen ein, während seines Urlaubs auf Martha's Vineyard. Wer gewonnen hat, ist nicht überliefert.

Überliefert ist dagegen, was Bloomberg anschließend im kleinen Kreis erzählte: Obama, so vertraute er dem konservativen Medienmogul Rupert Murdoch an, sei "der arroganteste Mann", den er je kennengelernt habe. Murdoch - der für die Wahl 2012 seine eigene politische Agenda verfolgt - plapperte das prompt aus.

Das war Bloomberg pur: Er redet, wie ihm der Mund gewachsen ist - selbst wenn seine Positionen nicht mehrheitsfähig scheinen. So plädiert er für Abtreibung und mehr Einwanderung, doch gegen freien Schusswaffenbesitz, ist außerdem, wie er selbst immer wieder gerne betont, single, jüdisch, sozialprogressiv und fiskalkonservativ. Sprich: unwählbar für weite Teile der USA.

Auch sonst fügt sich Bloomberg kaum dem aktuellen Populismus. Als Selfmade-Milliardär hält er der Wall Street die Stange, während der Rest des Landes die Banken hasst. Er verteidigte die Pläne eines islamischen Zentrums samt Moschee unweit von Ground Zero, während viele dagegen Sturm liefen.

Harsche Eingriffe ins Alltagsleben

Meist wirkt er so elitär wie New York City überhaupt auf den Rest des Landes; er reist zum Ausspannen in sein Strandhaus auf den Bahamas, bewegt sich in der Welt der Privatjets und Penthouses, spricht ohne erkennbaren Akzent und höhnt über die erstarkte Tea Party, viele ihrer Mitglieder könnten wohl kaum lesen. Ein so typischer New Yorker, fürchtet die Kolumnistin Joyce Purnick, könnte es landesweit nie schaffen: "Was am Broadway klappt, floppt in fast ganz Amerika."

Doch selbst in der Stadt sinkt sein Stern. Als er sein Amt im Januar 2002 antrat, vergötterten ihn die New Yorker. Als ihr emotionsloser Chief Executive lenkte er sie aus den Terrortrümmern von 9/11 zu neuem Selbstbewusstsein.

Spätestens mit der Rezession schrumpfte Bloombergs Bonus so schnell wie die Kurse an der Wall Street stürzten. Vor allem seine harschen Eingriffe ins Alltagsleben - etwa das stadtweite Rauchverbot - irritierten die Menschen.

Seine Wiederwahl vor einem Jahr, von mehr als 70 Millionen Dollar aus eigener Tasche finanziert und von Kontroversen getrübt, war knapp. Bei der alljährlichen Thanksgiving-Umfrage der Quinnipiac University gaben im November 56 Prozent der New Yorker an, sie würden ihn nicht zum Truthahn-Essen einladen wollen. Zuletzt brachte er viele New Yorker gegen sich auf, als er eine unerfahrene Medienmanagerin zur Schulbeauftragten der Metropole ernannte.

Trotzdem verstummen die Präsidentschafts-Spekulationen nicht. Eine alte Petition, die Bloomberg zum Rennen ums Weiße Haus drängt ("Run, Mike, run!"), hat neuen Zulauf bekommen. "Falls das geteilte Machtsystem in Washington zum Stillstand führt", freute sich auch das "Wall Street Journal" neulich, "erwarten politische Analysten eine potentielle Bewerbung Bloombergs". Deren Folgen malte sich das "New York Magazine" dramatisch aus: Bloomberg könnte Obama so viele Stimmen abtrotzen, dass am Ende die Republikanern Sarah Palin Präsidentin würde.

Sollte es tatsächlich zu einer Bloomberg-Kandidatur kommen, würden Obamas Wahlstrategen auf einen alten Bekannten treffen. Bloombergs Vize-Bürgermeister und wichtigster Politberater heißt Howard Wolfson, früher einer der engsten Mitarbeiter Hillary Clintons, der sie auch bei ihrer Bewerbung um die demokratische Nominierung 2008 unterstütze. Wolfson kämpfte bis zur letzten Vorwahl treu an Clintons Seite - und damit bis zum Ende gegen ihren Rivalen Barack Obama.

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aceofspade 15.12.2010
1. Es ist ja
Zitat von sysopNew Yorks Bürgermeister Bloomberg ist reich, mächtig und unberechenbar. Jetzt flammen die Gerüchte über eine Präsidentschaftskandidatur wieder auf. Bloomberg dementiert, wie üblich. Hinter den Kulissen aber lotet er seine Chancen aus - und öffentlich präsentiert er sich gekonnt als Mann der Mitte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,734423,00.html
wirklich schoen, wenn man $ 18 Mrd im Kreuz hat, und sich damit den Praesidentenjob kaufen kann. Sendungsbewusstsein hat der Herr B. uimmerhin in der Vergangenheit bewiesen. Ich werde allerdings immer misstrauisch, wenn finanzstarke Alpha Tiere die Bevoelkerung auf ihre hoechsteigene Version vom Arbeiter- und Bauernstaat einnorden wollen. Die Amis habe zudem gerade von links eine Lektion in Sachen redistribution of wealth erhalten, die sie nicht gemocht haben. Da bin ich mir nicht sicher, ob die Akzeptanz fuer einen weiteren Manhattan Cocktail Linken weit reicht.
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