Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,

der Albtraum der Stadt ist die Einkreisung. Der Feind hat die Stadt umzingelt, alle Zufahrten abgeriegelt. Er entscheidet, wer oder was kommen und gehen darf. Es fehlt an allem, Hunger und Beschuss zermürben und töten die Stadtbewohner. Wenn ich jetzt von Aleppo lese, denke ich an "Lenas Tagebuch", die Notizen einer jungen Frau aus Leningrad während des Zweiten Weltkriegs, als die Deutschen die Stadt eingekesselt hatten. Der Hunger, der Beschuss, das Leiden und Sterben ringsum. Dazwischen Stunden bestürzender Normalität, der Mensch bleibt Mensch, auch in der Hölle. So stelle ich mir den Ostteil Aleppos vor, der von Assads Truppen und seinen Verbündeten eingekreist ist. 300.000 Menschen leben dort. Die Geschichte des syrischen Kriegs ist eine Geschichte westlicher Unterlassung. Es wird Zeit, etwas zu tun, schon eine Luftbrücke würde helfen.

Foto: Peter Kneffel/ dpa

Gewirr der Lügen

Heute ist der 305. Verhandlungstag im Prozess gegen Beate Zschäpe. Danach folgt eine Sommerpause von vier Wochen. Gestern, am 304. Verhandlungstag, gerieten sich Zschäpes Wahl- und Pflichtverteidiger in die Haare. Es ging um einen Fragenkatalog der Opferanwälte. Es ist immer schwierig, einen langen Prozess würdig aussehen zu lassen. Es wird mit jedem Tag zweifelhafter, ob in diesem Theater der Eitelkeiten, in diesem Gewirr der Lügen und lückenhaften Erinnerungen Gerechtigkeit zu finden ist. Aber Prozesse dauern auch deshalb so lange, weil es die Richter genau nehmen wollen, weil sie jeder Spur nachgehen, damit sie ein stimmiges Urteil fällen können. Diese Chance gibt es noch im Prozess um die Morde des NSU. Die Sommerpause tut allerdings ganz gut.

Foto: Sven Hoppe/ dpa

Seehofers merkwürdiger Satz

Bei Horst Seehofer muss man immer genau hinhören. Bei der Trauerfeier für die Opfer des Münchner Amoklaufs hat er gesagt: "Sicherheit ist das höchste Gut einer Demokratie, die oberste Pflicht des Staates." Stimmt denn das? Man könnte in diesem Satz "Demokratie" durch "Diktatur", "Monarchie" oder "Tyrannei" ersetzen, und er würde immer noch gelten. Haben also Demokratie und Nicht-Demokratie dasselbe höchste Gut? Natürlich nicht. Freiheit ist das höchste Gut einer Demokratie. Das unterscheidet sie von allen anderen Staatsformen. Genauso gilt: Wer die Prioritäten verändert, verändert die Staatsform. Man muss aufpassen in diesen Zeiten.

BER-Hallenbad

Heute wird in Berlin der Wahl-O-Mat für die Landtagswahl im September vorgestellt. Endlich. Ich habe nicht die geringste Ahnung, wen ich wählen soll. Ein blasser Spitzenkandidat der SPD, ein grober Spitzenkandidat der CDU, gleich vier Spitzenkandidaten der Grünen, deren Namen ich noch auswendig lernen muss. Das könnte ich schaffen bis zum September, wenn ich denn wollte. Von den anderen Parteien will ich erst gar nicht reden. Vielleicht hilft mir der Wahl-O-Mat. Ich rechne unter anderem mit dieser Frage: Erwarten Sie von der Partei, die Sie wählen, dass sie den unbrauchbaren Berliner Großflughafen BER in ein gigantisches Hallenbad verwandelt? Meine Antwort: ja.

Foto: VINCENZO PINTO/ AFP

Verlierer des Tages

Bastian Schweinsteiger wird heute wohl nicht mit den Profis von Manchester United trainieren. Seinen Spind musste er schon räumen, wie britische Medien berichteten. Er gehöre nur noch zum Reserveteam. Das ist sehr, sehr bitter, das hat er nicht verdient. Ein Glückskind war Schweinsteiger nie. Oft verletzt, ein Mann der entscheidenden Fehler. Er verschoss seinen Elfmeter im Finale der Champions League gegen Chelsea, ihm passierte ein dämliches Handspiel im Halbfinale der EM gegen Frankreich. Aber er war ein Renner und Kämpfer, der seinen Mannschaften große Siege erarbeitet hat. Dafür steht sein blutiges Gesicht beim Endspiel der WM 2014. Schweinsteiger ist der Verlierer des Tages, aber das ist gar nichts gegen die Unsterblichkeit, die er sich erkämpft hat.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.

Herzlich

Ihr Dirk Kurbjuweit

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